Südtirol Die Saubermänner

In Südtirol gründet der Wohlstand auf Tourismus und Obstanbau. Nun versuchen ein paar Pioniere, eine andere, am Gemeinwohl orientierte Form des Wirtschaftens einzuführen - und müssen gegen Widerstand kämpfen.

Von Elena Witzeck

Es gibt diese schicksalhaften Tage, die sich ins Gedächtnis brennen, weil sie das Ende einer Illusion bedeuten und die eigene Sicht auf die Welt verändern. Der Tag, an dem Lady Di starb, zum Beispiel. Oder der, an dem herauskam, dass Lance Armstrong gedopt war. Für Stefan Fauster aus Sand in Taufers war es der Tag, an dem sie das Schwein schlachteten. Sein Schwein. Es war der Moment, in dem er lernte, dass in der Natur Wertvolles und Notwendiges auf manchmal schmerzhafte Weise vereint ist.

Stefan Fauster, der Radikale, ist ein kleiner, sportlicher Mann. Sein Händedruck ist fest und kurz, der dazugehörige Blick eindringlich. Eindringlich auch das, was er seinen Gästen immer wieder sagt: "Wir leben auf Pump. Diese Erde ist nicht unsere. Wir haben sie von unseren Kindern geliehen." Als Fauster aufwuchs, ergab sich die Nachhaltigkeit von selbst. Auf dem Bauernhof seiner Familie gab es genau so viel, wie man zum Leben brauchte. Wenn Schweine geschlachtet wurden, kannte man ihre Namen. Wenn Wasser verbraucht wurde, hatte man seine Knappheit im Blick. Dieses Denken übertrug er auf sein Hotel.

Sand in Taufers liegt inmitten von Dreitausendern. Ein roter, spitzer Kirchturm ragt hier aus dem Tauferer Ahrntal empor. Der Reinbach sprudelt in Wasserfällen hinab ins Dorf und versorgt die Bewohner mit elektrischer Energie. Es ist nicht viel von der Wegwerfgesellschaft zu spüren, über die sich Fauster empört. Auch sein Hotel, der Drumlerhof, profitiert von der Wasserkraft. Alles hier kommt aus der Region, das Brot, der Käse, das Holz in den Zimmern. Geheizt wird mit Biomasse. Gibt es Fleisch, wird das ganze Tier verwertet. Der Drumlerhof ist eines der ersten Hotels in Südtirol mit Gemeinwohlbilanz. Aber davon will Fauster gar nicht reden. Allein dieses Modewort: Nachhaltigkeit! Er sagt: "Nennen wir es doch lieber Enkeltauglichkeit."

Die Experten für die Enkeltauglichkeit sitzen in einem alten, gelben Gebäude in Brixen, in einer schmalen Gasse gleich hinter dem Torbogen zur Altstadt. Die 21 Mitarbeiter des Terra Institute beraten Hotels, Unternehmen oder gleich ganze Regionen, damit diese zu einer anderen Art des Wirtschaftens kommen, erklärt Gründer Günther Reifer. "In der Gemeinwohl-Ökonomie wird der Erfolg eines Unternehmens nicht nur am Profit gemessen, sondern an Indikatoren, die den Beitrag des Unternehmens zum allgemeinen Wohl anzeigen: etwa ökologische Nachhaltigkeit, Mitbestimmung, Geschlechterdemokratie, Verteilungsgerechtigkeit." Die Unternehmer erstellen nach einem Punktesystem eine Gemeinwohl-Bilanz. Erfunden hat dieses Vorgehen der Österreicher Christian Felber, Reifer hat sich inspirieren lassen. 70 Unternehmen seien in Südtirol bereits mit von der Partie, darunter immerhin sechs Hotels. In der Praxis bedeutet das: Wer regionale Küche anbietet, muss auch mit nahen Bauern zusammenarbeiten. Wer Biofleisch erzeugt, aber seine Mitarbeiter nicht fair bezahlt, wirtschaftet nicht nach Gemeinwohl-Kriterien. Das Terra Institute bringt Interessierte zusammen, damit sie voneinander lernen. Für eine der erfolgreichsten Tourismusregionen in den Alpen ist das nicht immer einfach. "Die Leute wissen doch gar nicht mehr, was sie da konsumieren", sagt Günther Reifer. Man müsse Bewusstsein schaffen, damit sich etwas ändere: "Jeder Euro ist ein Stimmzettel", sagt Reifer. Kurzum: Es gibt viel zu tun.

Karl Luggin, der Neugierige, hat viel getan. Seine Felder und der Kandlwaalhof liegen mitten im Apfelmeer. Wer zum ersten Mal in den Vinschgau kommt, wird von seiner perfekten Monotonie überwältigt. Grüne Wogen, zwischen denen ab und zu wie beiläufig kleine Orte zum Vorschein kommen, darüber der Schatten verschneiter Berggipfel. Auf Feldwegen, die labyrinthartig durch Plantagen mit Hagelnetzen führen, fahren Bauern mit Gifttanks auf und ab, abends und morgens. Auch in Laas.

