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USA:Ein magischer Ort

Bis 1964 herrschte in Alabama die gesetzliche Rassentrennung, danach regierte ein reaktionärer Gouverneur. In der Industriestadt Birmingham zündeten Rassisten eine Bombe in einer schwarzen Kirche, die anschließenden Proteste ließ der Polizeichef niederknüppeln. Martin Luther Kings berühmter Friedensmarsch von Selma nach Montgomery wurde zweimal von der Nationalgarde gestoppt, erst im dritten Versuch gelangten die Demonstranten in Alabamas Hauptstadt. Aber das war in den Städten. In einem Interview kurz vor seinem Tod im Jahr 2015 hat Percy Sledge erzählt, wie friedlich das Zusammenleben von Schwarzen und Weißen in Muscle Shoals war. Auch Bill Lawson hat es so erlebt: "Armut hatte hier nichts mit der Hautfarbe zu tun. Alle haben Baumwolle gepflückt, um über die Runden zu kommen. Meine Eltern haben sich sogar dabei kennengelernt."

Am Tennessee River. Frachtkähne tuckern vorbei. An einem steinernen Picknicktisch zwei Männer. Der eine klimpert auf der Gitarre, der andere macht sich Notizen. Der Mann mit der Gitarre heißt Kelvin Holly. Er ist groß und schlank, seine Haare sind lang und angegraut. Auch er hat mit Rockgrößen gespielt. Der andere stellt sich als Robert Cline vor. Er ist Sänger und Komponist, kommt aus Texas und lebt seit ein paar Monaten in Muscle Shoals. "Wir schreiben Songs", sagt Kelvin Holly, besser hier am Fluss als drinnen in einem öden, dunkeln Studio."

Sängerin Cher

Auch Cher nahm in Muscle Shoals Songs auf, hier 1969 mit dem Produzenten Jerry Wexler.

(Foto: Getty Images/Michael Ochs Archives)

Eine Frau setzt sich zu ihnen, zierlich, blond, mit Korkenzieherlocken. Tonya Holly ist Kelvins Ehefrau. Früher hat sie als Besetzungschefin für Filmstudios in New York und Hollywood gearbeitet. Seit ein paar Jahren dreht sie Dokumentarfilme. Von hier, aus Muscle Shoals, Alabama. Ihre Produktionsfirma residiert in einem Backsteinbau, einen Steinwurf vom Tennessee River entfernt. Das Gebäude war ursprünglich ein Elektrizitätswerk, dann eine Festhalle, anschließend ein Musikstudio, betrieben von den Swampers, nachdem ihnen die Räumlichkeiten am Jackson Highway zu klein geworden waren.

Die Studios und ein paar Büros hat Tonya Holly an Musiker vermietet. An ältere wie David Hood. Und an junge wie Robert Cline. Muscle Shoals ist ein magischer Ort, findet Tonya Holly: "Hier am Tennessee River war früher eine indianische Kultstätte. Wenn das Wasser über die Steine floss, über die Shoals, machte es ein wunderschönes Geräusch, als würde es singen. Die Indianer nannten diese Stelle Maiden of the River, die Siedler sprachen vom singenden Fluss. Kein Wunder, dass hier so tolle Musik entsteht."

Ein Samstagabend im Nutthouse, einem Studio in Downtown Muscle Shoals. Vor der Plexiglasscheibe zum Kontrollraum sind die Instrumente aufgebaut: Gitarren, Pianos, ein Bass und ein Schlagzeug. Davor Stuhlreihen mit Platz für rund hundert Leute. Alle Stühle sind besetzt. Es treten auf: Andreas Werner und Kelvin Holly. Die Legenden Donnie Fritts und Spooner Oldham. Und Robert Cline. "Toll, mit ihnen zu spielen", begeistert er sich. "Sie repräsentieren die Musikgeschichte dieser Gegend, aber auch Blues und Country, klassische amerikanische Musik also."

Der erste Künstler am heutigen Abend ist Mark Narmore. Ein Komponist und Texter für viele Country-Sänger. Außerhalb der Musikszene ist er wenig bekannt. Mark Narmore setzt sich hinters Piano. Und stimmt ein Lied an über seine musikalischen Helden: über die Swampers.

Reiseinformationen

Anreise: Muscle Shoals ist zwei Autostunden von Birmingham/Alabama entfernt, zweieinhalb von Nashville drei von Memphis. United und Delta fliegen alle drei Städte von München über Washington bzw. Atlanta an. Nach Birmingham und zurück ab 1050 Euro.

Übernachten: Coldwater Inn, DZ ca. 100 Euro, www.coldwaterinn.com

Nachtleben: In Muscle Shoals und Umgebung treten jeden Abend Bands auf, oft aber unangekündigt, z.B. im Rattlesnake Saloon, www.rattlesnakesaloon.net, oder im Champy's, www.champyschicken.com

Studios: Das Fame-Studio, www.fame2.com, kann unter der Woche von 9 bis 16 Uhr und samstags von 10 bis 14 Uhr besichtigt werden. Die geführte Tour kostet neun Euro. Muscle Shoals Sound, https://muscleshoalssoundstudio.org, ist von Mai bis Anfang September täglich geöffnet von 10 bis 17 Uhr. Jeweils zur halben und vollen Stunde findet eine Tour statt (13 Euro).

Auskünfte: Alabama Tourism, Tel: 0521 / 19 86 04 15

Hinweis

Die Recherchereise für diesen Beitrag wurde zum Teil unterstützt von Veranstaltern, Hotels, Fluglinien und/oder Tourismus-Agenturen.

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