Überlebende berichten vom Titanic-Untergang:Der Bug neigt sich deutlich nach vorn

00:30 Uhr: Die Rettungsboote sind klar zum Abfieren (Hinablassen). Immer noch ist die Stimmung an Deck einigermaßen gelassen, schließlich war das Schiff mit dem Nimbus der Unsinkbarkeit in See gestochen. "Alles ging ruhig und ordentlich vor sich", erinnert sich einer der Geretteten später in der Zeitung San Francisco Bulletin. Das Schiffsorchester hatte sich in der Erste-Klasse-Lounge auf dem A-Deck postiert, um zur Beruhigung der Menschen zu spielen. Den Passagieren, die den ersten Sammelaufrufen an Deck gefolgt waren, wird erklärt, dass es sich bei der Evakuierung um eine reine Vorsichtsmaßnahme handele. "Es hieß, wir müssten uns keine Sorgen machen", entsinnt sich die damals erst siebenjährige Eva Hart in einem Interview. "Spätestens am nächsten Morgen sollten wir wieder zurück auf der Titanic sein. Viele Passagiere der ersten Klasse gingen wieder zurück in ihre Kabinen."

Molly Brown, Arthur Henry Rostron

Molly Brown, eine bekannte US-Frauenrechtlerin und Überlebende der Katastrophe, überreicht Carpathia-Kapitän Arthur Henry Rostron einen Pokal für seine Verdienste um die Rettung von Titanic-Passagieren.

(Foto: AP)

Die Modejournalistin Edith Russell hatte diese gar nicht nochmals verlassen. "Ich fand es ziemlich idiotisch, dieses hübsche, warme Schiff aufzugeben, nur um bis zum Frühstück wieder zurück zu sein. Ich legte mich ins Bett, um zu schlafen."

00:40 Uhr: Die ersten Boote werden zu Wasser gelassen - wegen der noch nicht vollständig bekannten Notlage und der schwierigen Verständigung an Bord nur mäßig besetzt. Zudem weigern sich viele Frauen, ihre Männer, Söhne und Brüder zurückzulassen. Mitglieder der Mannschaft werden handgreiflich, um die Order "Frauen und Kinder zuerst" durchzusetzen. Auch diese junge Frau muss gegen ihren Willen einsteigen: "Als ich ins Boot befördert wurde, rief mein Mann mir zu 'Das ist in Ordnung, kleines Mädchen. Du gehst. Ich werde bleiben'. Unser Boot wurde heruntergelassen, er warf mir noch eine Kusshand zu. Das war das Letzte, was ich von ihm sah."

Andere Passagierinnen haben banalere Gründe, warum sie nicht in die Boote steigen. "Mein Rock war so eng, ich wusste nicht, wie ich über die Reling kommen sollte", erinnert sich Edith Russell, die sich schließlich doch noch zur Flucht entschlossen hatte. "Ein Gentleman nahm mich um die Hüfte und warf mich kopfüber ins Boot."

00:45 Uhr: Die erste Notrakete wird abgefeuert. Zumindest die Seeleute begreifen nun, dass die Lage sehr ernst ist. Dabei suggeriert der äußere Eindruck das Gegenteil: Weil inzwischen die vorderen Abteilungen gleichmäßig vollgelaufen sind, richtet sich das Schiff aus der Steuerbordschlagseite zunächst wieder auf.

01:00 Uhr: Der Lärm aus den Dampfablassrohren verstummt. Die Kapelle versammelt sich zur Musikeinlage draußen auf dem Bootsdeck, wo sich die Passagiere inzwischen vor den verbliebenen Booten drängen. Die Titanic neigt sich nun merklich zum Bug hin, das spürt auch Charles Lightoller. "Zwischen dem Herunterfieren der Boote rannte ich das Deck entlang und spähte in ein Treppenhaus, das in das Schiff hinunterführte. Das kalte, grünlich schimmernde Wasser kroch Stufe für Stufe die Treppe hinauf - ein Anblick, den ich niemals vergessen werde."

01.15 Uhr: Die Wellen umspülen schon die Namenslettern der Titanic. Die Lage des Schiffes verschlechtert sich dramatisch. Passagiere, die bereits in den Booten sitzen, nehmen die deutliche Schieflage wahr - und erkennen, was dies zu bedeuten hat. "Jeder im Boot wollte so schnell wie möglich wegrudern", schildert Steward Frederich Dent Ray seine Erlebnisse in Rettungsboot 13. "Alle hatten Angst, vom Sog des untergehenden Schiffes mitgerissen zu werden." Auf dem Bootsdeck beginnt nun ein verzweifelter Kampf um die Plätze in den Rettungsbooten. "Ich sah einen Offizier, der zwei Zwischendeck-Passagiere niederschoss, als sie sich ins Boot drängten", berichtet ein Überlebender der Zeitung San Francisco Bulletin. "Inzwischen weiß ich, dass zwölf Passagiere erschossen worden sind."

02:00 Uhr: Das letzte Rettungsboot, ein Faltboot, wird auf der Backbordseite zu Wasser gelassen. Den verbliebenen Passagieren wird klar, dass es keine regulären Rettungsmittel mehr gibt. Trotzdem bleiben viele eigenartig gefasst, wie etwa der schwerreiche Besitzer des Waldorf-Astoria-Hotels in New York, John Jacob Astor IV. Nachdem er seiner schwangeren Frau in eines der letzten Boote gehofen hat, tritt er zurück und entzündet eine Zigarre. Da taucht der Bug komplett unter. "Plötzlich machte das Schiff eine ruckartige Bewegung nach vorne und eine Welle überrollte den Bug und riss viele Menschen mit", berichtet Commander Lightoller. "Wer irgend konnte, versuchte, ans Heck des Schiffes zu gelangen." So erlebt es auch der Lagermeister Frank Prentice. "Überall waren Menschen, schrien, weinten, liefen durcheinander. Ich hörte den Lärm im Schiffsinneren, wo Gegenstände herumpolterten und aus den Schränken fielen."

Nach dieser abrupten Gewichtsverlagerung kommt der Sinkvorgang für einige trügerische Minuten zum Stillstand. Diese Zeitspanne nutzt Frank Prentice und hastet nach achtern. In den Verzweifelten keimt die Hoffnung, dass sich die Titanic mit Hilfe ihrer noch trockenen Abteilungen im hinteren Teil des Rumpfes so lange über Wasser halten kann, bis Rettung eintrifft.

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