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Umweltschutz:Weniger Plastik? Das geht!

Credit: Greg Martin, Surfers Against Sewage

Jenseits von Pilcher: ein Strand in Cornwall.

(Foto: Greg Martin/Surfers Against Sewage)

Es muss nur mal jemand damit anfangen. Sechs Beispiele aus beliebten Urlaubsländern.

Sammelnde Wellenreiter: In Cornwall engagieren sich Surfer für die Umwelt

In Großbritannien haben Surfer aus Cornwall eine Initiative gegen die Verschmutzung der Meere und Strände gegründet: "Surfers Against Sewage", Surfer gegen Dreckwasser. Ein Schwerpunkt ist der Kampf gegen Plastikmüll. Die Organisation verleiht Kommunen den Titel "Plastikfreie Gemeinde", wenn sich Bürger, Politiker und Geschäftsleute dort gemeinsam dafür einsetzen, überflüssigen Kunststoffabfall zu vermeiden und die Natur sauber zu halten. 374 Gemeinden arbeiten mit den Surfern zusammen, um diesen Status zu erreichen. Im vergangenen Dezember erhielt Penzance in Cornwall als erste britische Stadt diesen Titel.

Die Regierung geht ebenfalls gegen unnötigen Plastikmüll vor. Sie verpflichtete schon vor drei Jahren Supermärkte in England dazu, Kunststoffbeutel nicht mehr kostenlos abzugeben, sondern mindestens fünf Pence zu verlangen. Seitdem sank die Zahl der verteilten Tüten um 86 Prozent. Die konservative Premierministerin Theresa May erwägt, die Regelung auszuweiten. Bisher sind Supermarktketten mit weniger als 250 Angestellten ausgenommen. Das könnte sich ändern. Außerdem berät das Kabinett darüber, Plastikstrohhalme und andere Wegwerfprodukte aus Kunststoff zu verbieten. Umweltminister Michael Gove möchte auch ein Pfandsystem für Glas- und Plastikflaschen sowie Getränkedosen einführen. Das wird aber nicht vor 2020 startbereit sein. Björn Finke

Altes Ritual: Matetee wird in Argentinien seit jeher ganz öko serviert

Wer in Argentinien etwas auf sich hält, hat immer eine Thermoskanne mit heißem Wasser bei sich. An der Uni in Buenos Aires, im Boot an den Seehundbänken vor Ushuaia wie auch auf den Wanderwegen um El Chaltén in Patagonien. Das Wasser gehört zu einem Ritual, das Genuss, Koffeinkick und Gemeinschaft zugleich bietet. Es wird zelebriert mit Yerba, also getrockneten Mateblättern, einem ausgehöhlten kleinen Kürbis und einem Metallstrohhalm samt Siebboden. Junge wie ältere Argentinier präparieren das müllfreie Mate-Geschirr am Morgen und jonglieren ihren gefüllten Öko-Trinkbecher unfallfrei durch den Alltag.

Der Matetee zieht in einem kleinen ausgehöhlten Kürbis.

(Foto: mauritius images)

Der erste Guss ist der intensivste, die Blätter gibt es in extrem bitteren und in sanfteren Mischungen. Die Auswahl ist so quasireligiös wie der Umgang mit dem Strohhalm, der Bombilla. Der darf niemals bewegt werden. Sonst geschieht ein Unglück, glaubt mancher. In jedem Fall dringen die Bitterstoffe in den Sud. Der heiße Halm wandert in einer Gruppe stets von Mund zu Mund und stellt für manchen Europäer etwas zu viel Nähe her. Wer so mit seinem Mate und dessen Tradition verschmolzen ist, der braucht keinen Pappbecherkaffee und keine Plastikdeckel. Die wären ohnehin in den Naturschutzgebieten im Süden unpraktisch. Dort darf niemand Spuren hinterlassen, jeder Besucher muss alles wieder in seinen Rucksack packen und mitnehmen. Wirklich alles. Katja Riedel

Ozapft im Regenwald: Auf Tour in Laos wird Trinkwasser im Bus abgefüllt

Wer die Grenze zwischen Thailand und Laos auf dem Landweg passieren will, muss gutes Sitzfleisch haben. Stundenlange Busfahrten, vor dem Fenster ziehen Reisfelder, Kautschukplantagen und, in Laos, ursprünglicher Wald vorbei. Normalerweise ruft auf solchen Fahrten die Reiseleiterin in die Runde: "Wer hat Durst?" Und reicht dann kleine Plastikflaschen nach hinten. Hier ist es anders. Der Veranstalter Exo-Travel hat im Begleitfahrzeug nicht nur die Koffer, sondern auch eine Wasserabfüllstation dabei. Geht ganz einfach: Man bekommt zu Beginn der Reise eine namentlich gekennzeichnete Alu-Trinkflasche. Während der Pausen zapfen die Fahrer, deren Lächeln zeigt, dass sich ihnen die Sinnhaftigkeit des Tuns noch nicht erschließt, mit einer Handpumpe Wasser aus einem 20-Liter-Ballon. Funktioniert tadellos. Das Wasser ist kühl, der Ballon steht in einer Thermobox.

Ein großer Spender ist besser als viele kleine Flaschen.

(Foto: Monika Maier-Albang)

In der Tempelstadt Luang Prabang ist man mit der Alu-Flasche zwar noch ein Exot. Das Frischer-Saft-in-Plastikbecher-Unwesen ist auch hier angekommen. Aber es gibt Menschen, die mitdenken: Im alternativen Café Saffron verkaufen sie Trinkflaschen. Im Restaurant Dyen Sabai, mit Blick auf den Fluss Nam Khan, inmitten von Bambusbüschen, servieren sie die Limonade mit einem Strohhalm aus Bambus. Liegt etwas wuchtig im Mund, wird sich daher vermutlich nicht durchsetzen. Aber immerhin: Ein Anfang ist gemacht. Monika Maier-Albang

Touristen als Müllfischer

Kompost bevorzugt: In Italien sind abbaubare Tüten Pflicht

Salvatore Martello hat auf seiner Insel eine "kleine Revolution" ausgerufen. Der Bürgermeister von Lampedusa verbat Einheimischen und Feriengästen den Verkauf und die Verwendung von Wegwerfbehältern, Tellern, Besteck und Tüten aus Plastik. Seit Anfang September gilt der Bann des Kunststoffs auf der kleinen Insel mit karibisch anmutenden Badestränden. "Wir müssen lernen, unsere Alltagsgewohnheiten zu ändern", so Martello.

Plastic bag ban sparks 'eco-revolution'

Sieht aus wie Plastik, ist aber aus Maisstärke.

(Foto: Alessandro Di Meo/picture alliance/dpa)

Lampedusa handelt - und ist nicht allein. Italien hat in der Vermeidung von Plastikmüll seit einigen Jahren eine Vorreiterrolle. 7456 Kilometer Küste schärften das Problembewusstsein. "Wir sind den anderen weit voraus", sagt Stefano Ciafani, Chef des Umweltschutzbundes Legambiente. Bereits 2012 verbot die römische Regierung Plastiktüten. Sie wurden ersetzt durch Beutel aus kompostierbarem Material, dessen Grundstoff auf Basis von Maisstärke die italienische Chemikerin Catia Bastioli entwickelt hat. Seit Januar müssen auch die dünnen Beutel an den Obst- und Gemüseständen kompostierbar sein. Ende 2017 verabschiedete das Parlament ein Verbot der herkömmlichen Wattestäbchen, die mit der Klospülung ins Meer gelangen und sehr umweltbelastend sind. Zudem untersagte man den Einsatz von Mikroplastik in kosmetischen Reinigungsprodukten, die ebenfalls in die Gewässer fließen. Ulrike Sauer

Gemeinsam fischen: In Amsterdam werden Kanäle auch von Gästen gereinigt

Plastic Whale
The Plastic Fishing Co.

Ausfahrt zum Müllsammeln auf den Kanälen der Stadt.

(Foto: Plastic Whale)

"Die besten Steuerleute stehen immer am Ufer", heißt es in einem niederländischen Sprichwort. Frei übersetzt: Kritisieren ist leichter als Machen. Ähnliches wird sich Marius Smit gedacht haben, als er 2011 das Umwelt-Start-up "Plastic Whale" startete. Plastikmüll wurde in den Kanälen Amsterdams zum immer größeren Problem. Doch anstatt bloß am Ufer zu stehen und zu kritisieren, nahm Smit selbst das Steuer in die Hand. Heute betreibt Plastic Whale neun Boote, die mit Gästen die Amsterdamer Kanäle befahren und mit Keschern Müll aus dem Wasser fischen. Gebucht werden sie von Unternehmen, die etwas fürs Teambuilding und die Reputation tun wollen, Schulen, die das Umweltbewusstsein der Kinder fördern wollen - und Touristen, die den Klassiker Kanaltour mal anders erleben wollen. Über 150 000 Flaschen haben die Boote des Start-ups nach eigenen Angaben bereits aus dem Wasser gefischt und mehr als 3000 Säcke voll mit Müll. Die Plastikflaschen kommen ins Recycling und werden für den Bau neuer Boote verwendet, sogar eine eigene Möbelkollektion aus dem umfunktionierten Abfall gibt es seit Kurzem. Wem das alles noch nicht grün genug ist, für den hält das Team von Plastic Whale noch ein weiteres Argument bereit. Häufig fischten die Boote auch Tütchen mit Marihuana aus den Kanälen. Moritz Schnorpfeil

Auf die Nuss: In Rios Kokoswasser darf kein Strohhalm mehr

Die Kokosnuss ist abbaubar, der Plastikhalm nicht.

(Foto: Hassan Ammar/AP)

Das beliebteste Getränk an Rios Stränden ist, neben halb gefrorenem Büchsenbier, Kokoswasser. Es hat den Vorteil, dass dabei kein Dosenmüll anfällt, weil es direkt aus den grünen Kokosnüssen getrunken wird, die überall an den Palmen hängen. Es hat aber den Nachteil, dass man dafür ein Röhrchen braucht. Laut einer Rechnung der Zeitung Folha de S. Paolo verkaufen die 300 Strandbuden Rios täglich etwa 90 000 Trinknüsse an Cariocas und Touristen. Das wären 32 850 000 pro Jahr - und genauso viele Plastikröhrchen, die oft nicht länger als fünf Minuten gebraucht werden, bevor sie entweder auf der Müllkippe oder im Meer landen. Vor wenigen Wochen hat die sonst nicht unbedingt für ihren vorbildlichen Naturschutz bekannte Stadtverwaltung die Trinkhalme aus Plastik verboten. Es war eine kleine Revolution, die aber so überraschend kam, dass die meisten Strandbuden noch keine Alternativen haben. Die verbotenen Röhrchen stehen jetzt nicht mehr offen auf dem Tresen, sondern etwas versteckt dahinter. Noch wird man leicht irritiert angeschaut, wenn man seinen wiederverwendbaren Metallhalm aus der Badetasche zieht. Aber die Zahl der umweltbewussten Exoten wächst, manche protestieren sogar, wenn der Verkäufer zur Vermeidung von Plastikröhrchen den Inhalt der Kokosnuss in einen Plastikbecher gießt. Boris Herrmann

© SZ vom 20.09.2018/edi
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