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Tiere in der Corona-Krise:Nicht satt zu bekommen

Überleben im Corona-Winter: Rentier mit Besitzer im Schnee

Den Corona-Winter überstehen: Die Samen in Schwedisch Lappland leben mit und von ihren Rentieren. Bis diese vor Schlitten gespannt werden können, müssen sie drei Jahre trainiert werden.

(Foto: Anna Öhlund)

Viele Tourismusbetriebe weltweit, die mit Tieren arbeiten, sind in Not: Keine Urlauber heißt auch kein Geld für Futter und Medikamente - fünf Fälle vom Rentier bis zum Elefanten.

Von Ramona Dinauer, Stefan Fischer, Monika Maier-Albang, Dominik Prantl, Katja Schnitzler

Eiszeit in Schweden: In Lappland müssen die Rentier-Hirten zusehen, wie sie und ihre Tiere den Winter überstehen.

Es sollte schneien im Winter, und das tut es in Lappland auch. Aber hin und wieder regnet es, und dann legt sich der Niederschlag als Eispanzer über den frostigen Boden. Kein Rentier schafft es, sich durchzuarbeiten zu den Flechten, die eigentlich die wichtigste Winternahrung wären. Würden die Hirten sie allein lassen, die Tiere müssten sterben - was in Alaska massenhaft passiert.

In Schwedisch Lappland haben Hirten vor Jahren schon auf das Problem reagiert; sie füttern im Winter zu, das kostet Geld. Und es gibt für die Samen hier oben neben dem Verkauf von Fleisch und Fell ihrer Tiere nicht viele Möglichkeiten, Geld zu verdienen. Sie können in den Minen arbeiten, was die meisten ungern tun - die Minen zerstören die Wälder, die Landschaft, ihre Lebensgrundlage. Was bleibt, ist der Tourismus. Das heißt: was blieb. Bis 2020.

Im Ort Jukkasjärvi, rund 20 Kilometer von Schwedens nördlichster Stadt Kiruna entfernt, haben die Sami Carina Pingi und Nils Torbjörn bereits 1996 das Unternehmen Nutti Sámi Siida gegründet. Ihre Guides bringen Touristen - hauptsächlich die des nahe gelegenen Icehotels - zu den Pferchen, in denen die Rentiere den Winter über gehalten werden. Man kann die Tiere füttern, in der Reindeer Lodge in ihrer Nähe übernachten, darf sich auf einen Schlitten setzen und die Zügel in der Hand halten (wobei Rentiere sich von Ungeübten nicht einfach lenken lassen), erfährt im Zelt beim Feuer oder im Besucherzentrum Márkanbáiki aus erster Hand viel über die Geschichte und die Lebensweise der Sami, die heute in Schweden in 51 samebyar, Samendörfern, leben.

Aber die Zeiten sind härter geworden als Eis. Dänen und vor allem Briten, die zahlreich ins Icehotel kamen, dürfen derzeit gar nicht einreisen. Andere EU-Bürger möchte die schwedische Regierung von "nicht notwendigen" Urlaubsreisen bis mindestens März abhalten. Was tun? "Wir leben in großer Unsicherheit", sagt Katja Bechtloff, Managerin von Nutti Sami Siida. Vereinzelt kämen Gäste, trotzdem mussten sie Touren einstellen. Zumindest das Café versuchen sie offen zu halten. Buchungen für den nächsten Winter gibt es zuhauf. Nur das hilft halt nicht für den Moment. Also kratzen die Hirten ihr Geld zusammen, um das Futter für die Tiere bezahlen zu können. Und viele, erzählt Bechtloff, die das eigentlich nicht hatten tun wollen, arbeiten jetzt für die Minen-Gesellschaften.

Monika Maier-Albang

Ausgebadet in Thailand: Erst durften keine Urlauber ins Land, jetzt nur nach zweiwöchiger Quarantäne. Auch die Elefanten sind den Folgen der Wirtschaftskrise ausgeliefert.

Einer nach dem anderen wird ausrangiert. Weil sie nichts mehr einbringen, weil ihre Besitzer sich den Unterhalt nicht mehr leisten können. Mit etwas Glück landen die arbeitslosen Elefanten dann in Lek Chailerts Park. 96 Tiere lebten schon vor der Pandemie im "Elephant Nature Park" bei Chiang Mai im Norden Thailands, nun hat die Aktivistin 21 weitere Tiere aufgenommen. Vorübergehend. Denn das Geld für Futter und Medikamente ist auch hier knapp.

