bedeckt München 22°
vgwortpixel

Tschernobyl:Ausflug ins GAU-Gebiet

Man denkt an das Buch "Tschernobyl - Eine Chronik der Zukunft" von Swetlana Alexijewitsch. Die Weißrussin hat mit Augenzeugenberichten die Katastrophe dokumentiert und die Touristentouren nach Tschernobyl eher höhnisch kommentiert: "Die Menschen gieren nach immer neuen starken Eindrücken. Das Leben wird langweilig. Aber man möchte doch etwas Ewiges... Besuchen Sie das atomare Mekka."

Ivantschuk sagt auf die Frage, warum jährlich 200 Touristen seine Tour buchen: "Wir alle sind fasziniert von Katastrophen. Ob Erdbeben, Tsunami, Hurrikane oder nur ein Unfall auf der Straße - man dreht instinktiv den Kopf."

Im drei Kilometer entfernten Pripjat erklärt Grigin, wo nach dem GAU die höchste Strahlung gemessen wurde.

Zum Beispiel neben den Apartmenthäusern. An einem steht die Parole: "Die Partei Lenins führt uns dem Kunstwerk des Kommunismus entgegen." In Pripjat lebten einmal 45.000 Menschen; es galt als Modellstadt, jede Schule hatte ein Schwimmbad.

Jetzt sind die Parks verwildert, Gebäude zerbröckeln. An den Laternenpfählen ist immer noch die verrostete Dekoration für die Parade zum 1. Mai 1986 zu sehen. Sie fand nie statt.

In der Mittelschule Nummer 3 blättert der Putz von den Wänden. Zerbrochene Fenster. Verrottetes Mobiliar.

Die Tiere erschossen

Eine Wohnung dürfen wir nicht betreten. Dort sollen noch die Kochtöpfe auf dem Herd, verdörrte Zimmerpflanzen in der Ecke stehen. Alles ist so, wie sie es bei der Evakuierung zurückgelassen haben.

Für Ivantschuk ist nicht der Anblick des Sarkophags das erschütternde Erlebnis dieser Tour. "Mich berühren die Schicksale der Menschen, die hier lebten." Insgesamt 216.000 Menschen wurden umgesiedelt, 944 Orte und Dörfer evakuiert und 13,2 Millionen Kubikmeter Erdreich abgetragen. Unzählige Nutz- und Haustiere hat man erschossen.

"Es war eine unfassbare Tragödie", sagt Ivantschuk, während der Kleinbus an schiefen Holzhäusern vorbei zum Dorf Parischew fährt. "Ihr Haus, ihre Tiere waren doch das Einzige, was diese Leute besaßen."

Die meisten, schreibt Alexijewitsch, verstanden nicht, was mit ihnen geschah. "Was war passiert? Man fand keine Worte für die neuen Gefühle und keine Gefühle für die neuen Worte.

Fakten alleine genügten nicht mehr; man wollte hinter die Fakten schauen, den Sinn des Geschehenen erfassen."

Den Sinn des Geschehenen erfassen? Das gelingt auch in Parischew nicht. Hier leben ein paar wenige von insgesamt mehreren Hundert Menschen, die in die Sperrzone zurückgekehrt sind.

Maria Schilan hat schon gewartet. Wenn Touristen sich in ihre kleine Hütte zwängen, kommt Abwechslung in ihren eintönigen Alltag. Lebensmittel bringen sie auch mit; das gehört zum guten Ton bei einem Besuch.

Maria Schilan ist 76. Eine kleine, runde, kernige Frau mit einem zerfurchten Gesicht. Sie sei robust, sagt sie, ihr könne selbst Radioaktivität nichts anhaben. "Nach dem Unfall sind mir die Zähne ausgefallen, aber sonst bin ich kerngesund."

Sie lebt in zwei kleinen Zimmern, die bis unter die Decke vollgestopft sind mit Kissen, Decken, Plunder. Ihre monatliche Rente beträgt umgerechnet 77 Euro.

Grigin drängt zum Aufbruch. In Tschernobyl, im Büro der Atombehörde, warte die Köchin bereits mit dem Essen. Zum Abschied lässt sich Frau Schilan fotografieren.

"Gar nicht so schrecklich"

Einmal mit den Bildern ihrer beiden Söhne, die bei den Aufräumarbeiten am Reaktor 4 eingesetzt wurden und im Alter von 46 und 51 Jahren an Krebs starben. Einmal im Garten mit ihrer Katze im Hintergrund. Dabei lacht sie.

Wohl deshalb schwärmt der australische Student: "Diese Frau hat so viel durchgemacht, so viel Leid erlebt. Dass sie trotzdem optimistisch und nicht verbittert ist, finde ich inspirierend."

Die Tour sei ein voller Erfolg. "Man hat immer Klischees oder ein Image im Kopf bei manchen Orten, die Wirklichkeit sieht anders aus. Es war nicht so schrecklich, wie ich erwartet hatte."

Als wir die Sperrzone verlassen, müssen alle durch einen Detektor. Bei unserem australischen Freund leuchtet die rote Lampe am Gerät. Ein Soldat macht eine gleichgültige Handbewegung, und sagt unwirsch: "Nicht stehen bleiben, der Nächste!"

  • Themen in diesem Artikel: