Ostafrika Zwanzig Jahre lang war es sogar verboten, Stone Town zu fotografieren

"Eine Toilette war schuld", sagt Makarani und schlägt die Hände über dem Kopf zusammen, "die war undicht und hat die alte Bausubstanz angegriffen." Was er nicht sagt, aber auf Sansibar jeder weiß: Die Verwahrlosung der Altstadt ist auch ein politisches Erbe. Das muslimische Sansibar, das aussieht wie Marrakesch auf Sylt mit einer Prise Kuba, wurde 1964 durch einen blutigen sozialistischen Coup mit dem damaligen Tanganjika zwangsvereinigt, die Altstadt vergesellschaftet. Die Rechnung ging in Sansibar ebenso wenig auf wie in Fidel Castros Reich. Zwanzig Jahre lang war es sogar verboten, Stone Town zu fotografieren. Nichts sollte an die verhasste Sultans-Herrschaft erinnern.

Ironischerweise tritt jetzt Oman, 200 Jahre Herrscher über Sansibar, als Sponsor auf, will die Sanierung des "Hauses der Wunder" übernehmen. Eine Sorge weniger auf Stadtkonservator Makaranis Schreibtisch, doch keine Genugtuung für die Unesco-Wächter, die auf Sansibar vieles für faul halten. In einem drastischen 15-Punkte-Ultimatum, im Sommer vergangenen Jahres in Bonn verabschiedet, fordern sie die Regierung zu einem "effektiveren Management" ihrer maroden Altstadtschätze auf, beklagen den "Verfall fast aller Gebäude" und den "armseligen Gesamtzustand".

Der Hyatt-Neubau, der 40 Millionen Dollar gekostet hat, stieß den Kontrolleuren besonders auf: Er sei "zwei Stockwerke höher als vereinbart", sei- ne "Ausdehnung auf den öffentlichen Strand" habe einen "erheblichen negativen Effekt auf die Silhouette und die herausragende universelle Bedeutung" der exotischen Gewürzinsel. Dabei ist das elegante 67-Zimmer-Anwesen durchaus kein gesichtsloser Betonkoloss, sondern dem lokalen Baustil zumindest nachempfunden. Allerdings: In das Hotel wurde ein denkmalgeschütztes Strandanwesen namens Mambo Msige integriert, ein ehemaliges koloniales Standesamt, in dem schon Entdecker David Livingstone Zuflucht fand. Rettung oder Bausünde? Der Hyatt-Konzern antwortet nicht auf entsprechende Interview-Anfragen.

Über das Schicksal Sansibars - samt Hotel - soll bei der nächsten jährlichen Sitzung der Welterbe-Kommission im Juli in Istanbul entschieden werden. Zunächst droht der Eintrag in die Rote Liste der gefährdeten Kulturgüter. "Wir waren schlechte Manager", räumte Konservator Makarani im März zerknirscht ein und bat um Gnade. Doch egal, wie das Verfahren diesmal ausgeht, Sansibar wird nachjustieren müssen - ein Paradebeispiel dafür, wie weit der schützende Arm der Unesco reicht. Wäre sogar ein Teilabriss des beanstandeten Hotels denkbar? "Das hat es schon gegeben", sagt Welterbe-Chefin Rössler. In Wien waren bereits 67 Millionen Euro für eine Bahnhofsüberbauung mit Hochhäusern ausgegeben worden, als die Unesco mit ihrer Intervention 2002 das Vorhaben stoppte. An der Amalfi-Küste musste ein ganzes Hotel verschwinden.

