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Trekking in Peru:Atemlos in den Anden

Alpakas Peru Südamerika Ausangate

Alpakas am Ausangate, dem Sechstausender, der erstmals von Heinrich Harrer bestiegen wurde.

(Foto: Günter Hane)

Beim Trekking in Peru geht Wanderern schnell die Luft aus, schließlich geht es über Pässe jenseits der 5000 Meter. Was für die Touristen eine Herausforderung ist, bedeutet für die Einheimischen die Zukunft.

Drei Kokablätter in den Fingern, zum Kleeblatt geformt, Diego hält sie, die alten Inkaformeln murmelnd: "Apu Ausangate, der du uns das Leben gibst, schütze unseren Weg. Auch du, Hatun Hampa, und Pitusiray, mein Schutzpatron, lenke unsere Schritte."

Auch wir halten Blätter, den Blick gesenkt, folgen Diego, blasen über den Koka-Fächer, der den Quintu, unsere Andacht, hinausträgt mit dem Wind in die Pachamama, die hier alles ist - Mutter Erde. Ein Tal mit Häusern aus Lehmziegeln und Holz, Weiden für Lamas, Alpakas, Ziegen. Vögel an den baumlosen Hängen, die sich bis zum Horizont erstrecken, dort, wo die eisigen Fünftausender der Cordillera Vilcanota in den Himmel reichen, Hatun Hampa, Mariposa, Pitusaray beim Valle Sagrado, dem Heiligen Tal. Und über allen Ausangate, der höchste Berg mit 6384 Metern, zum ersten Mal bestiegen von Heinrich Harrer Anfang der Fünfzigerjahre. Die Gletscher des Berges versorgen uns mit Wasser, das an unserer Lodge vorbeisprudelt, gottgleich auch er, apu eben, wie alles, was die Natur den Menschen schenkt, wofür sie nur Ausdrücke in ihrer Sprache haben, dem Quechua.

Wir geben das Koka der Pachamama zurück, "respektvoll", sagt Diego, der die Opfergabe behutsam unter einen Felsen legt. Alle machen es ihm nach. Er schiebt sich ein paar ledrige, grüne, bitter schmeckende Kokablätter in den Mund und beginnt zu kauen. Dann brechen wir auf.

Voller Ehrfurcht auf 4368 Metern

Diego Nishiyama, unser 30-jähriger Bergführer mit Universitätsstudium aus Cusco, ist keiner, der den Drogen verfallen ist oder dem Geisterglauben. Hier oben vor der Lodge beim Dorf Chillca, in der kristallklaren Morgenluft auf 4368 Metern, kommt die Ehrfurcht vor allem, was uns umgibt, und der Wunsch, ihr Worte zu geben, ganz von selbst. Ehrfurcht vor den Opuntien, die Wasser aus dem Geröll saugen, den pelzigen Vizcachas, die wie Murmeltiere zwischen Felsblöcken wuseln, vor den Kondoren, die ohne einen Flügelschlag in der Thermik segeln, vor den Menschen hier, die ihren Herden barfuß in leichten Sandalen durchs Gelände folgen, ganz egal, ob es zehn Grad minus sind oder plus. Respekt vor allem auch vor der dünnen Andenluft, aus der unsere Lungen angestrengt Sauerstoff pumpen.

Inka-Pfad in Peru

Pässe, Schluchten, Ruinen

Ob Schöpfung oder Evolution - gewaltige Mächte haben diese Wunderwelt erschaffen. Schon die Inkas haben darüber gestaunt. Sie hatten keine Müsliriegel und Energy Drinks, um Hunger und Müdigkeit zu vertreiben, nur Koka, das die Indios heute noch stets bei sich tragen, weil es den Alltag erleichtert; das sie in jeden Mate-Tee geben, um sich zu stärken. Gut 4000 Meter kosten Kraft. Doch das ist erst der Anfang. Von nun an geht es bergauf. Fünf Tage Andentrekking, sechs bis acht Stunden täglich, von Lodge zu Lodge, deren höchste auf 4814 Metern liegt. Es geht über Pässe jenseits der 5000 Meter, zu traditionell lebenden Menschen, die auf eine Zukunft im Tourismus setzen.

"Wir hatten große Probleme, die Weiden unserer Alpaka-Herden verarmen, der Kartoffelanbau geht zurück", skizziert Orlando García Quispe typische Sorgen einer Region, die noch weitgehend in Subsistenz verharrt. Der Bürgermeister von Chillca sah Rucksackwanderer vorbeiziehen und außerhalb des Dorfes in ihren Zelten nächtigen. Sie winkten freundlich herüber, doch nach Chillca kam keiner. Geld verdienten die Bewohner mit ihnen nicht. "Viele hier waren deprimiert und begannen zu trinken", sagt Orlando García Quispe. Auf seine Initiative hin und mit Hilfe des Staats und eines Teilhabers in Cusco gründete das Dorf das Unternehmen Andean Lodges. Dann bauten die 200 Bewohner vier Berghütten, ohne technische Unterstützung, ganz allein. Vier Jahre brauchten sie dafür, und nur wer einmal dort war, kann die Leistung ermessen, die nötig war, sämtliches Material von der Schraube bis zum Panoramafenster zu den Bauplätzen im Nirgendwo zu schleppen.