Tourismus in Österreich Udo, der Große

In Sachen Aufmerksamkeitsökonomie ganz vorn dabei: der Pyramidenkogel mit seinem 3-D-Jürgens.

(Foto: picture alliance / GERT EGGENBERGER)

Auf einem Parkplatz in Kärnten prangt ein riesiges Porträt des verstorbenen Sängers Udo Jürgens. Die neue Attraktion ist Sinnbild eines neuen Tourismus-Marketing-Trends: "Instagramable" sein.

Von Magdalena Pulz

441 Stufen muss man steigen, bis man auf der 71 Meter hohen Plattform steht. Im Süden schimmern in der Ferne die slowenischen Berge, im Norden liegt der türkisfarbene Wörthersee. Und von ganz weit unten blickt einen Udo Jürgens an - in Stein gehauen, umspült von Wasserfällen, thront er über einer Schlucht. In der rechten Hand hält er das Mikrofon und begleitet wird er, klar, von einem Flügel, der auf einem Balkon am Rande des felsigen Abgrundes steht.

Aber natürlich fließt nicht wirklich Wasser, kein einziger Stein wurde gehauen. Es ist nur ein 3-D-Bild, etwa 1000 Quadratmeter groß, das mit Farbwalzen und 60 Litern Farbe auf einen Parkplatz gemalt worden ist. Der gehört zum Aussichtsturm am Gipfel des Pyramidenkogel in Kärnten, der von der Gemeinde Keutschach am See betrieben wird. Nur von der Plattform des Holzturmes aus entfaltet das riesenhafte Bildnis seine Wirkung.

"Tolle Idee", sagt Jan Kobernuß, Geschäftsführer der Agentur ift in Köln, die Unternehmen, Städte und Gemeinden in Tourismusfragen berät. Früher habe es gereicht, als Ferienort ab und an einen Flyer mit glücklich winkenden Familien herauszugeben, heute verlange die Aufmerksamkeitsökonomie andere, spektakulärere Maßnahmen, um Menschen auf potenzielle Reiseziele aufmerksam zu machen. Die "harte Währung im Tourismus", sagt Kobernuß, seien Bilder, die in sozialen Medien gepostet, geliked, geteilt und diskutiert werden. Genau deshalb funktioniere "der Udo" auch so gut: Er ist "instagramable", wie Kobernuß das ausdrückt. Gerade für kleine Orte ist es schwer, sich gegen große, vom Hypertourismus geprägte Städte wie Paris, Barcelona oder London durchzusetzen. Sogar der Deutsche Tourismusverband rät ihnen, in "außergewöhnliche und besonders attraktive Angebote zu investieren". Werdet kreativ, heißt das übersetzt.

Das 3-D-Bild am Pyramidenkogel ist kurios und zeigt einen Prominenten, den fast jeder kennt. Der 2014 verstorbene Sänger, im nahen Klagenfurt geboren und nur 30 Kilometer von Keutschach entfernt aufgewachsen, war besser als alle Alternativen: Schriftsteller Peter Handke hätten zu wenig Touristen erkannt, Jörg Haider, der frühere FPÖ-Chef und Landeshauptmann, der sich als eine Art Sonnenkönig Kärntens sah, hätte zu stark polarisiert, erklärt Karl Dovjak, der Bürgermeister des Ortes. Und danach werde es dünn mit der Kärntner Prominenz. Mit Udo Jürgens betone man ein Alleinstellungsmerkmal der Ortschaft. Denn über keine andere Region soll der Sänger gesagt haben: "Hier ist ein Paradies und die Leute fahren gottweiß wohin - um einen schlechteren Urlaub zu haben als hier."

Mit Identität kann man als Gemeinde also Bonuspunkte sammeln. Das hat auch der Ort Rohrhardsberg im Schwarzwald versucht. Dort hat man einen " U(h)rwald-Pfad" geschaffen, einen 8,7 Kilometer langer Rundwanderweg, der durch Kuckucksuhren in allen Formen und Farben aufgemotzt worden ist. Auch das ist kurios, fotografierbar und die Kuckucksuhren symbolisieren die Tradition des Schwarzwaldes. Aber lockt das Udo-Jürgens-Bildnis wirklich mehr Touristen nach Keutschach? Ja, sagt Dovjak. Fast 4000 Leute seien an einem Oktoberwochenende gekommen, das sei außergewöhnlich viel für die Nebensaison. Die Rezensionen bei Google lassen vermuten, dass die Besucher das riesige Udo-Bild zwar ganz nett finden - die größere Attraktion sei aber die Rutsche, die von der Aussichtsplattform herunterführt.

Und sobald der Weihnachtsmarkt beginnt, wird der Udo ohnehin entfernt. Im kommenden Jahr wird am Pyramidenkogel ein neues Kunstwerk zu sehen sein. "Vielleicht eine Kunstinstallation" sagt Dovjak und gerät ein wenig ins Schwärmen: "Zum Beispiel mit Lichteffekten. Das könnte abends spannend sein!" Und die Besucher mit ihren Smartphones können Selfies machen, die Bilder auf Instagram stellen, wo sie geliked, geteilt und diskutiert werden.

"Der Inhalt scheppert immer"

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