Reisinformationen

Anreise: Mit der Bahn über den Brenner bis Bozen und nach Meran, von dort mit der Vinschgerbahn bis Laas und Mals, www.bahn.de, www.vinschgerbahn.it Unterkunft: Hotel Mohren-Plavina in Burgeis, ÜN mit HP ab 75 Euro, www.mohren-plavina.com

Gemeinwohl: Hotel Drumlerhof, ÜN mit HP ab 106 Euro, www.drumlerhof.com Hofladen des Kandlwaalhofs in Laas (Apfelsaft, Essige, Senf, etc.), www.luggin.net Die Stroßnkuch in Mals öffnet wieder am 23. April. www.stroossnkuch.it

Weitere Auskünfte: www.suedtirol.info

In Karl Luggins Hofladen hängen Urkunden, Bescheinigungen für Kooperationen, für die Teilnahme an Kursen. Einmal im Jahr muss der Biobauer raus und schauen, was die anderen machen. So hat er vom Terra Institute gehört. Und so hat er gemerkt, dass er nicht der Einzige ist, der etwas anders machen will. Erst reicht Luggin seinen Gästen ein Begrüßungsgetränk - so wie es sich gehört. Dann nimmt er selbst einen großen Schluck und sagt: "Das wird der neue Hugo." Es ist Hanfsirup, mit einem Schuss Wasser und sprudeligem Apfelwein. Die Idee mit dem Hanf, sagt er, die hatte ein Querdenker aus Eyrs.

Luggin wollte irgendwann nicht mehr mitmachen. Kiste um Kiste saftige Äpfel abtransportieren lassen. Geld an Genossenschaften geben, die seine Vorstellungen nicht vertraten und ihm jede Freiheit nahmen. "Die Macht des Konventionellen" nennt Luggin das. Er wollte gutes Zeug verkaufen und alles selbst machen. Jetzt bietet er in seinem Hofladen 15 Sorten Essig und Senf an. Jetzt stehen auf zwölf Hektar Land: Hanf, Gerste, Hopfen, ein bisschen Buchweizen, verschiedene Obstbäume. Wenn überall Äpfel stünden, wenn sie gespritzt würden wie anderswo, könnte er mehr verdienen. Aber dann wäre er kein Gemeinwohl-Bauer. Er hält sich an die Gemeinwohl-Kriterien, beobachtet seine Bilanzen und lernt weiter. "Damit ich mich nicht schämen muss, ein Bauer zu sein."

Nur ein paar Kilometer weiter steht Werner Schönthaler, der Querdenker aus Eyrs, auf Luggins Hanffeld und freut sich, dass der Papst so denkt wie er. Er streicht mit der Hand über die gezackten Blättern und erzählt, wie es zu dem eineinhalb Hektar großen Hanffeld kam, mitten in der Äpfel-Monotonie. Schönthaler, dessen Familie eine Baufirma betreibt, wollte ein Baumaterial herstellen, das nachhaltiger ist als Beton: Ziegel aus Hanf. Und deshalb fragte er den Bauer Luggin, ob er für seine Firma Ecopassion (THC-freien) Hanf anbauen könne. Der sagte gleich ja. Und warum gefällt das dem Papst? In der Enzyklika "Laudato si" habe der geschrieben, dass jeder erkennen solle, welchen Beitrag er für den Fortbestand der Welt leisten kann, erklärt Schönthaler. Nun, bei ihm sei es der Hanf.

Schönthaler ist ein ruhiger, junger Mann mit Pferdeschwanz und gebräunter Haut. Er hat für das Bauunternehmen die Gemeinwohlbilanz erstellt. Jetzt stapeln sich 15 Meter lange Platten aus Kalk und Hanf in der Bauhalle - zu Ziegelblöcken geformt. Aus Hanf könne man alles Mögliche machen: Stoff, Öl, Bier, Isolierungsmaterial - und eben Ziegel. "Ein Gewächs für die Zukunft", sagt Schönthaler und lächelt. Als nächstes will er Hanfkleidung machen - ohne Produktion in Billiglohnländern. Aufbauarbeit sei halt schwierig. Immer gehe es ums Wachsen. Und ums Geld. Ohne Geld, findet Schönthaler, wäre die Welt eine bessere. Mit Freunden hat er die Sozialgenossenschaft "Vinterra" gegründet, die die Integration benachteiligter Menschen fördert. Gemeinsam verkaufen sie Vinschgauer Gerichte in der Malser "Stroßenkuch", einem Imbissstand mit Bioessen und kulturellen Veranstaltungen.

Der radikale Hotelier, der erfinderische Bauer und der Hanf-Cowboy sind Pioniere, die natürlich gegen Widerstände kämpfen müssen. Die Grünen-Politikerin Brigitte Foppa hat einen Landtagsbeschluss vorangetrieben, wonach vorbildliche Unternehmen gefördert werden sollen. Sie glaubt, dass es nun einfacher wird. "Viele haben zum ersten Mal von diesem Thema gehört. Wo erst einmal Verständnis ist, kann auch Veränderung beginnen."

In Mals haben sie die Veränderung schon geprobt, mit ungewissem Ausgang. Im Ort gab es im Herbst 2014 die weltweit erste Volksabstimmung gegen Pestizide. 76 Prozent der Bewohner entschieden, dass sie das Gift nicht mehr wollen, das der Wind von Apfelfeld zu Kornfeld, auf Schulhöfe und Marktplätze trägt. Dabei war das Spritzen dort lange so normal wie das morgendliche Waschen. Das Ergebnis führte zum Eklat, kurz danach kam die erste Klage. Viele Bauern können sich ihre Arbeit ohne Spritzmittel nicht vorstellen. Jetzt sitzt eine Arbeitsgruppe um Bürgermeister Ulrich Veith an der Gemeindeverordnung, die noch im Frühjahr das Pestizidverbot umsetzen soll. Die Gegner wollen Gerichte prüfen lassen, ob so ein Verbot nicht EU-Recht zuwiderlaufe. Veith glaubt nicht, und hofft, dass das Urteil zugunsten des neuen Malser Weges ausfällt.