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Tattoo-Tradition auf Moorea in der Südsee:Kultur-Revolution auf den Inseln

Er sah "reine, starke Farben, die einen Europäer fast blind machen", wie er in seinem Bericht "Noa Noa" schreibt. Seine kraftvollen Ölgemälde aus der polynesischen Periode zeigen diese Farben. Und auch wenn das exotische Paradies, das Gauguin darstellte, damals schon nicht so existierte, ist die Natur doch überbordend fruchtbar.

AUSSTELLUNG: 150 JAHRE PAUL GAUGUIN

Das Gemälde "Badende Tahitierinnen" des französischen Malers Paul Gauguin

(Foto: DPA)

Dicke Mangos baumeln an riesigen Bäumen, auf Feldern reifen Ananas, lila Bougainvilleen bauschen sich über Zäune, und aus jeder Ecke leuchten Hibiskusblüten in Gelb, Rosa und Blutrot. Zwei Buchten, Opunohu Bay und Cook's Bay, getrennt durch den gezackten Kegel des Mont Rotui, bohren sich tief ins Innere der Insel. Sie sind von smaragdgrünen Steilhängen gesäumt, an den Ufern stehen Kokospalmen. Das Volk der Maohi huldigte hier einst seinen Göttern.

Im Schatten von ausladenden Banyan-Bäumen liegen hier die Marae, für Zeremonien genutzte Areale, 20 Meter lange Plattformen aus beschlagenen Felssteinen. Darauf versammelten sich einst die Häuptlinge der Clans, um gemeinsam Entscheidungen zu fällen. Auch Menschen sollen hier dem Kriegsgott Oro geopfert worden sein.

Die Insulaner lebten vom Fischfang und von den Früchten, die sie auf terrassierten Feldern anbauten. Um die 30.000 Einwohner bevölkerten im Jahr 1777 die Insel, notierte Kapitän James Cook auf seiner dritten Südseereise. Heute wohnen nur noch etwa halb so viele Menschen auf Moorea. Mit Cooks Entdeckungen kamen Missionare ins Land, um die vermeintlich Wilden zu bekehren. Das Tatau war für sie heidnisches Brauchtum.

"Die Missionare verstanden die ornamentale Körpersprache nicht", sagt Purotu. "Sie fürchteten, dass Tatau uns mehr bedeutet als die Bibel." Und damit hatten sie wohl auch recht. Die Symbole auf der Haut waren Botschaften, sie standen für Stammeszugehörigkeit und Heldentaten, für Status und Schutzgötter.

Ironie der Geschichte: Nach Cooks Entdeckungen breiteten sich die ersten Tattoos unter europäischen Seeleuten und englischen Soldaten aus, während sie in der polynesischen Welt weitgehend verloren gingen. Nur auf den 2000 Kilometer weit entfernt liegenden Inseln Samoas überlebte die Tradition.

Anfang der 1980er-Jahre, so erinnert sich Purotu, "tauchte dann plötzlich einer unserer Tänzer auf, mit Tattoos von Kopf bis Fuß". Der Mann hieß Teve - ein attraktiver junger Kerl, muskulös, mit karamellfarbener Haut und schwarzen Locken. Beim Volksfest Heiva wurde er zum Tane Tahiti gekürt, einer Art polynesischer Mister Universum. Es war die Zeit, als ohnehin viele verloren gegangene Bräuche wiederbelebt wurden.

Die Insulaner revoltierten in jenen Jahren gegen die französische Kolonialherrschaft, gegen die Atomtests auf den Atollen Mururoa und Fangataufa. Um sich von den Franzosen kulturell abzugrenzen, suchte man nach der eigenen Identität und besann sich auf alte Traditionen: auf den Fischfang, die rituellen Tänze, auf alte Handwerkskunst, Holz-, Stein- und Muschelschnitzerei. Und man trug wieder den traditionellen Schmuck, der von Hand aus Perlmuttschalen, schwarzen Perlen oder Haifischzähnen gefertigt wurde.

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Rückbesinnung auf alte Werte und Fertigkeiten: Bootsfahrer auf Tahiti.

(Foto: Tahiti Tourisme)

Auch Tatau spielte im Zuge der Rückbesinnung eine Rolle. "Aber zunächst wusste niemand, wie es geht", sagt Purotu. "Es gab ja noch kein Internet, wir lebten am Ende der Welt." Dann kam Teve, geboren auf den Marquesas, einer Inselgruppe weit im Nordosten Französisch-Polynesiens. Als bester Tänzer auf Tahiti stand er viel in der Öffentlichkeit.

Der Archipel liegt 1600 Kilometer von der Hauptinsel entfernt. Aber was sind schon Entfernungen für Polynesier? Vor tausend Jahren sind sie durch den Pazifik bis nach Neuseeland, nach Hawaii und zur Osterinsel gesegelt. Das waren auch Stationen von James Cook, der über die tätowierten Menschen staunte. Das Wissen um die symbolreiche Körperkunst verschwand genauso wie die Fertigkeit, nach Sternen und Strömungen zu segeln.

Als Teve von der Tatau-Oase Samoa erfuhr, nahm er den Flieger in Sachen Identitätsfindung und ließ seinen Körper von den dortigen Meistern verzieren. Nach seiner Rückkehr eiferte eine ganze Generation dem lebenden Beispiel traditioneller Gravur-Technik nach. Heute trägt fast jeder Tahitianer Tattoos, egal ob jung oder alt, an auffälligen oder verborgenen Körperstellen. Wo aber fand man die alten Muster wieder?

Traditionelle samoanische Ornamente sehen anders aus als diejenigen, die die Insulaner auf Moorea benutzt hatten. Purotu sagt schmunzelnd: "In deiner Heimat."

Tahiti

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