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Unesco-Biosphärengebiet:Die Freiheit des Schäfers

Mehr als tausend Merinolandschafe führt Gerhard Stotz jeden Tag über die Wiesen des ehemaligen Truppenübungsplatzes Münsingen.

(Foto: Markus Kirchgessner/laif)

Schafe, Hasen, Zittergras: Auf der Schwäbischen Alb ist die Hektik des Alltags ganz weit weg - trotz explosiver Altlasten.

Freiheit riecht nach Thymian und hört sich an wie Grillenzirpen. Freiheit sieht aus wie Wiesen mit kniehohem Gras, über das mehr als tausend Schafe laufen. Ein Hund ist ihnen auf den Fersen. "Franz!" Ein stattlicher Mann im schwarzen Hemd kneift die Augen zusammen, pfeift und ruft seinen Hund. "Franz, komm her jetzt!" Der Hund hält kurz inne, blickt zum Mann, zu den Merinolandschafen, wieder zum Mann. Dann läuft er auf ihn zu. "Franz hat einen Kopf aus Stahl", sagt Gerhard Stotz.

Stotz, 62, ist in der vierten Generation Schäfer. Er sagt: "Ich bin vorbelastet." Seine Eltern wollten, dass er einen anderen Beruf erlernt. Stotz aber wollte Schäfer sein wie sie und sein Bruder. Nach 48 Jahren in dem Beruf sagt er: "Das Leben ist mehr von Sorgen und Nöten geprägt als von Erfolg. Aber ich kann arbeiten, wo ich zu Hause bin."

Stotz blickt über die sanften Hügel, die Bremsen, die sein Gesicht umschwirren, bemerkt er nicht. "Diese Landschaft fasziniert mich jeden Tag aufs Neue - obwohl es kaum einen Quadratmeter gibt, über den ich noch nicht gelaufen bin." Sein Zuhause ist eine hügelige Landschaft aus mageren Weiden, Wacholderheiden, Buchenwäldern und Streuobstwiesen, die sich auf mehr als 85 000 Hektar ausbreitet, gut 50 Kilometer südöstlich von Stuttgart.

Weite Teile der Schwäbischen Alb sind seit 2009 Unesco-Biosphärenreservat. Wirtschaft und Tourismus sollen in diesen Modellregionen mit der Natur in Einklang gebracht werden, im Sinne der Nachhaltigkeit. So sollen auf der Schwäbischen Alb die Landwirte vom Fleisch und der Wolle der Schafe leben, die auf Kalkmagerwiesen weiden. Weil die Schafe das Gras kurzhalten, wachsen Kräuter und es erhält sich der Artenreichtum im Gebiet. Der wiederum soll Touristen anlocken, die Wanderungen und Fahrradtouren machen, vorbei an der Burg Hohenzollern, dem Schloss Sigmaringen, an den Uracher Wasserfällen, an Höhlen und Felsformationen im Eselsburger Tal.

Im Boden liegen noch Blindgänger. Dem Schäfer aber bereitet der Wolf mehr Sorge

Vor dem Zweiten Weltkrieg gab es hier einen Truppenübungsplatz. Von dem Dorf Gruorn, das ihm 1937 weichen musste, ist nur eine Kirche mit einem überwucherten Friedhof geblieben. Daneben steht ein Gasthaus. Der Boden in der Gegend ist heute noch voller Unebenheiten, kleine Wellen, die Panzer hinterlassen haben. Die Landschaft hat trotzdem profitiert: Weil nicht gedüngt wurde, haben sich die Kräuterwiesen erhalten, es gibt keine Monokulturen, keinen millimetergenau gestutzten Rasen. Später fuhren französische Soldaten mit ihren Panzern über das Gelände, in den Sechzigerjahren kamen Bundeswehrsoldaten hinzu. Ende 2005 wurde der Truppenübungsplatz Münsingen geschlossen.

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Es ist ein oberflächlicher Frieden: Im Boden liegen noch etwa 560 000 Blindgänger. Besucher sind deshalb gehalten, die ausgewiesenen Wege nicht zu verlassen. Gerhard Stotz erzählt von zwei Freunden, die sich vor einigen Jahren mit Hammer und Meißel an einem Fundstück zu schaffen machten. Einer verlor sein Bein, der andere starb. Die Schäfer, die ihre Schafe hier weiden lassen, haben Risikopachtverträge abgeschlossen.

Stotz macht sich keine Sorgen wegen der Munition im Boden. Wenn Bär und Wolf auf die Schwäbische Alb kämen - das würde ihn mehr beunruhigen. Dann, sagt er, müsse man was unternehmen. Stotz ist leidenschaftlicher Jäger. Und die Schafe sind sein Lebensunterhalt. Er verkauft Lammfleisch und Wolle. "Wir kommen über die Runden", sagt Stotz. Doch ohne die Ausgleichszahlungen der EU gäbe es hier kaum noch Landwirte, meint er. Vor 50 Jahren hat sein Vater einen VW-Bus gekauft, 130 Lämmer sei der damals wert gewesen. Heute müsste Stotz 420 Lämmer dafür verkaufen.