Tierwelt Abhängen und abtauchen

Costa Ricas Artenvielfalt ist enorm. Fast jeder Tourist will die spektakulärsten Tiere sehen. Doch manche sind nachtaktiv oder verstecken sich.

Von Anja Martin

Der Rotaugenlaubfrosch

(Foto: mauritius)

Der Rotlaugenlaubfrosch ist das Gesicht des Landes. Mit seinen roten Augen guckt er einen an - gefühlt immer und überall. Von den Titeln der Reiseführer, auf Postkarten, Kaffeetassen, Schlüsselanhängern und T-Shirts. Und jetzt auch noch von diesem Blatt im Regenwald. In echt. Aus dem Dunkeln heraus. Beleuchtet nur vom Strahl einer Taschenlampe. Grünes Tier, rote Augen, orangene Knubbelfinger und blaue Flanken, in denen helle Streifen blitzen. Feuriger kann man als kleines Tier nicht aussehen. Oder noch giftiger. Der meistgezeigte Frosch zählt zu den Pfeilgiftfröschen. Seine Haut ist toxisch, allerdings nur so stark, dass er Hautkrankheiten abwehren kann. Rund 140 Froscharten soll es in Costa Rica geben - mit einer überraschenden Vielfalt an Farben und Formen. "Sei kein Frosch" - das würde man in Costa Rica nie sagen. Oft wird sogar behauptet, der Rotaugenlaubfrosch sei das Nationaltier, was nicht stimmt. Diese Ehre gebührt einem Hirsch, auch wenn das uns europäischen Touristen viel zu unexotisch erscheint.

Der Tapir

(Foto: mauritius)

Der Tapir hat sich seit 40 Millionen Jahren kaum verändert. Er ist eins der Urtiere unserer Erde, eine Art Dinosaurier des Regenwalds. Ein Wunder, dass er nicht längst ausgestorben ist. Auf der Roten Liste der gefährdeten Arten steht er seit schon seit Jahrzehnten. Schließlich schwindet sein Lebensraum. In Costa Rica soll es immerhin noch knapp tausend von ihnen geben. Einer der aussichtsreichsten Orte, sie zu beobachten, ist der Corcovado-Nationalpark. Stundenlang halten wir Ausschau, schlagen uns durchs Unterholz, checken seine Lieblingsplätze: Wo er schläft, wo er badet. Nichts. Der Tapir ist Einzelgänger, nachtaktiv, scheu. Er kann 300 Kilo wiegen, ist aber bei Weitem nicht schwerfällig. Eine kuriose Mischung aus hochbeinigem Schwein und Ameisenbär, ohne Schwanz. Dafür hat er einen kurzen Rüssel, mit dem der freundliche Vegetarier Früchte nascht. Der dient ihm auch zum Atmen, wenn er vor einem Puma ins Wasser flieht und untertaucht. Wo er untergetaucht ist, sehen wir später auf den Handyfotos der anderen Besucher: Er hat einfach am Strand gechillt.

Brüllaffen

(Foto: mauritius)

Das Kikeriki Costa Ricas ist ein tiefes und sehr ernstes Brüllen. Wie von einem Löwen. Teils auch gruselig, wie aus einem Geisterbahn-Lautsprecher. Brüllaffen wecken pünktlich nach Sonnenaufgang den ganzen Regenwald und jagen Besuchern einen Schauer über den Rücken. Den Tag über fressen und dösen sie - bis zu zwanzig Tiere sind in einer Gruppe. Beim Klettern, Blätterzupfen und Früchteernten hilft ihnen ihr Greifschwanz, den sie wie eine fünfte Hand nutzen können. An der Unterseite ist extra kein Fell, damit er nicht so leicht abrutscht. Sie sind die größten Affen Costa Ricas, doch trotzdem weit kleiner, als man denkt, werden maximal einen Meter groß und wiegen zwischen vier und zehn Kilo. Fünf Kilometer weit sind sie zu hören. Der Rudelführer beginnt, die anderen Männchen fallen ein. Mit dem Stimmspektakel markieren sie ihr Revier, beeindrucken Weibchen oder übertrumpfen Konkurrenten. Sie schreien sich lieber aus der Ferne an, statt miteinander zu kämpfen. Lieber heiser sein und heil bleiben. Keine schlechte Strategie.