Über 60 Hektar erstreckt sich das Gelände, auf dem Chailert in Not geratene Elefanten versorgt. Dort, wo die Tiere zuvor lebten, waren sie angekettet oder bekamen nicht genug zu fressen. Schlecht versorgt waren viele thailändische Elefanten schon vor der Corona-Krise. Doch seit bald einem Jahr lässt sich weder mit umstrittenem Elefanten-Reiten noch mit sanftem Tourismus, bei dem die Urlauber mit den Tieren nur im Fluss baden oder spazieren gehen, Geld verdienen. Die Kosten aber sind geblieben. Schließlich braucht ein Elefant bis zu 300 Kilogramm Futter am Tag.

So kommt es, dass seit April wieder mehr Elefanten als Arbeitstiere im illegalen Holzgeschäft eingesetzt werden. Andere werden in Scheunen gesperrt und müssen, wie ihre Besitzer, auf bessere Zeiten warten. "Bestimmt 80 Prozent der Mahuts haben sich seit dem Lockdown in Thailand nach anderen Jobs umgesehen. Sie werden Kellner oder Bauarbeiter", sagt Chailert. "Viele haben hier ihre Arbeit verloren, alle haben zu kämpfen." Ein Kampf, bei dem vor allem die Tiere auf der Strecke bleiben.

Chailert vermutet, dass bereits Hunderte Elefanten verhungert sind. Andere kamen abgemagert nach Chiang Mai, wo man sie nun wieder aufpäppelt. Vor der Krise kamen pro Tag etwa 150 Gäste, um die Elefanten zu füttern, etwas über sie zu erfahren und mit ihnen durch den Wald zu spazieren. Und jetzt?

"Kein einziger Tourist war in den letzten Wochen hier", erzählt Chailert. Ihre tägliche Runde auf dem Rad durch den Park dreht die 59-Jährige trotzdem. Bei ihren Stopps legt sie Decken über die Elefanten oder prüft, ob die Behandlung Fortschritte macht. Mit den wenigen Spendengeldern finanziert der Park Futter und Medikamente für die Tiere. Zudem knüpft Chailert seit einigen Monaten Armbänder und verkauft Fair-Trade-Kaffee übers Internet.

Vor dem nächsten Treffen mit den Kaffeebauern hat Chailert noch eine lange Reise vor sich. 35 Stunden will sie mit einem Lastwagen in den Süden fahren, um drei Elefanten abzuholen. Drei von etwa 3700 Elefanten, die in Thailand in Gefangenschaft leben. Lek Chailert wird sie nicht alle aufnehmen können.

Ramona Dinauer

Rudeltreue in Finnland: Nur weil Stammkunden mehr als 20 000 Euro spendeten, haben 130 Schlittenhunde einer Husky-Farm in Nordkarelien genug zu fressen.

Wer ein Tier sein Eigen nennt, dem ist es meist lieb - und teuer. Zu Futterkosten kommt die Tierarztrechnung. Und erst die Medikamentenpreise! Da kann das Geld schon mal knapp werden. Carolin Kuhnt-Rieck hat 130 Mäuler zu stopfen, mindestens. Das ist in normalen Zeiten kein Problem, denn die Schlittenhunde der Husky-Farm Eräkeskus Wilderness Lodge in Ostfinnland arbeiten für ihre vollen Fressnäpfe im Tourismussektor.

Ältere Hunde, die dauerhaft Medizin brauchen, werden von den aktiven Tieren mitfinanziert. Lodge, Logis, Lohn - alles war bislang abgedeckt. Bis Corona kam und die Urlauber wegbleiben mussten, die zuvor aus ganz Mitteleuropa angereist waren für Touren mit den Huskys. Auch Kanuausflüge durch Nordkarelien, das abgeschieden an der Grenze zu Russland liegt, hatte die Lodge im Angebot.

