Papua-Neuguinea Im Sandkasten liegen die geretteten Schildkröten-Eier

Früher arbeitete Ange als Reiseverkehrskauffrau und Tauchlehrerin in Australien. Bis sie Dietmar Amon traf, einen Ingenieur aus Wien, der schon seit 1995 auf Lissenung lebt und die Insel von der katholischen Kirche in Papua-Neuguinea gepachtet hat. Jetzt ist Ange verheiratet und Chefin von 22 Mitarbeitern, die jeden Tag von Enuk herüberkommen und fünf Kina pro Stunde verdienen, umgerechnet 1,30 Euro.

Anfangs schwebte Ange ein partnerschaftliches Miteinander vor. Schließlich hat sie sonst keine Freunde hier in der Abgeschiedenheit des südpazifischen Archipels. Nur die Gäste, mit denen sie abends an einem langen Tisch im offenen Gemeinschaftshaus sitzt. "Ich wollte, dass die Mitarbeiter mich Ange nennen", erzählt sie. Doch das wollten die Mitarbeiter nicht, sie blieben hartnäckig bei "Boss".

Sie versorgt Kranke und Verletzte. Ein Arzt zeigte ihr, wie man Wunden näht. An einem Huhn

Das ärgert die Chefin. Denn einerseits beschwerten sich die Einheimischen darüber, dass alle Tauchresorts in Papua-Neuguinea in der Hand von Australiern oder Europäern sind. Andererseits wollten sie selbst nicht mehr Verantwortung übernehmen, meint sie. Ein Mitarbeiter habe sich besonders gut angestellt, er habe gelernt, Fliesen zu legen und Außenbordmotoren zu reparieren. Sie wollte ihn zum Teamleiter machen, doch das habe ihm der Clan übel genommen. Die anderen Mitarbeiter warfen ihm vor, sich für etwas Besseres zu halten. So lange, bis er kündigte.

Stattdessen engagiert sich Ange nun für die Meeresschildkröten. Mit dem Boot fährt sie hinaus zu einer kleinen Insel, auf der die Tiere ihre Eier im Sand verbuddeln. Sie sind vom Aussterben bedroht, doch ihr Fleisch und ihre Eier werden auf dem Markt in Kavieng teuer gehandelt. Deshalb versucht Ange, schneller zu sein als die Einheimischen. Sie sucht den Strand nach Spuren ab, gräbt die Eier aus und versenkt sie in einem Sandkasten hinter der Tauchbasis, wo sie in Sicherheit sind.

Vor hundert Jahren gab es in dieser Gegend schon einmal deutsche Weltverbesserer. Als der Bismarck-Archipel noch zur Kolonie Deutsch-Neuguinea gehörte, gründete der Nürnberger Freidenker August Engelhardt auf der Insel Kabakon bei Rabaul den "Sonnenorden", eine erste Aussteigerkommune. Er war davon überzeugt, dass nur Nacktheit und die ausschließliche Ernährung mit Kokosnüssen den Menschen zur Erleuchtung bringen könne. Im Jahr 1919 starb er, geschwächt und unterernährt, aber weiterhin fest im Glauben an seine Heilslehre.

Heute, 44 Jahre nach seiner Unabhängigkeit, ist Papua-Neuguinea ein Land mit vielen Problemen. Doch auf den Inseln des Bismarck-Archipels ist es ruhig und friedlich. In Lissenung gibt keine Kriminalität, keine Tsunamis, keine heimtückischen Tiere. "Ein Ort zum Altwerden ist es trotzdem nicht", sagt Ange. "Die Arbeit ist zu anstrengend." Ihre Hand steckt in einem Verband, eine Sehnenscheidenentzündung, die sie selbst kuriert, sie hat keine Krankenversicherung. Ungefähr alle zwei Jahre kommt die Malaria zurück, daran hat sie sich gewöhnt. Schlimmer sei das Dengue-Fieber.

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Das Krankenhaus in Kavieng verfügt über ein einziges Sauerstoffgerät, erzählt Ange. Kürzlich starb ein Baby, weil das Gerät nicht frei war. Normalerweise hilft sie mit Sauerstoffflaschen von der Tauchbasis aus, doch die Zeit war zu knapp. Auch sonst fühlt sie sich für Krankheiten und Verletzungen der Inselbewohner zuständig. Sie habe sogar gelernt, Wunden zu nähen, erzählt sie. Ein Arzt, der zu Gast auf Lissenung war, habe es ihr gezeigt. Geübt habe sie an einem Huhn.

Penny war noch nie auf dem Festland in Papua-Neuguinea. Vor der Hauptstadt Port Moresby und den Stammeskriegen im Hochland fürchtet er sich. "Auf den Inseln ist es viel entspannter", sagt er. Was er über die Menschen im Hochland hört, findet er merkwürdig. "Sie glauben an Geister und Blutrache", sagt Penny, "das ist doch verrückt."

Auf Enuk gibt es zwei Schulen und drei Kirchen, die meisten Menschen sind Methodisten. Penny will mehr wissen über die Welt außerhalb des Archipels. Seine Tochter hat ihm eine App aufs Handy geladen, es ist ein naturwissenschaftliches Lernprogramm. "Gestern Nacht habe ich das Kapitel über Gesteine gelesen", sagt Penny, "alles über Berge und Felsen. Das war so spannend, dass ich nicht mehr schlafen wollte."

Reiseinformationen

Anreise: über Singapur oder Hongkong in Papua-Neuguineas Hauptstadt Port Moresby. Von dort fliegen Air Niguini und PNG Air täglich mit Zwischenstopp in Rabaul nach Kavieng. Bis Enuk und Lissenung braucht das Boot 20 Minuten. Unterkunft: Lissenung Island Ressort, das DZ mit Vollpension kostet 115 Euro, www.lissenung.com.

Tauchen: Weitere Tauchresorts in Papua-Neuguinea sind das Walindi Plantation Resort in der Kimbe Bay, das Tufi Dive Resort in Tufi, das Tawali Resort in der Milne Baybei Alotau oder die Tauchbase Rabaul Dive Adventures in den Kokopo Beach Bungalows.

Weitere Auskünfte: www.papuanewguinea.travel

Hinweis

Die Recherchereise für diesen Beitrag wurde zum Teil unterstützt von Veranstaltern, Hotels, Fluglinien und/oder Tourismus-Agenturen.

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