Der Quetzal

(Foto: mauritius)

Der Quetzal, geheimnisvollster Vogel Mittelamerikas, lockt viele, die ihn einmal in ihrem Leben sehen möchten. Smaragdgrün, schillernd, mit roter Brust soll er Glück bringen, und das schon seit langer Zeit. Azteken und Mayas verehrten ihn. Nur Krieger, Priester und Könige durften sich mit seinen Federn schmücken. Dafür fingen sie die taubengroßen Tiere lebend und rissen ihnen die nachwachsenden Schwanzfedern aus, die bis zu 80 Zentimeter lang werden können. Getötet werden durften die Vögel nicht. Wer dagegen verstieß, musste selbst sterben. Der Quetzal wurde zum Symbol der Freiheit. Auch sein Name kommt aus der Sprache der Azteken: "Quetzalli" bedeutet "lange, schillernde Schwanzfeder". Der selten gesehene und unter Schutz stehende Vogel lebt in den Nebelwäldern, weit oben, zwischen 1000 und 3000 Metern Höhe. Spektakulär ist sein nur Sekunden dauernder Balzflug, bei dem er wellenförmig in die Luft steigt und wie ein Blitz wieder herunterfällt. Trotz seines schillernden Federkleids ist er ansonsten in der üppigen Vegetation schwer zu entdecken. Gejagt wird er wegen der Federn, denn heute lassen sich Wilderer von alten Geschichten über heilige Vögel natürlich nicht mehr abhalten.

Das Faultier

(Foto: mauritius)

Perezoso? Sloth? Der Taxifahrer versucht alles, doch die Fahrgäste verstehen nicht. Weil er aber weiß, dass jeder Tourist ein Faultier sehen will, stoppt er einfach auch ohne unser Okay bei einem Freund. Der hat eins im Garten. Und das hat sogar einen Namen. Zwei Minuten später dürfen wir Dalia halten. Ganz Faultier, bewegt sie sich keinen Millimeter. Fast kommt einem der Gedanke, das Tier könnte ausgestopft sein. Doch da, es blinzelt. Leider ist es nicht so kuschelig wie gedacht, das Fellknäuel kratzt und muffelt. So nah kommt der Mensch den Faultieren selten. Nicht weil sie ihm davonlaufen würden, aber sie hängen fast die ganze Zeit weit oben in den Bäumen, kommen nur einmal die Woche runter, um ihr Geschäft zu verrichten. Faultiere haben für ihre Größe den langsamsten Stoffwechsel aller Säugetiere. Auch wenn sie wider Erwarten nur acht Stunden schlafen, sind sie immerhin zwanzig Stunden inaktiv. Sie bewegen sich so langsam, dass ihnen die Blätter, die sie fressen, ins Maul wachsen könnten. Man darf das Faulsein nicht ihrem Charakter zuschreiben, aber die reine Blätterkost wirft nun mal nicht viel Energie ab. Also versuchen sie, wenig zu verbrauchen. Kluge Kerlchen.

Der Basilisk

(Foto: mauritius images)

Tiere, die übers Wasser gehen? Klar gibt es die. Wir denken an zarte, kleine Wesen, etwa Wasserläufer. In Costa Rica schafft das aber ein Tier, das 200 Gramm schwer und 70 Zentimeter lang sein kann: der Basilisk, den man auch Jesus-Christus-Echse nennt. Es ist eine Sache der Geschwindigkeit. Die Leguanart klatscht ihre Füße so schnell und hart auf die Wasseroberfläche, dass sie trägt - für zehn bis zwanzig Meter. Auftrieb geben zusätzlich kleine Luftpolster unter den Häuten ihrer Füße. Vor allem nutzen sie diese Fähigkeit, um vor Schlangen übers Wasser zu flüchten. Benannt wurde der Basilisk nach einem mittelalterlichen Fabelwesen, mit dem er aber zum Glück nichts gemein hat: Weder trägt er den Kopf eines Hahns noch den Körper einer Schlange, noch hat er giftigen Atem, der die Pflanzen verdorren lässt.