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Thailand:Können Elefanten-Camps artgerecht sein?

Arbeitselefanten haben die Angst vor dem Menschen verinnerlicht, sagen Tierschützer - und plädieren für mehr Distanz.

(Foto: John Warburto/mauritius images)

Ehemalige Arbeitselefanten werden in Parks als Touristenattraktion gehalten. Tierschützer lehnen das ab: Der Mensch bereite den Tieren zu viel Stress. Doch auch Auswildern ist keine Lösung.

Kurz vor acht Uhr morgens in Chiang Mai. In den Straßen der größten Stadt im Norden Thailands herrscht schon reges Treiben. Weiße Minivans fahren von Hotel zu Hotel und sammeln die Touristen ein. Es geht raus aus der Stadt, über holprige Straßen, in alle Himmelsrichtungen. Und doch haben alle dasselbe Ziel: Elefanten sehen.

Die Tiere sind die Touristenattraktion der Region. Jokia zum Beispiel. Sie steht im Schatten und frisst. All der Trubel, der einsetzt, sobald die Urlauber aus den Vans steigen, kümmert die Elefantenkuh offenbar wenig. Seit Jahren schon lebt sie rund 60 Kilometer außerhalb von Chiang Mai, im "Elephant Nature Park", den die Thailänderin Saengduean Lek Chailert seit 2003 betreibt. Die Elefantenkuh ist schätzungsweise 60 Jahre alt. Als sie jung war, haben mehrere Mahouts, Elefantenführer, mit ihr gearbeitet. Mehr als einmal sei Jokia trächtig gewesen, habe die Föten aber verloren, weil sie so schwer arbeiten musste, erzählt einer der Guides im Park. Irgendwann begann sie, die Befehle ihres Mahouts zu ignorieren. Man habe sie dann gequält. So sehr, dass sie erblindete. Die Tafeln, die im Besucherbereich hängen, erzählen viele solcher Leidensgeschichten von Arbeitselefanten, Zirkuselefanten oder sogenannten Bettelelefanten, die in thailändischen Städten gemeinsam mit ihren Besitzern um Geld betteln.

Ihre letzten Lebensjahre sollen Jokia und 83 weitere Elefanten nun in Frieden leben dürfen, so will es Chailert, die 58-Jährige, die alle nur Lek nennen. Ihr Park ist ein sogenanntes Schutzzentrum, wie man sie in Thailand seit ein paar Jahren immer häufiger findet. Bis auf die Fütterung durch die Touristen am Mittag gibt es keinen direkten Kontakt zwischen Besuchern und Tieren mehr, es wird nicht auf ihnen geritten. Seit ein paar Jahren findet auch im Elephant Nature Park kein gemeinsames Baden im Fluss mehr statt, Reiten war in diesem Park nie erlaubt. "Als wir das Baden verboten haben, kamen anfangs weniger Touristen, aber mittlerweile findet ein Umdenken statt", sagt Chailert. Wie sie sind offenbar immer mehr Urlauber davon überzeugt, dass für die wilden Tiere die Interaktion mit Menschen, egal wie gut gemeint sie auch sein mag, Stress bedeutet. Und dass für ehemalige Arbeitselefanten der Kontakt mit Menschen auch nach Jahren noch angstbesetzt ist.

Saengduean Lek Chailert betreibt ein Schutzzentrum für frühere Arbeitselefanten.

(Foto: Jaqueline Lang)

Zuerst hatten kleinere Reiseveranstalter das Thema aufgegriffen. Inzwischen ist es auch bei der Tui, Deutschlands größtem Reiseveranstalter, angekommen. Man biete seit 2016 kein Elefantenreiten und keine Elefantenshows mehr an, sondern unterstütze Betreiber von Elefantenparks "beim Wandel hin zu elefantenfreundlichen Angeboten", wie es Sprecher Christian Rapp formuliert.

Sebastian Riedel hat lange recherchiert, bevor er sich für Leks Park entschieden hat. Der 35-Jährige und seine Freundin, die gerade in Thailand Urlaub machen, wollten unbedingt Elefanten erleben. Aber, so sagt Riedel, "wir wollten auch sichergehen, dass die Tiere gut und artgerecht behandelt werden". Auf Tripadvisor hat er seinen zweitägigen Besuch im Nachhinein mit fünf Sternen bewertet. Es sei, so schreibt er, eine einmalige Erfahrung gewesen. Vor acht Jahren habe er schon einmal ein Camp besucht, damals seien er und seine Freundin allerdings auch auf Elefanten geritten. "Heute würden wir das jedoch nicht mehr machen", sagt Riedel.

