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Urlaub und die Corona-Pandemie:Traum Reisen

Germany Bavaria Oberstdorf man on a hike in the mountains looking at view at sunset model release

Heimaturlaub könnte in diesem Jahr das höchste der Gefühle sein. Ein Bild aus unbeschwerteren Zeiten: aus den Allgäuer Alpen

(Foto: imago/Westend61)

Die Reisewarnung ist verlängert, sorgloser Urlaub liegt in weiter Ferne. Doch die Zeit nach der Pandemie bietet eine große Chance - für Ziele ebenso wie für ihre Besucher.

Das Fernweh gehört zu den Deutschen wie ihr Reisepass. Das Heftchen im bordeauxroten Einband mit Goldprägung verbrieft ihre Freiheit, 171 Länder ohne Visum besuchen zu können. Normalerweise wäre jetzt die ideale Zeit auszuschwärmen. Pfingsten naht, Ferien und Feiertage stehen an, die Motoren der Reiseindustrie, von der ganze Volkswirtschaften abhängen, würden für gewöhnlich mächtig anspringen.

Doch tatsächlich wären die meisten Deutschen schon froh, wenigstens zum Italiener um die Ecke gehen zu dürfen, um sich bei Spumante und Spaghetti ein bisschen aus Home-Office und sozialer Distanziertheit hinauszuträumen. Daran wird sich so schnell nichts ändern, nachdem die Bundesregierung ihre weltweite Reisewarnung bis 14. Juni verlängert hat und Restaurantbesuche wie Tourismus auch innerhalb Deutschlands weiterhin untersagt sind. Die anhaltenden Einschränkungen sind schmerzhaft, aber nötig, solange das Virus grassiert. Und selbst wenn es erlaubt wäre, würde jetzt wohl kaum jemand in ein Land fahren, in dem die Lage so angespannt ist wie in Italien oder Spanien.

Rustici - Landhäuser - in der Toskana sind so unerreichbar wie Campingplätze an der Ostsee oder die Cookinseln im Südpazifik, die sich zur coronafreien Zone erklärt haben. Entlegene Ziele wie dieses galten vor der Pandemie als Inbegriff des Luxus. Heute fällt sogar Urlaub auf dem Bauernhof in diese Kategorie. Denn wahrer Luxus ist die Freiheit, sich frei bewegen zu können und entscheiden zu dürfen, wohin die Reise geht, das hat die Krise klargemacht. Alarmzustände, Ausgehbeschränkungen, geschlossene Grenzen und Quarantänen machen jeglichen Reisewunsch zunichte. Solange Corona tobt und zumindest EU-weite Lösungen für vernünftigen Tourismus fehlen, bringt der beste Pass nichts.

Die Reisewarnung für alle touristischen Ziele im Ausland ist beispiellos. Sie wird vom Auswärtigen Amt sonst nur zögerlich für einzelne, lebensgefährliche Kriegs- und Krisengebiete ausgesprochen. Jetzt gilt sie, mindestens, bis kurz vor Beginn der Sommerferien im ersten Bundesland, Mecklenburg-Vorpommern. Der Sommerurlaub im Ausland ist zwar offiziell noch nicht abgeschrieben, aber ein Drittel aller Deutschen hat ihn bereits storniert oder verschoben. Die anderen überlegen, wie lange sie noch damit warten sollen und ob ein Gutschein statt einer Rückzahlung akzeptabel wäre. Zwei Drittel der in Deutschland vor allem mittelständisch organisierten Reisebüros und Veranstalter kämpfen um ihre Existenz. Bis Ende April meldeten sie Umsatzeinbußen von 4,8 Milliarden Euro. Mehr als doppelt so hoch ist die Gesamtsumme, mit der Branchenriesen wie Lufthansa und die Tui vom Staat gestützt werden sollen - eine Hilfe, die zu begrüßen ist, schließlich sind die Unternehmen nicht selbst verschuldet in die Krise geraten.

Die Tourismusindustrie versteht sich darauf, mit Menschen umzugehen. Ihr Produkt heißt Urlaub, ihre wichtigsten Rohstoffe sind der Traum von unbeschwerten Tagen, die Vorstellung vom Ausbruch aus dem Alltag und das Versprechen von Erholung. Für die meisten Deutschen sind Sonne und Strand, egal in welchem Land, der imaginäre Raum, in dem sich diese Urlaubsvorstellungen am besten realisieren lassen. Plexiglasboxen für Badegäste, wie in Italien diskutiert, passen dazu schlecht. Auch andere Vorschläge wie die Abschaffung der Hotelbuffets, Ein-Gang-Menüs, die von Kellnern mit Schutzmasken in halb leeren Restaurants serviert werden oder Länderkorridore, durch die negativ auf Covid-19 getestete Gäste in dekontaminierte Feriendomizile geschleust werden, erfüllen kaum die Anforderung der Sorglosigkeit. Sie signalisieren aber: Vielleicht wäre eine Auslandsreise auf Teufel komm raus doch irgendwie möglich.

Bevor jedoch Grenzöffnungen für Urlauber in Betracht kommen, muss jedes Land die Seuche in den Griff bekommen. Experten erwarten, dass dies in Deutschland eher geschieht als anderswo. Dann wäre Heimaturlaub in diesem Jahr das höchste der Gefühle. Warum auch nicht. Deutschland ist seit jeher liebstes Urlaubsziel der Deutschen. Bayerns Berge konkurrieren mit Mecklenburg-Vorpommerns Ostseeküste um den Titel der populärsten Ferienregion. Dazwischen gibt es noch viel mehr zu entdecken in viel weniger besuchten Gegenden, sei es in der Eifel, im Thüringer Wald, im Harz oder in der Oberpfalz. Dort braucht es keine Plexiglaswände. Gäste haben Platz und finden ohne Reservierung ein Jahr im Voraus bezahlbare Unterkünfte. Zudem gibt es bewährte Urlaubsformen, die bei einem Neuanfang als erste denkbar wären: Radreisen, Ferienwohnungen, Camping oder Hausboote bieten Abstand, Privatsphäre, halbwegs Sicherheit.

In der Zeit nach der Corona-Krise liegt eine Chance. Wenn der Tourismus sachte wieder hochgefahren wird, lässt sich Auswüchsen der vergangenen Jahre gegensteuern, insbesondere der Überfüllung beliebter Orte und den Umweltschäden. Über Bettenkapazitäten, Lizenzen für Ferienwohnungen, durchdachte Transportlösungen und eine bessere Verteilung der Gäste lässt sich der Andrang justieren. Mittelstreckenflüge zu Busfahrpreisen gehören ohnehin der Vergangenheit an. Das in jüngster Zeit klare Wasser in den Kanälen von Venedig oder die plötzlich auffällige Artenvielfalt auf Mallorca zeigen weniger, dass sich die Natur Touristenorte zurückerobert, als dass sie trotz des Tourismus immer da, aber oft nicht mehr sichtbar war. Das sollte Ansporn sein, mehr politische Schutzmaßnahmen dafür zu treffen.

Die neuen Abstandsregeln könnten Urlauber dazu inspirieren, an neue Orte, nicht nur zu den üblichen Hotspots zu reisen. Auch in der Sächsischen Schweiz kann man seine Zehen in Sand stecken. Um sich zu erholen und Abstand vom Alltag zu gewinnen, muss man keine exotischen Länder abhaken. Die Freiheit, unterwegs zu sein, lässt sich besser nutzen.

© SZ vom 30.04.2020/ihe
Tappenkarsee mit Tappenkarhütte in Kleinarl Salzburg Österreich Europa iblaic00929004

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