"Seit März, als die Grenzen dichtgemacht wurden, haben wir kaum Gäste", sagt die Deutsche. Sie ist mit einer Schweizerin verheiratet, Simone Kuhnt, und betreibt mit ihr die Husky-Lodge. Im Juli und August machten sie etwas Umsatz, allerdings nur ein Viertel im Vergleich zu anderen Jahren. In Lappland kursiert inzwischen das Gerücht, dass verarmte Tourenanbieter sogar Huskys getötet hätten.

"Wir sparen an allem, aber nicht an den Hunden!", betont Carolin Kuhnt-Rieck. Und nur ganz selten geben sie hochbetagte Tiere an ihre Paten ab, denn die Schlittenhunde sind ein Leben draußen und im Rudel gewöhnt - und an die langen Läufe durch die Wildnis. "Deren Energielevel ist viel zu hoch, als dass sie im heißen Europa zu Hause im Körbchen liegen könnten."

Über die Geldnot retteten auch ein Kredit und eine Finanzhilfe, beides vom Staat, nur zeitweise hinweg. Die Kosten für den Unterhalt der Tiere sind enorm: Die Eräkeskus Wilderness Lodge muss allein für das Futter 2400 Euro im Monat aufbringen.

Das Ehepaar versuchte, Finnen für Tagestouren zu begeistern, und erarbeitete ein Konzept, um Auslandsreisende ab dem Airport in einer Art Quarantäneblase möglichst kontaktarm zu betreuen. Doch mal strich Finnair Flüge, mal untersagte die Regierung wieder Einreisen.

Vor Weihnachten wurde klar: Ohne Hilfe würde die Husky-Farm nicht bis zum Sommer überleben. Nun zahlte sich die Treue der Stammkunden aus, wortwörtlich: Sie übernahmen nicht nur weitere Patenschaften für die Tiere, sondern spendeten bei der Fundraising-Kampagne Beträge zwischen zehn und 2000 Euro. Insgesamt kamen knapp 24 000 Euro zusammen. Das reicht für Futter und Medizin bis zum Sommer. 130 Mäuler sind gestopft.

Katja Schnitzler

Ein Gepard frisst Fleischbrocken aus dem Napf auf der Gepard Solitaire Guest Farm, Namibia

Napf statt Natur: Raubkatzen-Auffangstation in Namibia

(Foto: Dominik Prantl)

Problemkatzen in Namibia: Geparden haben zwar einen Kuschelfaktor. Doch wenn keine Touristen da sind, hilft selbst das nur wenig.

Wenn Marlice van Vuuren über die Großkatzen der Naankuse Wildlife Sanctuary spricht, einer weitläufigen Auffangstation für Wildtiere in Zentralnamibia, dann fällt schnell der Begriff "Conflict Cats", frei übersetzt: Problemkatzen. Van Vuuren, Gründerin der Naankuse-Stiftung, meint damit jene Geparden, Leoparden und andere Raubtiere, die in Namibia tatsächlich immer noch abseits der Großschutzgebiete auf den riesigen Viehfarmen umherstreifen und bei zu viel Appetit auf Nutztiere im schlechteren Fall gerne einmal auf der Abschussliste der gemeinhin ziemlich gut bewaffneten Farmer landeten. Im besseren Fall melden sich die Farmer heute bei Einrichtungen wie Naankuse.

Nur: Einrichtungen wie Naankuse brauchen die Touristen und deren Geld - zum Beispiel um Katzen zur Bestimmung deren wahren Problempotenzials mit einem GPS-Halsband auszustatten. Oder um an Menschen zu sehr gewöhnte oder auch verwaiste Tiere zu beherbergen. Etwa zwei Drittel der Kosten tragen laut van Vuuren - üblicherweise - freiwillige Helfer und Touristen, indem diese regelmäßig an Fütterungstouren und geführten Pavian-Wanderungen auf Naankuse teilnehmen oder einfach nur in der Lodge übernachten. Da die Touristenankünfte in 2020 lokalen Anbietern zufolge (offizielle Zahlen liegen nicht vor) um 80 bis 90 Prozent einbrachen, sind die Tiere mehr denn je auf Spenden und Sponsoren angewiesen.

