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Tourismus extrem am Mount Everest:Für den Gipfel über Leichen gehen

Oft schlägt die Faszination der kulturellen Unterschiede um in offene Feindseligkeit. Die Bereitschaft, im Wortsinne über Leichen zu gehen, ergibt sich vor allem durch die Anonymität, die in den Touristenmassen gedeiht. Der Clash der Kulturen wird auch von den Massenmedien gerne inszeniert.

Vergangenes Jahr war der Everest in die Schlagzeilen geraten, nachdem Simone Moro und Ueli Steck - beides hervorragende Bergsteiger - von Sherpas verprügelt worden waren. Dass Steck im gleichen Jahr eine unglaubliche Erstbegehung an der Annapurna-Südwand schaffte, geriet zur Randnotiz.

Dabei ist der Everest nur ein besonders exponiertes Beispiel dafür, wie Berge und Wanderwege im touristischen Lebenszyklus zum Massenprodukt degenerieren. Das Matterhorn, wo die zum Teil überforderten englischen Erstbesteiger im Jahr 1865 einen ihrer einheimischen Bergführer, Michael Croz, mit in den Tod rissen, macht den Talort Zermatt längst reich.

Allein für eine Besteigung kassieren Schweizer Bergführer knapp 1000 Euro, obwohl sich am Einstieg morgens abschreckend viele Seilschaften stauen. An der Zugspitze - gerne wörtlich nehmen - boxen sich Wochenend-Abenteurer von der Bergstation zum Gipfel durch. Im Umkreis von zehn Kilometern stehen gleichzeitig die schönsten Gipfel leer.

An der prestigeträchtigen Watzmann-Ostwand starben inzwischen mehr als 100 Menschen. Und kaum ein Bergreiseveranstalter kann es sich leisten, auf populäre Weitwanderwege wie den E5 und Bergklassiker wie Großglockner oder Mont Blanc zu verzichten.

Interessanterweise geben die deutschen Wanderfreunde in einer Umfrage des Deutschen Wanderverbandes nicht etwa das Rennen in Herden, sondern das Naturerlebnis als wichtigste Motivation für ihr Hobby an.

Oswald Oelz, Himalaya-Pionier und Höhenmediziner, meint: "Viele Menschen haben offenbar das Bedürfnis, sich in großen Horden zu gesellen." Er findet die Konzentration der Massen gar nicht so schlecht. "Ich würde Reservate schaffen, in dem sich die Fliegen um den Kuhdreck formieren können." Der Kuhdreck, das seien Prestigeberge wie Everest und Matterhorn, und eigentlich müsste man dort richtige Trassen bauen.

Bergsteiger beim Abstieg vom Mount Everest

Kletterer beim Abstieg vom Mount Everest.

(Foto: AFP)

Er selbst würde es zwar nicht tun, aber es sei auch nichts dagegen einzuwenden, dass sich "Konsumenten" (Oelz) ihr Bergerlebnis einfach kaufen anstatt es eigenverantwortlich zu erarbeiten. Es sei nur immer noch "zu billig". Eine Besteigung mit einem Veranstalter kostet schon jetzt zwischen 30 000 und 50 000 Euro, aber "ich habe ja auch keinen Van Gogh im Zimmer hängen", sagt Oelz. Es gebe für weniger betuchte Bergsteiger genügend wunderschöne, viel günstigere Berge, an denen keine Fliegen schwirren.

Warum kein Wellness-Hotel im Basislager oder Rundflüge über dem Khumbu-Eisfall?

Laut Butlers Destinationslebenszyklus müssen sich die Everest-Veranstalter tatsächlich etwas einfallen lassen. Denn ohne Erneuerung drohen nach der Phase der Massen Stagnation und Abwärtstrend. Strategien gibt es verschiedene.

Mehr Nachhaltigkeit wäre eine Möglichkeit. Aber warum nicht gleich Skipisten, ein ordentliches Wellness-Hotel im Basislager oder gar Helikopter-Flüge (technisch geht das schon!) über der Unglücksstelle am Khumbu-Eisfall?

Am Matterhorn wird unterhalb des viel begangenen Hörnligrats demnächst mit der Renovierung der Hütte begonnen; man kann es als eine Investition für die Zukunft bezeichnen. Die neue Hörnlihütte wird weniger Betten bieten, dafür aber mehr Komfort.

Eben das, was der Bergsteiger der Moderne verlangt.

© SZ vom 30.04.2014/kaeb

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