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Ureinwohner:Gestrandet in der Gegenwart

Die Ureinwohner auf den Andamanen haben den Tsunami im Indischen Ozean alle überlebt. Doch die Touristen und Journalisten, die jetzt auf die Inseln strömen sind für die ursprünglichsten Stämme der Erde viel gefährlicher.

Von Karin Steinberger

Wenn alles schief geht, wäre da noch Lalji Singh. Er hat Teile der Menschheit im Gefrierschrank zwischengelagert. 8000 Völker bislang. Das ist noch nicht genug, er arbeitet daran.

Onges-Ureinwohner

Lalij Singh nimmt eine DNA-Probe von einem Mitglied der Onges.

(Foto: Foto: Reuters)

Lalji Singh holt eine rosa Schachtel aus dem Eis, der Gefrierschrank brummt, er fragt: "Wollen Sie meine Völker sehen?" Dann zieht er aus der Schachtel Ampullen, jede Nummer ein Ureinwohner, tiefgefrorenes, kostbares Erbgut. Das sind sie, die Onges und die Jawaras, die Nikobaresen und die Großen Andamanesen. "Gene aus der Steinzeit", sagt er. Der Direktor des Centre for Cellular and Molecular Biology in Hyderabad hat viele Gefrierschränke voll mit der DNS von Geschöpfen, die vom Aussterben bedroht sind. Dass dazu auch Menschen gehören, sei eine traurige Geschichte, sagt er. Dann schiebt er die Ampullen zurück in die Kälte.

Seine Völker vertragen sie nicht, die Hitze Indiens. Es war harte Arbeit, bis er sie im Gefrierfach hatte. Lalji Singh hat lang gekämpft, um Blut und Speichel zu bekommen von den am wenigsten erforschten Völkern dieser Erde: den Völkern der Andamanen und Nikobaren. Doch seine Sammlung ist unvollständig, das Erbgut erst in kleinen Teilen entschlüsselt. Und die Zeit wird knapp.

Es sind nur noch wenige: 250 Jarawas, 100 Sentinelesen, 98 Onges, 50 Große Andamanesen. Sie bekommen immer weniger Kinder, weil bei so kleinen Völkern Fortpflanzung Inzucht ist. Lalji Singh sagt: "Sie tragen die Weisheit von Jahrtausenden in sich. Ihre Körper kennen keine Medizin, sie haben sich nie mit andern Völkern gemischt, sie sind wie wir am Anfang der Zeit. Ursprüglich gab es zwölf Stämme auf den Andamanen. Die vier, die noch da sind, sind die stärksten, sie haben alles überlebt." Bis jetzt. Denn noch etwas vertragen sie nicht, seine Völker: die Zivilisation.

Die Hoffnung liegt auf Eis

Für Lalji Singh ist das Gefrierfach die letzte Hoffnung. Den Rest bringt die Zukunft. Irgendwann werden Wissenschaftler aus seinen gefrorenen Genen Völker neu erschaffen, sagt er. "Bei den Dinosauriern ging es noch nicht, aber jetzt haben wir die Möglichkeit." Lalji Singh ist zuversichtlich, er hat nur ein Problem: die Regierung.

Sie gibt ihm kein Blut mehr und keinen Speichel. "Willkür", sagt er. Von Ignoranz redet er und von kolonialen Anmaßungen, von Ureinwohnern, die wie Bettler behandelt werden, gegängelt und weggesperrt von selbstherrlichen Beamten.

Urwaldkönig mit Magensonde

Also macht man sich auf den Weg zu den letzten ihrer Art, weit draußen im Indischen Ozean - bevor es zu spät ist. Und landet erst einmal im Krankenhaus.

Im G. B. Pant Hospital in Port Blair trifft man den König. Seit Wochen fällt er immer wieder ins Koma. Mal ist er bei Bewusstsein, mal nicht, manchmal redet er, manchmal zittert er nur. Es gibt gute Tage und es gibt schlechte Tage. Irgendwann dazwischen ist bei seinem Volk die Hoffnung verloren gegangen. Es ist, als hätte der König sie über die Magensonde, die man ihm durch die Nase geschoben hat, eingesaugt, dem königlichen Magen übergeben und dann kräftig aufgestoßen.

So fühlen sie sich: wie ausgekotzt.

Und doch sitzen sie an seinem Bett, Tag und Nacht, die Letzten vom Stamm der Großen Andamanesen. Ein Bruder des Königs, eine Frau des Königs, eine Tochter des Königs und eine Alte, die sich noch daran erinnern kann, wie es war, das Leben ohne Kleider, Milchpulver und zuckersüße indische Bisquits. Es war ein harter Schritt vom Volk der Jäger und Sammler zur Neuzeit. Die Jungen können oft nicht mehr mit Pfeil und Bogen umgehen, wissen nicht, wie man Schildkröten jagt und wie man sich mit dem Fett der Seekühe einreibt.

Sie lachen, wenn die Alten sagen, dass Vögel zu den Seelen sprechen und es keine Zahl jenseits der zwei gibt. Für die Alten gab es seit Anbeginn nur einen Feind: das Volk der Jarawa, das in den westlichen Wäldern ihrer Insel lebte. Man hielt Abstand und achtete darauf, dass niemals das Feuer verlosch. Lange her.

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