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Unterwegs auf der Londoner King's Road:Pflaster der Revolution

Revolutionär fühlt sich die King's Road in Chelsea heute beileibe nicht mehr an. Dabei wurden hier die ersten Schlaghosen der Welt verkauft, der Minirock erfunden und John Lennon zu "A Day in the Life" inspiriert. Ein Bilder-Spaziergang auf den Spuren von Londons Swinging Sixties.

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London Kings Road

Quelle: Lena Jakat

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Revolutionär fühlt sich die King's Road in Chelsea heute beileibe nicht mehr an. Dabei wurden hier die ersten Schlaghosen der Welt verkauft, der Minirock erfunden und John Lennon zu "A Day in the Life" inspiriert. Ein Spaziergang auf den Spuren von Londons Swinging Sixties.

Touristen kommen an die King's Road vor allem wegen der Saatchi Gallery, zu der man von dieser Straße aus abbiegt. Ansonsten: viele mittelteure Modeketten, hübsche Fassaden und keine Massen, wie sie sich durch die Oxford Street schieben. Heute ist die King's Road in Chelsea eine ganz angenehme Einkaufsstraße, bequem, aber unspektakulär. Von Rebellion ist auch bei noch so bemühtem Nachspüren absolut nichts zu fühlen. Dabei revolutionierte hier Mary Quant vor ein paar Jahrzehnten die Mode, hier schrieben die Beatles und ihre Freunde Musik- und Kulturgeschichte. Eine Spurensuche.

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Wo heute eine spanische Bank Hof hält, eröffneten 1964 der Hutmacher James Wedge und seine Freundin Pat Booth, ein Mädchen aus Londons East End, die Boutique Countdown. Dort verkauften sie nicht nur Hüte und Accessoires an Schauspielerinnen wie Brigitte Bardot und Julie Christie, sondern auch Mick Jagger jenen weißen Gehrock, den der Rolling-Stones-Sänger beim legendären Hyde-Park-Auftritt der Band 1969 trug.

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Hier hat alles angefangen. 1955, als anstelle eines italienischen noch ein persischer Schriftzug über der Tür prangte. Bazaar hieß der Laden, den in der Nummer 138a die Frau eröffnete, die etliche gesellschaftliche Tabus auf einmal brach, indem sie Schamhaarfrisuren thematisierte. Sie selbst färbte übrigens grün. Londons Enfant terrible und spätere Königin der King's Road: Mary Quant. Die Erfinderin des Minirocks gab einer Jugendbewegung den Takt vor, die von hier aus die ganze Welt erobern sollte. Die Freundinnen der Beatles kauften hier ein; als George Harrison das Model Pattie Boyd heiratete (die spätere Gattin von Eric Clapton), kam das Kleid für die Braut aus diesen Räumen.

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Wer nach solch historischer Kontemplation in die Gegenwart zurückkehrt, entdeckt Nebenstraßen, die fast 50 Jahre nach Mary Quant am oberen Ende der Bürgerlichkeit angekommen sind und die zu einem kleinen Umweg einladen. Doch kurz bevor sie die Old Church Street kreuzt, sollte man zur King's Road zurückkehren.

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Nicht nur, um diese Statue zu bewundern, die eine Pizzeria bewacht, die sich erst bei genauem Hinsehen als Jazzbühne entpuppt. Die Statue stammt aus dem beginnenden 20. Jahrhundert. Damals lebte und lehrte hinter der roten Backsteinfassade "Prinzessin" Serafina Astafieva, eine russische Ballerina, die ihren Ruhestand als Tanzlehrerin an der King's Road verbrachte. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite ...

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... schmiegen sich in einer Ladenreihe unter Fensterbögen kleine Geschäfte aneinander - und eine Galerie. Dort verkauft ein Mädchen mit Sommersprossen und Nasenpiercing anlässlich dessen 50. Geburtstags James-Bond-Fotografien. Ein Ort, der etliche Jahre nach Prinzessin Serafina Geschichte schrieb. Hier war in den 1960er Jahren das Label Dandie Fashions ansässig. Gegründet hatte es der Guiness-Erbe Tara Browne, gemeinsam mit zwei Freunden. Als Browne nach einer Partynacht am 18. Dezember 1966 bei einem Autounfall ums Leben kam, inspirierte sein Tod John Lennon zu dem Song "A Day In The Life". "I read the news today, oh boy", heißt es in den ersten Zeilen, "about a lucky man who made the grade."

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Wo heute hinter fröhlichen Fassaden düstere Landschaftsmalerei feilgeboten wird, summte und brummte ab 1966 der Chelsea Antiques Market. Die Hauptattraktion war der Laden von Emmerton & Lambert. Dort kauften unter anderem die Stones und die Monkees die ersten Exemplare jenes Kleidungsstücks, das zum Symbol einer ganzen Generation werden sollte: die Schlaghose. Auf Höhe der Northcote Gallery hat die King's Road ...

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... ihr Gesicht längst verändert. Die Filialen der großen Modeketten sind verschwunden, dafür tauchen zwischen kleinen Galerien einladende Cafés auf, wie das Chelsea Teapot oder das Bluebird Café (im Bild). Letzteres findet, neben einem Restaurant und einer Boutique, Platz in einem Art-déco-Komplex von 1923: dem ehemaligen Parkhaus der Bluebird Motor Company. Damals bot das Gebäude 300 Wagen Platz und avancierte damit zum angeblich größten Parkhaus Europas.

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Die Szenerie auf diesem Abschnitt der King's Road dominiert der Wohnturm mit der Hausnummer 355. In seiner Nachbarschaft ducken sich Fahrradläden und Friseursalons, Klempner und Zeitungsläden. Schnell weiter, immer in Richtung Westen, bis zur Nummer 430.

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Hier geht die Uhr nicht nur anders, sondern rückwärts, und das ziemlich schnell. Der einzige Halt auf diesem Spaziergang, der seiner Geschichte treu geblieben ist. Noch heute wird in dem Laden überdrehte Mode angeboten. 1969 zelebrierte er unter dem Namen "Mr Freedom" die Symbiose von Disney-Kitsch und sexueller Befreiung. Hier wurden die ersten Hotpants verkauft und getragen - später dann in der ganzen Welt. Ein paar Jahre später kam Vivienne Westwood dazu, S-E-X wurde in pinkfarbenen Lettern über die Tür geschrieben. Die Hippie-Klamotten wichen Rockerkluft und Bondage-Wear, Lack und Leder wurden zum avantgardistischen Statement, das Geschäft den Mitgliedern der Sex Pistols zum Wohnzimmer. Seit 1980 heißt der Laden wie die Gegend: World's End.

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Was klingt wie der Name einer eben erst gegründeten PR-Agentur, wurde 1966 binnen Wochen zum coolsten Shop am Platze: Granny Takes A Trip. Die Samtanzüge des Labels waren unter anderem bei Joe Cocker und Keith Richards heiß begehrt. Heute werden in dem Laden mit der Hausnummer 488 exklusive Glaslüster verkauft. 

Dieser Spaziergang folgt einem Vorschlag aus The Look of London, einem kleinen Stadtplan der Modegeschichte.

© Süddeutsche.de/dgr
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