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Tourismus:Dem Meer so nah: Gärten in der Bretagne

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Fougères (dpa/tmn) - Mit dem Finger streicht Oriane Jouno über die handgroße Scheinblüte des Hongkong-Hartriegels. Wie gemalt geht die Farbe von Creme in ein Zartrosa über. "Er zählt zu unseren seltenen Gehölzen im Park", sagt die 35-jährige Französin, die mit der Familie den riesigen Parc Botanique de Haute Bretagne bei Fougères managt.

Ihr pflanzenverrückter Vater Alain Jouno hatte 1994 den botanischen Garten im Osten der Bretagne angelegt. Wo früher nur Gestrüpp wuchs, zelebrieren heute 24 Teilgärten Landschaftskunst. Da strahlt der japanische Garten nahe dem Herrenhaus mit sorgfältig geharktem Kies Ruhe aus. Im Wassergarten dagegen wiegen sich Gräser, Stauden und Sträucher im Wind. Aus einem Teich recken sich pyramidenförmige Bambus-Inselchen.

Über geschwungene, gebogene und hängende Brücken führt der Rundgang durch das Pflanzenreich, vorbei an Rhododendren, Kamelien, Azaleen hin zu den fast künstlich blau leuchtenden Hortensien. Die Bretagne gilt als Land der Hortensie. Riesige Büsche bevölkern selbst den Straßenrand.

Kunstvoll modellierte Baumkronen

Im Jardin du Château de la Ballue, einem Schloss aus dem 17. Jahrhundert in Bazouges la Pérouse, verlangt die Gestaltung der Eiben, Hainbuchen und Buchsbäume äußerste Präzision. Sorgfältig korrigiert der Gärtner das Schnurlot an der Hecke, dann greift er zur Schere. Kuben und Kugeln in vollendeter Form huldigen in diesem Schlossgarten der Kunst des Pflanzenschnitts.

"Ein Garten ist keine Ausstellung von Pflanzen", erklärt Marie-Françoise Mathiot-Mathon, "es zählt allein die Gesamtkomposition." Mit Begeisterung verfolgt die Schlossherrin für ihr gärtnerisches Kunstwerk ein Ziel: Schönheit. So wandelt der Gast wie auf einer wohlkomponierten Theaterbühne, wo selbst die Kronen hoher Kiefern modelliert werden.

Wirkt die Anlage mit ihrem erhabenen Parterre aus geometrischen Formen und symmetrischen Wegen zunächst wie ein barocker Garten, so handelt es sich doch um eine Neugestaltung aus den 1970er-Jahren. Verflochtene Wege führen durch 13 Gartenräume samt Labyrinth - barocke Gartenlust neu interpretiert!

Subtropisches mit Blick auf den Jaudy

"Gärten sind der letzte Luxus unserer Zeit", formuliert es Guirec Maréchal. Er muss es wissen, erfüllte sich der frühere Kriegsreporter doch im Jahr 2021 mit der Übernahme des Gartens von Le Kestellic in Plouguiel nahe der rosa Granitküste einen Traum. Auf sieben Hektar geht es auf und ab mit einem Höhenunterschied von 80 Metern.

Unablässig bearbeitet der Bretone den dicht bewachsenen Park und schneidet Blickfenster zur malerischen Bucht des Flusses Jaudy frei. "Dabei suche ich eine ästhetische Balance zwischen der unbändigen Natur und meinem landschaftsplanerischen Gestalten", erklärt er.

1800 Pflanzenarten aus fünf Kontinenten gedeihen in dem verborgenen Garten, darunter außergewöhnlich hohe subtropische Baumfarne. Mit ihren riesigen Wedeln bilden sie einen exotischen Minidschungel. Und gelten nicht Urwälder als schwindende Kostbarkeiten unserer Welt?

Designergärten im Blütenrausch

Auch der international bekannte Schuhdesigner Christian Louboutin folgte dem Trend zum Garten, als er im Jahr 2021 die Jardins de Kerdalo im Departement Côtes d‘Armor erwarb. Sowohl bei Gärten als auch bei der Mode ginge es schließlich um Farben und Formen.

Sein privates Arkadien in Tredarzec bleibt weiterhin für die Öffentlichkeit zugänglich. So flanieren die Besucher durch das ausgedehnte Wunderreich, in dem sich Blütenmeere im Farbenrausch wie in einem impressionistischen Gemälde verlieren.

Überall in Kerdalo fließt Wasser, über Treppen, in Kanälen, durch eine italienische Grotte, zu Teichen, in einen See. Und unter den riesigen Blättern des mannshohen Mammutblattes (Gunnera manicata) fühlt sich der Mensch auf der Zeitachse zurückgeworfen in die Urzeit.

Garten rund um die Burg

Auf eine Zeitreise begibt sich auch, wer die weitläufige Domaine de la Roche-Jagu betritt. "Nach einem schrecklichen Sturmschaden gab es für einen jungen Landschaftsarchitekten die Chance, rund um die Burg aus dem 15. Jahrhundert einen zeitgenössischen Garten zu gestalten, der aber vom Mittelalter inspiriert ist", erzählt Parkleiter Fabien Dumortier. "Dabei verpflichten wir uns ganz der Biodiversität."

Stundenlang lässt es sich durch die verschiedenartigen Obst- und Kräutergärten streifen oder unter den Pergolen spazieren - bis hin zum Kamelienhain mit seinen 350 Sorten.

Seltenes im Fischerstädtchen

Pflanzenraritäten aus der südlichen Hemisphäre drängen sich am Fuße eines Granitfelsens im Jardin Exotique et Botanique de Roscoff. In dem Fischerstädtchen an der nördlichen Atlantikküste ringen auf überschaubarem und leicht zugänglichem Raum Sukkulenten, Agaven und Kakteen um die Aufmerksamkeit unter 3500 subtropischen Pflanzenarten.

"So zaubern etwa unsere vielen Zuckerbüsche (Protea) einen Hauch von Südafrika in die Bretagne", meint Jean-Michel Moullec vom Bürgerverein GRAPES, der den Garten betreibt.

Noch mehr Exotik umschlingt den Besucher auf der Île de Batz im Jardin Georges Delaselle. Der Botanikliebhaber schuf auf der autofreien Insel in Sichtweite von Roscoff ab 1897 einen Landschaftsgarten mit exotischen Pflanzen: eine Oase im Atlantik mit meterhohen Palmen und Bananenstauden. Das maritime, besonders milde Inselklima ermöglicht dieses bretonische Eden. Dem Golfstrom sei‘s gedankt.

Gärten in der Bretagne

Lage: Die beschriebenen Gärten befinden sich in der Bretagne im Nordwesten Frankreichs. Einige Gärten bieten Cafés oder Gästezimmer im Schloss an.

Reisezeit: Die meisten Gärten sind von Frühjahr bis Herbst geöffnet und kosten Eintritt. Vor dem Besuch sollte man sich nach den genauen Öffnungszeiten erkundigen.

Anreise: Am praktischsten ist es, in die Städte Rennes oder Brest zu fliegen und von dort einen Mietwagen zu nehmen. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln sind die Gärten oftmals nur mühsam zu erreichen.

Informationen: Auf der deutschsprachigen Webseite des Tourismusverbands der Bretagne www.bretagne-reisen.de.

© dpa-infocom, dpa:230602-99-920765/4

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