Doch längst noch nicht alle Touristen denken so wie Chailert und Riedel. Auch Janine Schmidt, 30, bewertet ein Elefantencamp mit fünf Sternen. Auch sie schreibt, die Erfahrung sei "unübertrefflich" gewesen. Doch ihre Erfahrung beinhaltet sowohl das Reiten eines Elefanten als auch das gemeinsame Baden. Informiert über Angebote verschiedener Anbieter habe sie sich vorab nicht, sie sei auf Empfehlung einer Freundin in das Camp von Bodo Förster gefahren, sagt Schmidt. Bereut habe sie ihre Entscheidung nicht.

Im Camp "Elephant Special Tours" von Förster, das etwa eine Stunde westlich von Chiang Mai am Rande des Doi-Inthanon-Nationalparks liegt, ist das Reiten auf und das Baden mit den Elefanten nach wie vor erlaubt. 14 Elefanten hält Bodo Förster. Der 57-Jährige, der aus Thüringen stammt, hat früher im Berliner Tierpark als Elefantenpfleger gearbeitet. Er war nach Thailand gereist, um mehr über das Leben der Tiere zu lernen - und ist dann geblieben. Das Camp betreibt er seit 2001, ein "Elefantenprojekt mit Touristen", wie Förster es selbst nennt. Tierschützer wie Katharina Lameter vom Verein Pro Wildlife sagen: "Ein Tourismusprojekt mit Elefanten."

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Im Camp kommt der traditionelle Elefantenhaken zum Einsatz, die Tiere sind in Ketten gelegt. Förster verzichtet allerdings auf große Touristengruppen. Sein Konzept: Individualtourismus, enger Kontakt zwischen Mensch und Tier. Janine Schmidt sagt, den Haken haben sie während ihrer dreitägigen Tour selbst berührt, der sei gar nicht scharf gewesen. Eher so, wie wenn man den Finger fest in die Haut drücken würde. Förster habe den Gästen erklärt, dass die Tiere feste Ruhezeiten haben. Auch durften die Besucher kein Deo verwenden, weil die Tiere so einen empfindlichen Geruchssinn haben. "Es war für mich offensichtlich, dass es den Tieren gut geht", sagt Schmidt, "deshalb finde ich das schon okay."

Förster und Chailert, der Deutsche und die Thai, beide arbeiten seit 30 Jahren mit Elefanten. Beide haben die Tiere gesucht - und sagen, die Elefanten seien ihr Schicksal, ihr Leben.

"Der Mensch neigt dazu, die Elefanten zu vermenschlichen. So wie Dumbo", sagt Förster. Das sei das eigentliche Problem - nicht, dass jemand wie er Touristen auf den Elefanten reiten lasse. Eine artgerechte Haltung im Camp, das könne es schlicht nicht geben. Ganz egal, ob man nun, wie er selbst, die Tiere in Ketten lege oder frei herumlaufen lasse, so wie Chailert. Und nein, an Auswilderung sei gar nicht zu denken, sagt Förster. "Der Elefant ist das einzige Tier, das sich in der freien Natur selbst die Lebensgrundlage zerstört", sagt er.

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Sinan ist im Frühjahr in Försters Camp zur Welt gekommen. Nun lugt der Rüssel des jungen Bullen immer wieder vorsichtig zwischen den Beinen seiner Mutter hervor. Sein Weg ist bereits vorherbestimmt: Mit zwei oder drei Jahren wird ihn sein Mahout langsam an die Kette gewöhnen, mit vier Jahren wird man ihn von seiner Mutter trennen, man wird beginnen, ihn zu reiten. Und wenn er nicht tut, was man von ihm verlangt, ja, dann wird man seinen Willen brechen - mit Gewalt. Förster macht daraus kein Geheimnis. "Gesunder Menschenverstand ist nicht immer politisch korrekt", sagt Förster. Er weiß, dass er mit seiner Meinung und seinen Praktiken bei manchen Menschen, vor allem bei Tierschützern wie Lameter, aneckt. Und immer häufiger auch bei Touristen. Er ist trotzdem überzeugt: "Ich habe das Leben der Elefanten besser gemacht."

Katharina Lameter kennt Camps wie das von Förster. Sie kritisiert die Bedingungen, unter denen die Tiere dort gehalten werden. Doch auch einen Park wie den von Chailert möchte Lameter nicht uneingeschränkt empfehlen. "Es ist ein Schritt in die richtige Richtung", sagt Lameter. Mehr sei es aber auch nicht. Roland Gramling stimmt ihr zu. "Prinzipiell ist es am besten, wenn Touristen Nationalparks mit wilden Elefantenpopulationen besuchen", sagt der Sprecher der Umweltorganisation World Wide Fund For Nature (WWF) Deutschland. Der Nationalpark Kuri Buri im Süden Thailands unweit der Hauptstadt Bangkok sei gut geeignet für solche Beobachtungen, weil dort noch viele wilde Elefantenherden lebten, so Roland Gramling. Der natürliche Lebensraum der Tiere, er schwindet, aber vereinzelt gibt es ihn noch.

