Süddeutsche Zeitung

Tourismus und Tierrechte:Wie Tiere für Touristen leiden

Flipper die Flosse schütteln, einen Löwen herzen und einem Nashorn tief in die Augen schauen - exotische Tiere machen Reisen unvergesslich. Doch wo muss das Vergnügen der Touristen enden?

Von Katja Schnitzler

Delfinen vergeht das Lächeln nie, es ist ihnen im Gesicht festgewachsen. Sie lächeln in den kleinsten Betonbecken, durch die sie zu Discomusik auf ihren Schwänzen tanzen, für ein kleines Stückchen Fisch. Sie lächeln auch, wenn sie von ihren Familien getrennt werden. Wenn sie hungern und so auf die unterhaltsamen Kunststücke gedrillt werden. Was für die Tiere ein Trauma bedeutet, ist für viele Menschen ein Traum. Und schuld ist Flipper.

Nach zwei erfolgreichen Filmen wurde der "Lassie der Meere" von 1964 an mit einer TV-Serie bekannt, auch in Deutschland. Die Abenteuer des schlauen Delfins, der seine Kinderfreunde rettet, prägte das Bild der Meeressäuger: Offenbar gibt es für diese nichts Schöneres, als sich mit menschlichen Spielkameraden zu umgeben. Das Zusammensein mit anderen Delfinen spielte in der Serie keine Rolle.

Das englische Titellied bringt es auf den Punkt: "Tricks he will do / when children appear / And how they laugh / when he's near!" Der Tümmler führt freiwillig Tricks vor, um Kinder glücklich zu machen. Geradezu zynisch mutet eine andere Stelle an: "And we know Flipper/ lives in a world full of wonder/Flying there-under/under the sea!" Die Delfinweibchen, die Flipper darstellten, lebten nicht in einer Welt der Wunder, und ihren vermeintlichen Flug unter Wasser stoppte nach wenigen Metern die Beckenwand. Der frühzeitige Tod der zwei Weibchen, von denen eines in seinen Armen starb, machte aus ihrem Trainer Richard O'Barry einen Delfinschützer.

Einige verkaufen, die anderen abschlachten

So prangert er in der Dokumentation "Die Bucht" (2009) die Treibjagd im japanischen Taiji an: Hier werden die schönsten Delfine für den Verkauf an Tiershows separiert, den Rest der Familie schlachten die Fischer ab.

O'Barry kämpft auch gegen sein schlechtes Gewissen: Vor "Flipper" gab es kaum Delfinarien, heute sind es mehr als 300 weltweit. Der ehemalige Trainer ist überzeugt, dass niemand mehr eine Show besuchen würde, wenn er wüsste, wie die Tiere dafür leiden müssen.

Aber überschätzt er den Homo touristicus? Dieser genießt die schönste Zeit des Jahres, die Kinder sind begeistert, die Eltern eigentlich auch. Die Delfine und Orcas sehen doch ganz zufrieden aus? Und die Trainer wirken kompetent? Muss man sich wirklich mit Gedanken über Missstände die Ferienstimmung vermiesen?

Leider ja. Das - moralisch sowieso nicht einzufordernde - Recht auf Vergnügen endet, sobald es auf Kosten von Lebewesen geht, die sich nicht wehren können. Ein "Tanzbär" etwa ist nur possierlich, solange man nicht weiß, wie er abgerichtet wurde: Er musste zu Musik auf heißen Platten stehen und hebt nun in Erinnerung an den Schmerz die Tatzen im Takt.

Tierschützer werfen Delfintrainern in Taiji vor, dass alle eingefangenen Kleinwale erst einmal ausgehungert werden, um sie dressieren zu können. Selbst wenn sie in Delfinarien weltweit dann Tricks als Spiel verstehen sollen und von den Betreibern versichert wird, dass auch Tiere ihr Futter erhalten, die mal keine Lust auf Salto haben - die Wildfänge haben es anders gelernt. Und die in Zoos geborenen?

Valium für Delfine und Löwen

Für sie mögen die drei bis fünf Vorstellungen am Tag eine willkommene Abwechslung im mehr oder weniger gestalteten Becken sein. Ersetzen können sie die kilometerlangen Streifzüge auf der Jagd nach Fisch nicht.

