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Taj Mahal in Indien:Ganz schön leer hier

Die Inder haben den Taj Mahal derzeit für sich allein, leider. Denn der Overtourismus ist hier sonst Fluch und Segen zugleich.

Von David Pfeifer

Für ein Grab ist normalerweise ziemlich viel los am Taj Mahal. Etwa 40 000 Menschen wälzten sich in den vergangenen Jahren täglich aus den Bussen in die Elektro-Zubringer, durch den reich verzierten Empfangsbereich, in den Park, die Stufen zum Mausoleum hinauf, hinein in die samtigen Überschuhe, bei über 30 Grad und einer Luftfeuchtigkeit, die sich anfühlt, als wolle man sich mit einem nassen Handtuch abtrocknen. Aber der weiße Marmor, der so beeindruckend leuchtet, soll ja nicht von 40 000 Paar Hacken täglich abgelatscht werden.

Es war, wenn man erst in jüngerer Zeit dort war, kaum möglich, den Rundgang zu machen, ohne auf ein Selfie zu geraten. Vor allem frisch verheiratete Paare ließen sich gerne vor der Kulisse fotografieren, ist der Taj Mahal doch auch ein Monument der Liebe. Das Gebäude ist nicht nur Unesco-Welterbe und eines der beachtlichsten Bauwerke der Menschheitsgeschichte, sondern auch ein Motiv, das auf Instagram viele Likes generiert, von daher sowohl Opfer wie auch Nutznießer dessen, was man vor Corona als "Overtourism" bezeichnete.

Einerseits ist es nicht das reine Vergnügen, sich mit den Besuchergruppen wie in einer einzigen peristaltischen Bewegung hinein und hinaus zu begeben. Andererseits ist um den Taj Mahal auch eine Geschäftswelt entstanden, von Elektromobil-Fahrern über Fotografen für die Hochzeitspaare bis zu den Führern wie Adesh Mishra, der normalerweise kundig durch die Anlage führt und plastisch schildern kann, wie der Herrscher Shah Jahan die Grabstätte einst für seine Lieblingsfrau Mumtaz Mahal angelegt habe. Was ein Großmogul halt so gemacht hat, um 1630, wenn kein Zeichen zu groß sein konnte, um die Liebe zu bezeugen. Tonnenweise wurde Marmor auf Elefanten herbeigeschafft. Jahan fand später neben Mumtaz seine letzte Ruhe.

Vor vier Monaten kam der Lockdown, der im dicht bevölkerten Indien besonders rigide umgesetzt wurde. Mumtaz Mahal und Shah Jahan waren die Einzigen, die durch die Anlage geistern durften. Erst vergangene Woche wurde wieder behutsam geöffnet. "5000 Menschen können täglich kommen", schreibt Tourguide Mishra aus Delhi, mit Sicherheitsabstand und Hygieneregeln. "Aber von den etwa 850 zugelassenen Tourguides sind nur maximal 50 im Einsatz."

Während es gerade im Moment besonders angenehm wäre, den Taj Mahal zu besuchen, bleibt das internationalen Gästen verwehrt, denn es gibt immer noch kaum Flugverkehr. "Es sind bislang nur Touristen aus dem Inland da", erklärt Mishra.

Allerdings haben die indischen Besucher von jeher weniger Eintritt bezahlt, und der Taj Mahal ist auf jede Rupie angewiesen. Im gesamten Land sollen alleine durch die Schließung aller Sehenswürdigkeiten bislang etwa zwei Milliarden Euro verloren gegangen sein. Und die Elektro-Mobile, die Touristen von den Bussen zum Eingang bringen, fahren hier auch deswegen, weil auf der Anlage seit Jahren gegen den Verfall anrenoviert werden muss.

Schlimmer als 40 000 Touristen täglich sind die Umweltschäden, die dem Bauwerk zusetzen. "Die Leute sollten kommen, sobald es geht", schreibt Adesh Mishra, nicht nur aus Eigennutz. "Schöner als jetzt wird es nicht."

© SZ vom 25.09.2020/kaeb
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