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U-Bahnhöfe der Sowjetzeit:Unterirdisch schön

Unter den Straßen eine andere Welt: Fotograf Christopher Herwig besucht zwischen Kiew und Baku einmalige Metrostationen - ein Erbe der Sowjetunion. Heute sind sie Hassobjekt und Inspiration zugleich.

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Quelle: Christopher Herwig

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Nun ist es natürlich so: Menschen, die mit der U-Bahn fahren, sehen überall gleich aus. Vor allem früh morgens und am Abend nach der Arbeit wirken sie "ziemlich unbeeindruckt". Das kann Christopher Herwig nach Monaten, die er in 15 ex-sowjetischen Städten "praktisch in der Metro gelebt hat", ohne Zweifel sagen. Was der kanadische Fotograf mit seiner Arbeit aber auch beweist: Die historischen Stationen zwischen Baku und Jerewan, selbst wenn sie im Alltag vor müden Augen womöglich verschwimmen, sind einzigartig.

Viele erzählen Geschichten, wie der U-Bahnhof Kosmonavtlar in der usbekischen Hauptstadt Taschkent. 1984 eröffnet, soll er unter der Erde für ein paar Momente in den Weltraum entführen, in eine Milchstraße aus gläsernen Sternen und blau schimmernder Keramik, samt Bildern sowjetischer Raumfahrthelden wie Juri Gagarin und Walentina Tereschkowa.

Im Bild: Station Kosmonavtlar, Taschkent, Usbekistan

Taschkent

Quelle: Christopher Herwig

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In Taschkents Station Alisher Navoi können sich Fahrgäste wiederum in eine Moschee der alten Seidenstraße versetzt fühlen.

Solche Anblicke waren bis 2018 den Usbeken und ihren Gästen vor Ort vorbehalten. Erst dann fiel das strenge Fotografierverbot - was Christopher Herwig umgehend nutzte.

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Quelle: Christopher Herwig

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Andere Stationen, wie hier im russischen Sankt Petersburg, ähneln unterirdischen Ballsälen. Solche Opulenz hat vor allem die Linien von Moskau längst zu bekannten Reisetipps gemacht.

Fotograf Herwig zeigt mit dem Projekt "Soviet Metro Stations" nun eindrücklich, dass sich der Weg nach unten auch in Städten wie Baku, Tiflis oder Jerewan lohnt. In seinem gleichnamigen Bildband sind erstmals alle U-Bahn-Netze der einstigen Sowjetunion zu sehen. Zwar wurde die Metro nicht dort erfunden, aber auf außergewöhnliche Weise gestaltet und weiterentwickelt. Denn sie sollte mehr sein als bloßes Transportmittel.

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Quelle: Christopher Herwig

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Vom damals verschneiten sibirischen Nowosibirsk aus machte sich Herwig im Winter 2018 auf den Weg. Die Reise endete im August 2018 im weißrussischen Minsk.

Im Bild: die Station Kyivska in der ukrainischen Stadt Charkiw

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Quelle: Christopher Herwig

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Herwigs Vorgängerprojekt, "Soviet Bus Stops", zeigte die ganze Skurrilität alter Bushaltestellen der Region, die teils wie abgestürzte Ufos in der Steppe liegen (zu sehen in dieser Bildergalerie). Diesmal wirken seine Motive zwangsläufig ohne den Kontrast zu ihrer Umgebung, losgelöst vom "Oben". Die teils kuriosen Gegensätze zur zugehörigen Stadt müssen sich Betrachter dazudenken. Im russischen Nischni Nowgorod (im Bild) etwa gefielen Herwig einige der futuristischen Stationen besonders gut als "angenehme Überraschung und Flucht vor den recht gewöhnlichen Vororten darüber".

Außerdem zeigt Herwig die Stationen meist ohne ihre Fahrgäste. Dabei ging es natürlich von Anfang an um diese, als die Mammutprojekte seit den Dreißigerjahren des 20. Jahrhunderts verwirklicht wurden.

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Quelle: Christopher Herwig

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Nicht wenige Passagiere dürften sich noch heute an der Moskauer Station Flughafen beobachtet fühlen: Wie ein riesiges Auge blickt dieses Lichtelement von der Decke herab. Der Bahnhof eröffnete 1938, als unter Diktator Stalin mit gigantischem Aufwand der U-Bahn-Bau vorangetrieben wurde. Die Linien und ihre Bahnhöfe waren technische Leistungsschau, Propagandafläche und Utopie zugleich. Das führt der britische Autor Owen Hatherley in dem Essay aus, der Herwigs Bildband einleitet. Gebaut wurde "mit äußerster Brutalität" und Rücksichtlosigkeit gegen die ausführenden Arbeiter, nach 1938 mussten großteils Sträflinge Gesundheit und Leben riskieren.