Delfinarien gibt es auch in Deutschland, doch nach Protesten sind von 14 nur noch zwei in Betrieb, in Duisburg und Nürnberg. Und auch sie stehen in der Kritik von Tierschutz-Organisationen: Die Sterberate sei zu hoch, nicht nur der Jungtiere. Die Delfine würden mit Valium ruhiggestellt, um in der Enge nicht aggressiv zu werden. Der Zoo Nürnberg räumt die Gabe von Psychopharmaka zwar ein, allerdings sei das Medikament nur zeitweise und in Einzelfällen notwendig. Doch auch ein Weibchen, Sunny, wurde so ruhiggestellt, nachdem sie ihr Neugeborenes Nami heftig gebissen hatte. Ganz normal?

In Freiheit leben Delfine in Familien. Die Weibchen lernen voneinander, wie sie ihre Jungen aufziehen und stehen sich bei. In Gefangenschaft sind die Mütter ohne Erfahrung - und allein. Sollten Besucher also Delfinarien meiden, weil hier keine artgerechte Haltung möglich ist, und lieber auf Abenteuer mit Landsäugern setzen?

Nicht, wenn Anbieter den Tieren die Nähe der Menschen aufzwingen. Wie diesem Löwen, der offenbar von Drogen sediert als lebende Fototapete dient. Ein Mann schiebt ihm mit einem Stock immer wieder den wegkippenden Kopf in Position. Den zahlenden Gäste ist das offenbar egal.

Ein kurzes, trauriges Leben, das auch Affenbabys erwartet, die mit ihren Windeln auf Urlauberschößen noch süßer aussehen. Wer diese nun aber aus Mitleid freikaufen möchte, fördert damit unabsichtlich einen fatalen Kreislauf: So werden sich Wilderer eben früher wieder auf die Jagd nach Affenmüttern mit Babys machen. Die Mütter überleben das meist nicht. Sind die Urlauber während einer organisierten Tour bei Affenfotografen oder im Delfinarium gelandet, sollten sie sich im Hotel und beim Reiseveranstalter beschweren. FTI und Tui Deutschland etwa bieten keine Reisen zu Delfinarien und Orca-Shows mehr an.

Manchmal ist das Leid der Tiere aber nicht auf den ersten Blick zu sehen. So stehen in Asien in Touristenzentren Elefanten bereit, um Urlauber auf ihrem Rücken zu tragen - das Geschäft boomt. Doch allein mit Zucht ist die Nachfrage nach Reitelefanten nicht zu befriedigen, also werden Elefantenkälber aus der Wildnis gefangen - und ihr Wille brutal gebrochen. Als erwachsene Tiere erinnert sie der Stock des Mahout daran, wer hier die Macht und das Sagen hat.

Wer dieses Video gesehen hat, überlegt sich, ob er wirklich auf einem Elefanten reiten will. Diese Zweifel können Leben retten - auch das eigene: Die "gezähmten" Elefanten bleiben Wildtiere, immer wieder mal dreht einer durch. Dass gerade Urlauber auf seinem Rücken sitzen, während er Autos demoliert oder er sich zurück in den Dschungel verabschiedet, ist ihm gleichgültig.

Also dann, fragt sich der integere Tourist, lieber auf Pferde, Kamele und Esel setzen? Bevor er aufsteigt, sollte er nicht nur auf den Preis achten: Kann man die Rippen zählen und ist der Blick so stumpf wie das Fell, kommt von dem Geld kaum etwas den Tieren zugute. Und wenn sie in großer Hitze ohne Wasser und Schatten auf Reiter warten müssen, nimmt man lieber eine Rikscha. Falls das Reittier aber einen guten Eindruck macht, sollte sich der Tourist nicht zurückhalten und dem Besitzer mitteilen, warum er hier aufsitzt und nicht bei der ungepflegten Konkurrenz.

Endstation Wildnis? Nicht vorgesehen

Auch von Elefanten müssen sich Besucher nicht in jedem Fall fernhalten, um ein moralisches Dilemma zu meiden. Es gibt etwa für verwaiste Jungtiere Auffangstationen, deren Ziel das Auswildern ist und die dafür auf das Geld der Touristen angewiesen sind. Das heißt für Besucher: nur gucken, nicht anfassen.