Knapp 7000 Elefanten gibt es in Thailand. Die Hälfte lebt in freier Natur, die andere Hälfte immer noch in Camps. Und der natürliche Lebensraum der Tiere schwindet.

(Foto: Lewis Newman/mauritius images)

Doch woher kommen eigentlich all die Tiere in den Camps, wo doch seit Jahren - offiziell zumindest - keine Elefanten mehr in Thailand gefangen werden dürfen? Es gebe Märkte, auf denen man Elefanten legal kaufen könne, sagt Förster. Immer noch würden wilde Elefanten gejagt und dann verkauft, sagen Lameter und Gramling. Aus Sicht der Tierschützer ist das eines der größten Probleme, denn wohin soll man Tiere auswildern, wenn es keine Herden mehr gibt, denen sie sich anschließen können? Chailert, die sich anders als Förster gegen die Zucht ausspricht, hat Tiere in ihrem Park, die auf Minen getreten sind. Offiziell kommen sie aus dem Grenzgebiet zu Kambodscha, denn in Thailand gibt es keine verminten Gebiete. Ob das wirklich stimmt, lässt sich nicht überprüfen. Zwischen 800 000 und einer Million Baht zahle man für einen Elefanten, sagt Förster. Auch Chailert bestätigt diese Zahlen. Umgerechnet sind das zwischen 20 000 und 30 000 Euro. Für den Unterhalt eines Elefanten brauche man weitere 4000 Euro im Monat, rechnet Förster vor. Doch offenbar lohnt sich das Geschäft nach wie vor. Sonst gäbe es wohl kaum so viele Camps und Reiseanbieter, die sich auf Elefanten spezialisiert haben.

Elefanten in einem Park in Chiang Mai, Thailand

Elefanten in einem "Rettungspark" in Chiang Mai, in dem Touristen mit den Tieren baden gehen.

(Foto: Kameron Kincade/Unsplash)

Knapp 7000 Elefanten gibt es in Thailand. Die Hälfte lebt in freier Natur, die andere Hälfte in Camps und bei ihren Mahouts. So zumindest die Schätzungen von Tierschützern wie Lameter und Gramling. Lameter ist zudem überzeugt, dass es möglich wäre, Jungtiere und erwachsene Elefanten, die nicht traumatisiert sind, auszuwildern. Robert Gramling vom WWF ist da eher pessimistisch: "Durch die Gefangenschaft wurden die sozialen Herdenstrukturen aufgebrochen, die Tiere können deswegen nicht mehr in die Wildnis entlassen werden." Die Elefanten seien zu sehr an den engen Kontakt zu Menschen gewöhnt. Es bestünde daher ein großes Risiko, dass sie auf der Suche nach Futter Felder und Plantagen zerstörten und somit Konflikte zwischen Menschen und Elefanten zunehmen würden.

Die Sonne steht schon hoch am Himmel, als die Mahouts ihre Elefanten im Elephant Nature Park an die Besucherplattform bringen, wo die Menschen bereits ungeduldig warten. Als alle Elefanten endlich herangetrottet sind, kann die Fütterung beginnen. Die Gäste reichen Bananen, Kürbisse, Wassermelonen. Die Elefanten greifen mit ihren Rüsseln durch die Holzbalustrade danach, schieben sich die Leckereien ins Maul. Etwa eine Viertelstunde geht das so. Die Touristen strahlen vor Freude und wollen gar nicht aufhören, Fotos zu machen. Für viele von ihnen ist das sicher ein Höhepunkt ihrer Reise. Für die Elefanten ist es Alltag.

Reiseinformation

Anreise: Thai Airways fliegt täglich ab München und Frankfurt nach Bangkok und weiter nach Chiang Mai, ab 585 Euro, www.thaiairways.com.

Reisearrangement: Intrepid Travel (nach eigenen Angaben der erste Reiseveranstalter in der Region, der Elefantenreiten aus dem Programm genommen hat) bietet Touren in den Norden Thailands an, die unter anderem nach Chiang Mai und zum Elephant Nature Park von Lek Chailert führen, www.intrepidtravel.de

Übernachten in den Elefantencamps: z. B. im Elephant Nature Park ab 160 Euro p. P. inkl. Ü. und Verpflegung, www.elephantnaturepark.org. Im Camp Elephant Special Tours kosten zwei Tage inkl. Übernachtung und Verpflegung 240 Euro p.P., www.elephant-tours.de

Hinweis

Die Recherchereise für diesen Beitrag wurde zum Teil unterstützt von Veranstaltern, Hotels, Fluglinien und/oder Tourismus-Agenturen.

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