Dabei haben Geparden und Co. immerhin ihren Kuschelfaktor. "Katzen sind schließlich romantisch", so van Vuuren. Bedeutend schwieriger werde es jedoch zum Beispiel beim monatlichen Gehalt eines Biologen. Einige Projekte der Stiftung wie etwa die Forschungen zum Mensch-Wildtiere-Konflikt im Norden des Landes mussten sogar bereits gestoppt werden. Dass bislang noch jeder bei Naankuse seinen Job behalten hat, liegt wohl auch daran, dass die professionell geführte Stiftung einen gewissen Promifaktor besitzt. Sie wird unter anderem von der Shiloh Jolie-Pitt Foundation unterstützt; die van Vuurens selbst sind öfter mal in Werbefilmen zu sehen.

Bei ähnlichen Wildtier-Projekten in Namibia sind die Einschnitte zum Teil noch härter. So berichtet Pasquale Scaturro von Solitaire Namibia, dass an manchen Tagen kein einziges Auto und damit auch kein Tourist an der Solitaire Desert Farm und den dort zu beobachtenden Geparden vorbeigekommen sei. Die Kosten für Futter, Betreuung, Zäune oder Impfungen laufen hingegen weiter. Und staatliche Hilfen? Da schüttelt Scaturro nur den Kopf.

Dominik Prantl

Lebensstellung in Südtirol: Im Vinschgau kann man mit Lamas wandern, doch derzeit ist Trekking verboten. Die Hofbesitzer müssen auf ihre Rücklagen zurückgreifen.

"Wir können hier oben sehr sparsam leben", sagt Steffi Mößinger. Hier oben auf dem Birchberg, oberhalb von Plaus im Vinschgau. Das müssen sie und ihr Partner Helmut Weithaler seit Monaten tatsächlich: sorgsam haushalten und das Notwendige aus Rücklagen finanzieren. "Wir können die Lamas ja nicht in Kurzarbeit schicken."

Seit fünf Jahren halten Mößinger und Weithaler auf ihrem Pirchhof Lamas und bieten für Gäste Trekkingtouren an. 22 Tiere umfasst die Herde mittlerweile. Im Juli, August und September lief das Geschäft überraschend gut. Davor und danach jedoch: keine Touren aufgrund der Corona-Pandemie. "Gruselig" nennt Steffi Mößinger das vergangene Geschäftsjahr. Staatliche Hilfen haben die beiden nicht zu erwarten in Italien.

Sie könnte sich beklagen über das Verbot, Touren anzubieten, denn der Birchberg ist eine coronafreie Zone, beim Lamatrekking ist man im Freien und hält die Mindestabstände notgedrungen ein, wenn man eines der Tiere führt. "Das Risiko einer Infektion hier bei uns ist extrem gering." Mit ein oder zwei Familien könnte man im Grunde also gefahrlos wandern. Aber Steffi Mößinger sieht nicht nur ihre Verantwortung für die Tiere und ihren kleinen Betrieb, sondern auch gegenüber der Gesellschaft: "Die Vernunft sagt einem, dass wir alle an einem Strang ziehen müssen. Wenn es Ausnahmen gäbe, hätte das eine große negative Strahlkraft."

So bleibt die Hoffnung, bald wieder Touren anbieten zu können. An der Kundschaft liegt es nicht: "Die Leute haben ein ungeheures Bedürfnis nach Weite und frischer Luft", beobachtet Mößinger. "In den Sommermonaten, als wir Betrieb hatten, war unser Gefühl: Die Menschen haben sich extrem beruhigt gefühlt hier am Berg, weil sie raus waren aus dem Tal, aus Meran." Im vergangenen Jahr war die Anfrage nach individuellen Touren, an denen nur eine Familie teilnimmt, so groß wie nie zuvor. Steffi Mößinger ist zuversichtlich, dass zumindest solche Touren bald wieder zugelassen werden.

Vorerst haben sie nur zwei ihrer Tiere gedeckt. Verkleinern wollen sie ihre Herde aber auf keinen Fall. Der Pirchhof ist ein Lebenshof, die Tiere bleiben dort, auch wenn sie nicht mehr produktiv sind. Das erhöht zwar die finanziellen Lasten. Mößinger macht jedoch gerade die Erfahrung, dass sich wegen dieses Konzepts "mehr Leute bewusst dafür entscheiden, genau unseren Hof am Leben erhalten zu wollen".

Stefan Fischer

© SZ
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