Schließlich sollen sich die Tiere nicht zu sehr an Menschen gewöhnen. Doch wo Elefantenwaisenhaus draufsteht, steckt nicht immer ein mildtätiger Verein dahinter: Manche "Schutzstation" kettet die Tiere an, züchtet sie und verkauft sie weiter. Und suggeriert den Touristen, dass sie etwas Gutes tun, wenn sie - natürlich gegen Geld - einen Elefanten bürsten dürfen. Die Endstation Wildnis ist für diese Tiere gar nicht vorgesehen.

Am schönsten ist es, Wildtiere dort zu beobachten, wo sie wirklich zu Hause sind. Auch in Schutzgebieten sollte man seine Zivilcourage nicht in der Heimat vergessen. Und etwa dem Ranger klarmachen, dass zu einer gelungenen Safari nicht das Weiße im Auge eines verängstigten Nashorns gehört, dem der Jeep viel zu dicht auf den Fersen ist.

Die Würde des Löwen

Mit einem Wohlfühlabstand auf beiden Seiten hingegen lässt sich etwa das majestätisch Wilde eines Löwen ausgiebig bestaunen - dieses würdevolle Tier will man erhalten , nicht einen traurigen Clown mit Mähne, der durch brennende Reifen springt. Wem das Betrachten aus der Ferne zu wenig abenteuerlich ist, kann ja immer noch Bungeespringen.

Und die Delfinarien?

Bei einigen Betreibern setzt ein Umdenken ein, allerdings nicht ganz freiwillig: So rückte der Dokumentarfilm "Blackfish" das Schicksal des Schwertwal-Männchens Tilikum in der Seaworld, Florida, ins Interesse der Öffentlichkeit. Ihr war Tilikum schon als wortwörtlicher Killerwal bekannt: Er hatte seine Trainerin ertränkt.

Der Film zeigt, wie es dazu hatte kommen können, was das Tier zuvor erlitten hatte und wie Seaworld angeblich versuchte, Vorfälle und Angriffe zu vertuschen. Nicht nur Leute, die sich begeistert von Tilikum in der Show hatten nassspritzen lassen, waren schockiert. Die Besucherzahlen gingen um mehr als zehn Prozent zurück. Die Tanzbären des Meeres waren nicht mehr possierlich.

Nachdem Seaworld noch einen Spion bei der Tierschutz-Organisation Peta eingeschleust hatte, der versuchen sollte, die Aktivisten zu illegalen Aktionen zu überreden, schwenkte der Vergnügungspark um: Die jetzt in Florida lebenden Orcas sollen die letzten sein, Nachzüchtungen und Wildfänge werde es in Seaworld nicht mehr geben. Weil die Show-Orcas in der Wildnis aber nicht überlebensfähig seien, müssten sie bis an ihr Lebensende in Becken bleiben.

Peta hingegen fordert: "Es ist allerhöchste Zeit, Meeressäuger, die nicht wieder ausgewildert werden können, in betreute Meereslagunen zu überführen." So weit will Seaworld doch nicht gehen.

Verwunderlich ist das kaum: In einer Lagune wären die Wale nur teure Rentner, die kein Geld mehr einbringen. Wahrscheinlich könnten die Gäste dort nicht einmal Plüschtiere für ihre Kinder kaufen.

Zum Umdenken zumindest in Seaworld haben die Proteste von Tierschützern zwar beigetragen - bewirkt haben es aber erst Urlauber und Tagestouristen, die kein Geld für Auftritte gequälter und traumatisierter Tiere ausgeben wollten. Haben die Menschen also dazugelernt: Dass Tiere unterhaltsam sein können, aber nicht zu unserem Vergnügen da sind? Offensichtlich nicht alle: Weltweit nimmt die Zahl der Delfinarien nicht ab und damit auch nicht die Nachfrage nach Wildfängen.

Dass Wegschauen, wenn Tiere leiden, tödlich ist, zeigte sich erst in Argentinien: Am Strand des bekannten Badeorts Santa Teresita hatte ein kleiner Delfin Pech, er geriet in eine Horde Badetouristen. Sie hoben ihn aus dem Wasser, sie machten Fotos von ihm, sie trugen ihn auf Händen und töteten ihn. Denn den Wassermangel, die Sonnenhitze und den Stress überlebte das Tier nicht. Der Delfin lächelte bis zu seinem Ende.

Tipps für den tierfreundlichen Urlaub haben zum Beispiel die Tierschutz-Organisationen Pro Wildlife und Peta zusammengestellt.

Alle bisherigen Folgen der Serie "Gute Reise" finden Sie unter sz.de/gutereise

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