Urlaub und Corona:"Erholung ist unter diesen Bedingungen eine Herausforderung"

Eine Frau mit Mundschutz geht am Strand von Can Pastilla auf Mallorca.

Sommer, Sonne, Strand, Erholung? Ganz so einfach ist es in diesem Jahr nicht.

(Foto: Clara Margais/dpa)

Im Corona-Sommer ist Entspannen in den Ferien schwierig. Erholungsforscherin Jessica de Bloom erklärt, warum man trotzdem nicht auf Auszeiten verzichten sollte - und wie man sie im Alltag unterbringt.

Interview von Eva Dignös

Welche Effekte hat Urlaub auf Gesundheit und Wohlbefinden? Und wie schafft man einen Ausgleich zum Arbeitsstress? Dazu forscht die deutsche Psychologin Jessica de Bloom an den Universitäten im niederländischen Groningen und im finnischen Tampere.

SZ: Frau de Bloom, viele haben die Sommerferien zu Hause verbracht - und fühlen sich trotz Urlaub gerade alles andere als erholt. Natürlich, da sind die Sorgen angesichts steigender Corona-Zahlen. Aber gibt es noch andere Gründe?

Jessica de Bloom: Eine große Rolle spielt der fehlende geistige Abstand von der Arbeit. Ihn herzustellen, ist in diesen Zeiten extrem schwierig, weil das Zuhause für viele Leute zum Arbeitsplatz geworden ist. Wenn man nun daheim Urlaub macht und seine Arbeitsecke ständig im Blick hat, ist man viel schneller geneigt, mal eben kurz die Mails zu checken und Anrufe von Kollegen entgegen zu nehmen. Oder man wird ständig an die Aufgaben erinnert, die nach dem Urlaub anstehen. Es fällt schwerer, klare Grenzen zur Arbeit zu ziehen. Erholung ist unter diesen Bedingungen eine Herausforderung.

Jessica de Bloom Professorin für Psychologie Erholungsforscherin

Psychologin Jessica de Bloom erforscht, wie man sich am besten erholt - nicht nur im Urlaub, sondern auch im Alltag.

(Foto: privat)

Also am besten gleich ganz auf den Urlaub verzichten?

Nein, auf keinen Fall. Wenn man Urlaub gleichsetzt mit Reisen und sich diese Erholung nicht zugesteht, weil man nicht reisen kann, tut man sich nichts Gutes, im Gegenteil. Die Forschung zeigt: Der Erholungseffekt durch einen Urlaub hält nur relativ kurz an. Wichtig ist die Regelmäßigkeit von Erholung. Es funktioniert nicht, das ganze Jahr hart zu arbeiten, dann vier Wochen zu verreisen und zu glauben, alles sei wieder in Ordnung. Das gilt in der aktuellen Situation ganz besonders.

Wir haben eine heftige Zeit hinter uns, gerade in den ersten Wochen, als die Kinder nicht in den Kindergarten oder die Schule gehen konnten, man trotzdem den Haushalt schmeißen und irgendwie seine Arbeit erledigen musste, möglicherweise im Homeoffice unter schlechten ergonomischen Bedingungen. Viele Menschen sind noch mehr belastet als sonst. Man sollte sich deshalb gerade jetzt einen Zeitraum ohne Arbeit, ohne Verpflichtung gönnen. Und das, auch wenn man zu Hause bleibt, ganz klar den Kollegen kommunizieren, die Abwesenheitsnotiz für die Mails aktivieren und Benachrichtigungen am Handy abschalten. Ich werfe im Urlaub sogar die App ganz vom Telefon, um zu verhindern, dass ich noch eben schnell nachschaue. Man muss sich da manchmal selbst austricksen.

Aber Sie sagen selbst: Freie Zeit zu Hause erholsam zu gestalten, ist gar nicht so leicht. Wie macht man es also richtig?