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So modern und elegant viele Stationen wirken, so sehr waren Architekten und Künstler auch angehalten, kommunistische Ideologie in Bildern, Skulpturen und Reliefs zu vermitteln. In Extremfällen wie in Moskau oder Sankt Petersburg funktionierten ganze Linien wie "Propaganda-Blockbuster, triefend vor Heldenverehrung, Dummheit und Kitsch", schreibt Hatherley in "Soviet Metro Stations".

Und genau das macht die historischen Bahnhöfe seit den Neunzigerjahren für manche auch zu Hassobjekten.

In der ukrainischen Hauptstadt Kiew etwa (im Bild die Station Vydubychi) ist die U-Bahn seit einiger Zeit "ein Schlachtfeld" im Kampf gegen sichtbare Spuren des Kommunismus und der russischen Herrschaft. Zeugnisse der Geschichte werden teils vernichtet. Letzlich sei schwer zu sagen, "was mehr Schaden anrichtet - die Entfernung von Kunstwerken aus den Haltestellen oder ihr Zukleistern mit Werbung", so Hatherley.

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Fotograf Herwig sagt, er verstehe gut, wenn Menschen in den Nachfolgestaaten heute Symbole der Sowjetherrschaft entfernen wollten. Er selbst möchte mit seiner Arbeit aber die Spuren jenseits der grellen Propaganda bewahren. Er hoffe, dass die Kunstwerke "kreativer Individuen dieser Zeit" verschont werden und ihren Platz in der Geschichte finden. Schließlich seien sie doch wohl kaum von Stalin oder seinen Nachfolgern persönlich geschaffen worden, "sondern von Menschen, die Schönes verwirklichen wollten, allem anderen zum Trotz".

Im Bild: die Station Gagarinskaya im russischen Samara

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Quelle: Christopher Herwig

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Wie eine Schatzsuche oder Schnitzeljagd habe sich seine Reise angefühlt, sagt Herwig. Mit manchmal fast bizarren Funden: In der armenischen Hauptstadt Jerewan etwa lässt dieser wahrlich schräge Aufbau Licht in die Station Yeritasardakan von 1981.

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Auf die Frage, welchen Einfluss die aufwendige Gestaltung der Metros wohl heute auf die Fahrgäste haben könnte, zitiert Herwig die Broken-Windows-Theorie. Ihr zufolge nehmen Vandalismus und Kriminalität dort zu, wo erste Anzeichen des Verfalls einsetzen. Ob das stimme, wisse er zwar nicht. Der umgekehrte Gedanke sei aber doch interessant: Inwiefern also besonders schicke U-Bahnen das Verhalten der Menschen darin zumindest unbewusst positiv beeinflussen könnten.

Im Bild: Station Ulduz, Baku, Aserbaidschan

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Quelle: Christopher Herwig

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Und so können die alten Metros im Osten auch als Inspiration gesehen werden. "Inzwischen merken viele, dass der Traum eines fetten, glitzernden Cadillacs auf einer achtspurigen Straße nicht mehr so cool ist - besonders wenn vor lauter Stau alles stillsteht", so Herwig.

Im Bild: Eingang zur Haltestelle Krasnye Vorota, Moskau

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Ironie der Geschichte also, wenn vor allem westliche Städte jetzt versuchen, die Entwicklung umzudrehen und statt Straßen und Autos wieder öffentliche Transportsysteme in den Mittelpunkt zu rücken, wie Hatherley im Bildband schreibt. In diesem Zusammenhang sei der Blick auf das sowjetische Prestigeprojekt Metro nicht nur nostalgisch, sondern verbunden mit den drängenden Fragen der Zukunft.

Im Bild: eine Station der bis heute nicht vollendeten U-Bahn im ukrainischen Dnipro

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Quelle: Christopher Herwig

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Christopher Herwig: "Soviet Metro Stations", Fuel Publishing, 249 Seiten, Vorwort von Owen Hatherley, erschienen am 25. September 2019.

© SZ.de/kaeb

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