Süddeutsche Zeitung

Urlauberboom in Spanien:"Tourist go home"

Nie war Spanien beliebter bei Touristen. Das freut nicht alle: In Barcelona oder auf Mallorca wollen immer mehr Einheimische ihre Ruhe zurück.

Von Thomas Urban, Barcelona

Die Ramblas waren einst die beschauliche Flaniermeile von Barcelona. Fast anderthalb Kilometer von der zentralen Plaça de Catalunya hinunter zum Hafen, vorbei an Jugendstilfassaden, dem prachtvollen Opernhaus Liceu, entlang der traditionellen Blumenstände und eleganten Cafés. Doch diese Zeiten sind vorbei: Die Ramblas sind ein großer Rummel geworden, die Touristen treten sich gegenseitig auf die Füße, so viele sind es im Sommer. Es gibt vor allem billigen Touristenschnickschnack an den Ständen, viele Cafés sind Fast-Food-Restaurants gewichen. Und ein Heer bestens organisierter Taschendiebe ist auf den Ramblas im Einsatz. "Wir wollen unsere Stadt für uns zurückerobern", sagt die seit dem Frühjahr amtierende Bürgermeisterin Ada Colau, die aus der Hausbesetzerszene kommt.

Ähnliche Sätze kommen von den Bürgermeistern der größten Städte auf den Balearen; in den Lokalzeitungen der Touristengebiete wird in Leserbriefen über die "Touristenplage" geklagt. Sogar in der Pilgerstadt Santiago de Compostela klagt der Bürgermeister: "Genug ist genug!" 2014 haben fast eine Viertelmillion Pilger den Jakobsweg absolviert, vor einem Vierteljahrhundert waren es weniger als 5000.

Im fernen Madrid staunt man über den Stimmungsumschwung an den Urlauberküsten: Schließlich bringen die Touristen doch das Geld, und das Wirtschaftsministerium verkündet stolz immer neue Besucherrekorde. Dieser August, das wurde schon berechnet, wird wohl der erfolgreichste Monat in der Geschichte des spanischen Fremdenverkehrs, zumindest was die Zahl der Übernachtungen und des Gesamtumsatzes angeht.

Im vergangenen Jahr kamen insgesamt 65 Millionen Urlauber aus dem Ausland nach Spanien, dieses Jahr könnten es zwei Prozent mehr werden. Das Land profitiert von den Krisen auf der anderen Seite des Mittelmeeres, vor allem in Ägypten und Tunesien. Allein acht Millionen Touristen werden bis Ende 2015 wenigstens einmal in Barcelona übernachtet haben, dreimal so viele wie noch vor 20 Jahren.

Deshalb sind nicht die Ramblas das Hauptproblem der katalanischen Metropole, sondern die schiere Masse an Touristen, die sich auf die Innenstadt verteilen. Barcelona zählt für die junge Generation weltweit zu den beliebtesten Reisezielen. Die Stadtväter waren lange über die Zuwachsraten hoch erfreut, doch immer mehr Einwohner begehren nun dagegen auf: Auch nachts ist hier ständig Party, der Lärm enorm. Die Preise für Lebensmittel und für Mieten sind stark gestiegen. Ada Colau wurde auch mit dem Argument Bürgermeisterin, dass von dem Boom nur wenige Firmen und eine privilegierte Schicht von Wohnungsbesitzern profitieren, während der Rest nur die Nachteile zu spüren bekommt.

Die neue Stadtspitze in Barcelona hat drastische Maßnahmen zur Verringerung der Touristenzahl angekündigt: Privatleute dürfen nur noch mit Genehmigung der Behörden ihre Wohnungen in den Sommerwochen vermieten. Alle Hotels und Hostels müssen sich neu registrieren lassen, und ein Jahr lang sollen neue Anbieter keine Genehmigung bekommen. Kritiker meinen jedoch, dass diese Maßnahmen wenig Wirkung zeigen werden: Es müsste eine Internetpolizei geben, die Online-Portale für Ferienwohnungen systematisch kontrolliert. Zudem würde die Lizenzvergabe eher der Korruption den Boden bereiten.

Auf Mallorca und einigen anderen Inseln wollen die Stadtoberen andere Wege beschreiten: Der Urlaub soll teurer werden. Die Touristen sollen diverse Abgaben bezahlen: für Verkehr, Umweltschutz, Mietwagen, die Anreise im eigenen Pkw. Vor allem denkt man auf Mallorca über eine Begrenzung der Touristenzahlen nach. Dies setzt allerdings ein kompliziertes Planungssystem voraus, in das die Hotelbranche, die Fluggesellschaften und Fährbetriebe eingebunden werden müssen. Keine leichte Sache.

Im lauten Zentrum Barcelonas haben genervte Einwohner Spruchbänder an ihre Balkone gehängt: "Tourist go home!" Die Bürgermeisterin betont bei jeder Gelegenheit, Barcelona wolle an seiner Tradition der Gastfreundschaft festhalten. Aber: "Wir wollen kein zweites Venedig werden!"

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SZ vom 14.08.2015/ihe
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