Das ist individuell tatsächlich sehr verschieden. Der eine braucht schweißtreibenden Extremsport, der andere eine entspannte Radtour am Abend. Vielen hilft der Aufenthalt in der Natur, andere hören Musik oder treffen sich mit Freunden. Gut ist alles, was auf andere Gedanken bringt, was einen davon abhält, weiter zu grübeln. Man spricht von Erholungserfahrungen, für die mehrere Aspekte eine Rolle spielen: die Entspannung von Körper und Geist, Herausforderungen wie ein neues Hobby, das Gefühl, die Kontrolle über seine Freizeitgestaltung zu haben, die Verbindung zu anderen Menschen und das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun. Zentraler Faktor ist der mentale Abstand zur Arbeit, das hat sich in Studien gezeigt: Er ist notwendig, damit die anderen Dinge stattfinden können. Erholungserfahrungen sind allerdings schwieriger zu erreichen in Zeiten, in denen alles anders ist und in denen vieles, was man gern machen würde, nicht machen kann.

Familien haben in den vergangenen Monaten sehr viel mehr Zeit miteinander verbracht als gewohnt. Und im Urlaub dann schon wieder: Kann das gut gehen?

Gute Frage, es sind bestimmt Forscher gerade damit beschäftigt, das zu ergründen. Der gemeinsame Urlaub ist immer, auch außerhalb von Coronazeiten, eine intensive Zeit. Im Alltag hat jeder seine Hobbys, macht Sachen für sich. Dann kommt der Urlaub und auf einmal verbringt man viel mehr Zeit zusammen. Da gilt so ein bisschen das Prinzip "make it or break it". Der Urlaub holt zu allen Zeiten das Beste und das Schlechteste aus dem Menschen heraus. Wenn insgesamt Harmonie herrscht, dann ist sie im Urlaub eher noch größer. Wenn schon Konflikte da sind, dann verstärken die sich.

Und dann geht nach so einem unentspannten Urlaub der Alltag wieder los. Wie soll man das schaffen, die Belastungen sind ja kaum weniger geworden?

Wichtig sind tatsächlich immer wieder Pausen, eine bewusste Mittagspause auch im Homeoffice, ein Spaziergang nach Feierabend, ein komplett arbeitsfreies Wochenende. Selbst kurze Momente können viel Erholung bringen.

Wie lässt sich das messen?

Wir haben zum Beispiel untersucht, wie sich ein kurzer Spaziergang in der Natur während der Mittagspause auf das Wohlbefinden auswirkt und es hat sich gezeigt, dass schon 10 oder 15 Minuten eine positive Wirkung hatten: Die Probanden fühlten sich produktiver, weniger erschöpft, hatten auch am späteren Nachmittag noch das Gefühl, etwas schaffen zu können. Umgekehrt hat man festgestellt, dass die Schlafqualität leidet, wenn man spät noch arbeitet, weil man dadurch den Körper noch einmal komplett aktiviert.

Aber kann ein entspanntes Wochenende vom Erholungswert her tatsächlich einen Urlaub ersetzen?

Es hängt wirklich davon ab, wie ich das Wochenende fülle. Alle Aktivitäten, die einen verpflichtenden Charakter haben - Hausarbeit zum Beispiel, Steuererklärung, Behördengänge - bringen keine Erholung, aber Hobbys oder Aktivitäten im Freien, das hilft. Es ist dann gar kein so großer Unterschied, ob ich Sport treibe oder faul im Garten liege und lese: Da geht es auch wieder vor allem um den geistigen Abstand von der Arbeit. Jeder erreicht ihn anders - es ist wichtig, den besten Weg für sich selbst herauszufinden.

Tatsächlich ist der Verlauf der Erholungskurve ähnlich, egal ob Kurzurlaub oder längerer Urlaub. Schon nach ein, zwei Tagen ist man auf einem sehr hohen Niveau, das dann auch nicht mehr steigt, egal ob man vier Tage oder drei Wochen weg ist. Schon vor Urlaubsende flacht es wieder ab und oft fühlt man sich, unabhängig von der Dauer, bereits in der ersten Woche nach dem Urlaub wieder wie vorher.

Corona ändert den Alltag. Wirkt sich die Pandemie auch auf die Ferienplanung aus?

Ich könnte mir vorstellen, dass sich durch Corona die Urlaubsmuster verändern, dass die Menschen eher öfter mal kürzere Auszeiten einlegen, vielleicht einen Montag oder Freitag freinehmen für ein verlängertes Wochenende. Ich halte das für einen guten Trend, weil wir in allen Studien sehen, dass die Erholungseffekte nur relativ kurz anhalten. Und da macht es viel mehr Sinn, die freie Zeit etwas besser zu verteilen.

© SZ.de/kaeb
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