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"Für uns wäre es schrecklich, den Unesco-Status zu verlieren", sagen Altstadt-Hoteliers in Sansibar, die sich auf private Restaurierungen verlegt haben. Der vor zwei Jahren verstorbene Insel-Pionier Emerson Skeens wandelte zwei Paläste vorbildlich in viel besuchte Boutique-Hotels um. In seinem Penthouse-Restaurant Hurumzi musiziert der einheimische Musiker Matona mit Blick auf die Wellblech-Sinfonie der Altstadtdächer. Oberhalb der Alten Post, auf deren Treppenstufen Prinzessin Margaret 1954 eine Truppenparade abnahm, eröffnete ein spanischer Gastronom eine Tapas-Bar, mit Gefühl für die alte Bausubstanz. Vielen Besuchern gefällt, wie auf Kuba, der morbide Charme Sansibars. "Das Schwierigste ist, Architekten und Handwerker zu finden, die unsere historischen Häuser nicht ruinieren", sagt Emerson-Hotelchefin Len Hörlin.

Öffentliche Förderung wäre willkommen, doch Konservator Makarani sagt: "Wir haben praktisch null Geld." Über leere Kassen klagt auch das Welterbe-Hauptquartier seit Jahren. Direktorin Rössler bestätigt: "Kommt ein Ort auf die Rote Liste, finden sich eher internationale Sponsoren." So war es auch bei ihrem aktuellen Sorgenkind, Palmyra in Syrien: Die Unesco stellte das Gebiet unter Satellitenbeobachtung und brachte viele Altertümer in Sicherheit. Insgesamt gibt es momentan 48 gefährdete Orte, die meisten in Krisenherden von Afghanistan bis Jemen.

An Sansibar haben sich selbst internationale Geldgeber schon die Zähne ausgebissen. Mit EU-Hilfe erhielt die anglikanische Kirche, 1873 auf dem Fundament eines Sklavenmarktes erbaut, kürzlich ein neues Dach; die Aga-Kahn-Stiftung zog sich nach der Renovierung des bei Touristen beliebten Nachtmarktes Forodhani entnervt zurück. Experten wie der renommierte Architekt und ehemalige deutsche Honorarkonsul Erich F. Meffert benennen die tieferen Ursachen für die Misere Sansibars: "Ignoranz, Arroganz, Inkompetenz und Korruption sind fleißig am Werke, das architektonische Erbe Sansibars zu unterminieren und am Ende zu zerstören."

Es ist heiß auf Sansibar, und durch die schattigen Gassen schlendert Fremdenverführer Said el-Gheithy mit einem Urlaubergrüppchen auf den Spuren der 1866 mit einem hanseatischen Kaufmann durchgebrannten Sultanstocher Salme. Said, der in Garmisch Deutsch gelernt hat, ist ein kundiger Führer, keiner, der nur Jahreszahlen herunterleiert, sondern sogar die Ex-DDR-Botschaft zeigt, eine gespenstische Villa, auf der eine Abhörantenne vom Kalten Krieg in Afrika kündet. Nur eines versteht auch der vielgereiste Patriot nicht: "So alt sind unsere Gebäude doch gar nicht. In Europa gibt es viel ältere. Was ist so schwer daran, sie zu erhalten?"

Von der Autorin zuletzt erschienen: "From Sansibar with Love". Orell Füssli Verlag, Zürich 2015. 272 Seiten, 16,95 Euro.

Reiseinformationen

Anreise: Mit Oman Air von Frankfurt über Muscat ab ca. 550 Euro hin und zurück, www.omanair.com

Unterkunft: Musterbeispiele für authentische Restaurierungen sind die Boutique-Hotels "Emerson Spice" und "Emerson on Hurumzi", wo einst freigelassene Sklaven registriert wurden, DZ ab ca. 150 Euro, im Internet jeweils auf Facebook zu finden oder auf www.sansibar-hotels.de. Kolonialstil mit Gartenblick: Hiliki House, DZ ab 65 Euro, www.hilikihouse-zanzibar.com. Ökologisches Strandhotel unter deutscher Leitung: Blue Oyster Hotel, DZ ab ca. 90 Euro, www.blueoysterhotel.com

Führungen: ab Princess Salme Museum, Stone Town, 20 Euro, Tel.: 00255 / 779 / 09 30 66

Weitere Auskünfte: http://whc.unesco.org

Bedrohte Sehenswürdigkeiten

Sind sie noch zu retten?