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Unterschiedliche Ticketpreise im Flugzeug:Billiger als der Nachbar

Gleiche Sitzreihe, doch das Ticket kostet das Vielfache: Warum Ihr Sitznachbar im Flieger so viel weniger für seinen Flugschein bezahlt hat und wie Sie künftig auch so günstig buchen können.

Zwei Sitznachbarn im Flugzeug kommen ins Gespräch. Sie reden über den Komfort an Bord, die Freundlichkeit des Personals, die Qualität des Essens und irgendwann auch über Geld. Da sinkt die Laune bei einem Passagier: Während sein Nachbar zum Schnäppchenpreis unterwegs ist, hat er selbst einen vielfach höheren Betrag bezahlt - obwohl beide Economy fliegen.

Sitzplatz Flugzeug Ticketpreise

Economy Class ist nicht gleich Economy Class - zumindest was den Preis für das Ticket angeht.

(Foto: Bergringfoto - Fotolia)

So kann ein Hin- und Rückflug mit Lufthansa auf der Strecke von München nach Amsterdam im Economy-Flex-Tarif bis zu 879 Euro kosten, die günstigste Variante dagegen nur 129 Euro (Stand: Juni 2012). Dafür verantwortlich ist das sogenannte Yield-Management der Fluggesellschaften: Die dynamische Preis-Mengen-Steuerung soll dafür sorgen, dass Flugzeuge auch bei schwankender Nachfrage optimal ausgelastet sind und mit maximalem Ertrag fliegen.

Mehrere Faktoren tragen dazu bei, dass Yield-Management-Systeme funktionieren, eines der Zauberworte aber lautet "Kontingentierung". Die Sitzplätze an Bord werden in unterschiedlich teure Beförderungsklassen unterteilt, in der Regel First, Business und Economy Class. Aber auch innerhalb dieser Klassen gibt es Kontingente mit unterschiedlich hohen Tarifen, zum Beispiel für Geschäftsreisende, die auch höhere Preise in Kauf nehmen; für Frühbucher, die mit günstigen Preisen gelockt werden oder für Last-Minute-Bucher, die für ihre spontane Entscheidung mit Billig-Tickets belohnt werden.

Der Zeitpunkt ist entscheidend

Mittels Prognosemodellen und auf der Grundlage von Buchungsdaten der vergangenen Jahre ermitteln Computer, wie sich die Nachfrage entwickeln wird, je näher der Abflug rückt. Daran passen sie das Preisgefüge an. Vorne, hinten, in der Mitte: Wo der Sitzplatz ist, spielt keine Rolle. Entscheidend ist der Zeitpunkt der Buchung. Ist ein Kontingent ausgeschöpft, wird automatisch das nächstteurere angeboten. So kommt es, dass sich Ticketpreise manchmal von einer Stunde zur anderen verändern.

Aber nicht nur die Nachfrage berücksichtigen die Computer bei der Preisgestaltung. Fallen bei der Konkurrenz Flüge aus, zum Beispiel wegen Insolvenz einer Airline, wirkt sich das verringerte Angebot im Markt auf die Ticketpreise aus - sie steigen.

Auf die Pleite eines Konkurrenten zu warten, ist für Fluggesellschaften aber auch Online-Buchungsportale natürlich nicht sinnvoll. Sie haben geschickte Marketing-Strategien entwickelt, um die Kaufentscheidung frühzeitig zu beeinflussen. "Nur noch wenige Plätze vorhanden" blinkt neben der scheinbar günstigsten Ticketvariante und suggeriert: Wenn du nicht gleich buchst, wird es auf jeden Fall teurer. "Überprüfen kann man das leider nicht", sagt Falk Murko, der für Stiftung Warentest Online-Buchungsmöglichkeiten getest hat. "Da es aber immer häufiger auch bei langfristigen Buchungen auftaucht, liegt der Verdacht nahe, dass dies als Kaufanreiz genutzt wird."

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"Glück und Flexibilität"

Lohnt es sich also, aus der Buchung eine Lotterie zu machen und auf günstige Last-Minute-Angebote zu spekulieren? Jein. "Mit Last Minute lassen sich immer mal wieder Schnäppchen erzielen", sagte Pascal Klopp, Autor der Studie "billigflieger.de Flugmonitor 2011" zu Süddeutsche.de. "Dazu muss man allerdings Glück haben und in seinen Wunschzielen sehr flexibel sein." Die günstigeren Durchschnittspreise erzielten aber Frühbucher. "Bei innerdeutschen Flügen zahlen Frühbucher mit mindestens zehn Wochen Abstand zwischen Suche und Abflug nur die Hälfte dessen, was Spontan-Reisende berappen müssen, die innerhalb einer Woche fliegen möchten," so Klopp. Ob man aber morgens, mittags, abends, während der Woche oder am Wochenende buche, habe keinen dominanten Einfluss auf das Preisgefüge. Preisvorteile böten aber Sonderaktionen der Anbieter.

Wie Klopp rät auch Falk Murko von der Stiftung Warentest dazu, vor der Buchung die Ticketpreise aller wichtigen Anbieter mit Hilfe von Meta-Suchmaschinen zu vergleichen. Doch selbst das darin entdeckte Billig-Ticket kann den Fluggast teurer kommen, als ihm lieb ist. Grund seien etliche Zuschläge, die zum reinen Ticketpreis hinzukommen, zum Beispiel für das Gepäck, eine voreingestellte Reiserücktrittversicherung oder das Bezahlen mit der Kreditkarte.

Eigene Unwägbarkeiten vor der Buchung bedenken

Fluggäste sollten außerdem eigene Unsicherheiten vor der Buchung bedenken: Womöglich kann der Geschäftsflug wegen Terminverschiebung nicht angetreten werden oder es muss genug Zeit für das Umsteigen oder das Erreichen eines Zuganschlusses eingeplant werden. Wer sich dann zum Beispiel nicht für den günstigsten Lufthansa-Tarif auf der gewählten Strecke entscheidet, "kauft sich über den höheren Preis mehr Flexibilität, zum Beispiel in Form von günstigeren Storno- und Umbuchungsbedingungen", so Lufthansa-Sprecher Boris Ogursky zu Süddeutsche.de.

Doch auch wer Flugreisen direkt bei der Airline bucht, sichert sich damit nicht automatisch das günstigste Ticket. Einerseits fallen hier Preisaufschläge weg, die Online-Reisebüros erheben, um Gewinne zu erzielen. Andererseits gewähren viele Fluggesellschaften den Reisebüros Preisnachlässe, weil sie große Ticketmengen abnehmen. "So können die Preise der Reisebüros selbst mit Aufschlag unter den offiziellen Airline-Preisen liegen", sagt Pascal Klopp. Bei Stornierung oder Umbuchung sind dafür die direkten Airline-Kunden im Vorteil: Sie sparen sich möglicherweise Service-Gebühren, die der Vermittler erhebt.

Wer die Nerven hat und flexibel ist, was Datum und Uhrzeit betrifft, kann also weiter Last-Minute buchen oder auf einen für ihn nicht vorhersehbaren Preis-Glücksfall im Computermodell hoffen. Wer kein Risiko eingehen will, sichert sich die günstigsten Ticketpreise bis zu ein Jahr im voraus oder mit dem Erscheinen des jeweiligen Sommer- beziehungsweise Winterflugplans. Alle anderen sollten ihr Ticketglück bis zu drei Monate vor dem gewünschten Abflugtermin versuchen - oder sich einfach über den womöglich teureren, leeren Sitz neben sich im Flugzeug freuen und wissen: Ja, es war der richtige Zeitpunkt.

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