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Synagoge La Ghriba in Tunesien:Ein Neubeginn?

Heute ist diese Wallfahrt ein Gradmesser für das Verschwinden des Judentums in Tunesien. Das Gros der Juden war schon nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967 ausgewandert. Die Anschläge auf al-Ghriba verstärkten das Gefühl vieler Juden, in ihrer Heimat nicht sicher zu sein. 1985 tötete ein Polizist, der die Juden hätte schützen sollen, in der Synagoge zwei Erwachsene und ein Kind. 2002 starben 19 Touristen, 14 von ihnen Deutsche, bei einem weiteren Anschlag auf die Synagoge. Hierzu bekannte sich später die Terror-Organisation al-Qaida, die Tunesien damit an einer Lebensader getroffen hatte, dem Tourismus. Gedacht war das Attentat wohl auch als Lektion für Deutschland als Verbündeter Israels - Djerba ist eines der beliebtesten Badeurlaubsziele der Deutschen in Tunesien.

Der Ausgang der Jasmin-Revolution, der Sieg der Salafisten, die Deklaration einer islamischen Demokratie ließen die ohnehin schon stark minimierte jüdische Bevölkerung noch weiter schrumpfen. Diktator Zine el-Abindine Ben Ali spielte das Blutbad damals als bedauerlichen Unfall herunter. Es dauerte zehn Jahre, bis am Eingang des Synagogen-Areals endlich eine Gedenkplakette angebracht wurde. Tourismusministerin Karboul geißelt in ihrer Rede vor den Pilgern Ben Alis Verhalten und beschwört die friedliche Koexistenz der drei Weltreligionen. Dumm nur, dass kaum Muslime hier sind. Denn wegen der Sicherheitsvorkehrungen hat man, anders als in den Jahren zuvor, die muslimischen Nachbarn nicht eingeladen.

Gérard Gridelet, Belgier und Christ, der zusammen mit seiner Frau Isabelle Planchon in Er Rhiad das schlicht-elegante Gästehaus Dar Bibine betreibt, hat noch die Hochzeiten der Wallfahrt erlebt. Waren es früher bis zu 8000 Pilger, so sind es jetzt maximal 1000. Ein Teil schaut nur zu, während andere den leicht überschaubaren Zug bilden um die Träger der Menora. Ein kleines, in die tunesische Fahne gehülltes Mädchen verkörpert "die Fremde". War früher nach längerem Weg eine der 20 kleineren Synagogen, die es auf Djerba gab, das Ziel, so geht es diesmal lediglich von einem Ende der Hauptstraße zum anderen - einmal vorbei an der Synagoge und der ehemaligen Karawanserei und wieder zurück.

Sicherheitspolizisten legen Drohgebärden an den Tag, stehen breitbeinig auf Dächern. Hubschrauber kreisen im Tiefflug über den Pilgern, die erschrocken die Köpfe einziehen. "Die Juden fühlen sich nicht mehr sicher hier", sagt Gérard Gridelet. "Die Polizei, vor der man unter Ben Ali Angst hatte, hat seit der Revolution an Einfluss verloren." Es gibt zwar keinen Zensus, der die Zahl von 1500 Juden in Tunesien bestätigte. Aber Gridelet vermutet, es seien insgesamt nicht mehr als 800.

Israel hatte den tunesischen Juden nach der Revolution Visa angeboten. Denn zwischen Israel und Tunesien gibt es keine diplomatischen Beziehungen. Deshalb ist Amel Karboul glücklich, 80 Juden aus Israel bei der Wallfahrt zu begrüßen. Sie mussten ihre Pässe bei der Einreise abgeben und bekommen sie bei der Abreise zurück. Ein Vertrauensbeweis, den die meist älteren Herrschaften gern leisteten. Denn sie waren froh und gerührt, wenigstens wenige Tage lang Heimatboden zu berühren. Glücklicher noch als die Juden mit tunesischen Wurzeln, die, wie jedes Jahr, aus Paris und Marseille angereist sind. Ein Neubeginn? Die Ministerin und der Alltag in Hara Kebira lassen hoffen.

Informationen

Anreise: Direktflug mit Tunisair von München nach Djerba ab 600 Euro. Unterkunft: Radisson Blu Ulisse Resort & Thalasso, DZ ab 124 Euro, P.O. Box 239, Djerba, 4128, Tel.: 00216/75 75 87 77, E-Mail: sales.djerba@radissonblu.com, www.radissonblu.de/resort-thalasso-djerba

Jüdische Feiertage: 24. Sept. Rosh Hashana, 3. Oktober Jom Kippur, Lag BaOmer und damit die nächste Wallfahrt voraussichtlich Mai 2015.

Weitere Auskünfte: Tunesisches Fremdenverkehrsamt, Bockenheimer Anlage 2,60322 Frankfurt am Main, Tel.: 069/133 83 50, Fax: 069/13 38 35 22, E-Mail: info@tunesien.info, www.tunesien.info

© SZ vom 04.09.2014/ihe

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