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Südmähren in Tschechien:Das verwunschene Land

Wo Südmähren an Österreich grenzt, verlief einst der Eiserne Vorhang. Heute entdecken Touristen die unberührte Natur - und das, was die Einheimischen daraus gemacht haben.

Von Richard Fraunberger

Die Sonne brennt, die Luft flirrt. Keine Wolke steht am Himmel. Einsam schlängelt sich ein flickenartig geteertes, von Kirsch- und Pflaumenbäumen flankiertes Rumpelsträßchen durch eine sanft gewellte Hügellandschaft. Vorbei an Feldrainen, Mohn- und Sonnenblumenfeldern, an birkenbestandenen Fischteichen, Pestkapellen und verwitterten Grabsteinen, auf denen vor langer Zeit Väter und Mütter die Trauer um ihre im Ersten Weltkrieg gefallenen Söhne einmeißeln ließen. Hasen hoppeln über Äcker. Habichte kreisen. Leer das Land, weit die Horizonte.

Karel Pellech, 58 Jahre alt, das weiße Haar von der Hitze schweißverklebt, die Augen strahlend blau wie der wolkenlose Himmel über ihm, sitzt im Schatten eines Apfelbaums und nimmt einen Schluck aus der Wasserflasche. Pellech macht gerade Pause. Seit dem frühen Morgen pflügt er hinter Mašovice mit seinem Traktor einen Acker. Mašovice, das ist Pellechs Heimatdorf, die Bauernhäuser pastellfarben, geduckt und zu einer Häuserreihe aufgefädelt, manche mit alten Kastenfenstern, Schweifgiebel und hölzernen Hoftoren. Mašovice, das ist ein versunkener Ort in Südmähren, der Toskana Tschechiens, ein lieblicher, von Obstbäumen und Weinbergen gesäumter und von der Thaya durchflossener Landstrich.

Hier kommt kein Städtchen ohne Arkaden und Pawlatschen aus, Laubengänge in Innenhöfen, keine Anhöhe ohne Burg, kein Wald ohne Schloss. Eine Bilderwelt, die an Joseph Roths Roman "Radetzkymarsch" erinnert. Nichts inmitten dieser Schönheit erinnert an die Schrecken der jüngeren Vergangenheit.

"Dort, zwei Kilometer vor der Staatsgrenze zu Österreich entfernt, verlief der Zaun", sagt Karel Pellech und deutet auf einen Hügel. Er war Teil des Eisernen Vorhangs, ein Todesstreifen aus zwei elektrifizierten Zaunreihen mit Stolperdraht und Türmen und Kolonnenwegen, bewacht von einer Heerschar Grenzsoldaten.

Zivilisten, Soldaten, gut tausend Menschen starben an Tschechiens Grenzzaun. Pellech kennt ihn gut. Er hat ihn zigmal passiert. Als Maschinist der landwirtschaftlichen Genossenschaft arbeitete er oft in der Verbotszone, dem Niemandsland zwischen Todesstreifen und Staatsgrenze. "Ich hätte fliehen können. Ich tat es nicht. Ich war zufrieden mit meinem Leben", sagt Pellech. Von Zäunen abgeriegelt und an den Rand gedrückt, fiel Pellechs Heimat für Jahrzehnte in einen Winterschlaf.

"Die Menschen an der Thaya lebten, als läge jenseits des Flusses das Ende der Welt", sagt er. 1989 fiel der Eiserne Vorhang und die Grenzanlage wurde abmontiert. Geblieben ist eine Gedenkstätte bei Čižov, ein Splitter des Eisernen Vorhangs, 300 Meter Stacheldraht, Wachturm, pyramidenförmige Betonsperren, heute ein beliebtes Ausflugsziel im Thayaland.

Vor allem aber geblieben ist ein grünes Band, das sich vom Norden Tschechiens bis in den Süden zieht, ein mehr als 50 Jahre sich nahezu selbst überlassenes Stück Natur. Die ehemalige Verbotszone, die nur Grenzsoldaten und Arbeiter wie Pellech betreten durften, ist heute Tschechiens kleinster Nationalpark Podyjí. Er erstreckt sich über 40 Kilometer von Znojmo bis nach Vranov nad Dyjí und ist ein wahrer Dschungel aus Eichen, Hain- und Rotbuchen, hineingekrallt in felsige Steilhänge. Diese stürzen hinab in ein enges, tief eingeschnittenes Tal, durch das sich die Thaya, rauschend und kristallklar, entlang der Grenze zu Österreich schlängelt.

Der Nationalpark, von einem grenzüberschreitenden Netz aus Fahrrad- und Wanderwegen durchzogen, erlebt gerade eine Blüte. Zu Fuß, mit dem Fahrrad, auf dem Tretroller - die Tschechen entdecken wieder, was lange Zeit unzugänglich war. Podyjí ist das wiederbelebte Herz des Thayalands.

Tagelang gehen die Tschechen auf Wanderschaft und schlafen unter freiem Himmel

Auf Hohl- und einstigen Kolonnenwegen geht es hinab in den Wald. Laub knirscht unter den Rädern, Äste knacken. Längst sind die im Wald geschlagenen Schneisen für den Grenzzaun zugewachsen. Alles leuchtet, strahlt in allen Grüntönen, Blätter, Nadeln, Farne, bemooste Steinblöcke, ein lichtschluckendes Dickicht, in dem, zu Wasser und zu Land, Schwarzstörche und Smaragdeidechsen, Fischotter, Forellen und Bussarde leben.

Mit jedem Meter, dem man sich der Thaya nähert, weicht die drückende Hitze einer frischen Kühle. Wasser rauscht. Schmetterlinge flattern. Plötzlich Kinderschreie. Zitternd stehen zwei Jungs bis zum Bauch im Fluss. Acht Kinder und vier Väter picknicken am Ufer der Thaya. Seit drei Tagen sind sie auf Čundr, wie die Tschechen sagen, auf Wanderschaft, streunen wie Tramps quer durch den Nationalpark, durch Hangwälder, über Heiden, Steinmeere, Felstürme und verwilderte Uferwiesen, biwakieren, wo es ihnen gefällt, im Rucksack Proviant, Schlafsack und Isomatte.

Eine tschechische Eigenart, eine Naturverbundenheit, die in der Wandervogel- und Pfadfinderbewegung der Zwanzigerjahre wurzelt und bis heute überdauert hat. Am ehesten aber begegnet man Mountainbikern. Jedes Wochenende schwingt sich die halbe Nation aufs Fahrrad und strampelt wie im Rausch über Berge und durch Wälder. Nahezu unbemerkt bleibt, was das Flusstal einst so bedeutend machte.

Fünfzig Meter abseits des Fahrradwegs steht man inmitten einer untergegangenen Welt. Nur noch die Überreste alter Wehre und Kanäle und die in Hänge getriebenen Keller, in denen Fledermäuse schlafen, erinnern daran, dass sich seit dem 17. Jahrhundert am Ufer der Thaya die Räder von neun Wassermühlen drehten. Sogar eine Bäckerei wurde betrieben. Auf eigens aus Stein gebauten Wegen transportierte man das Getreide mit Ochsenkarren zu den Mühlen. Selbst Bauern aus dem österreichischen Retz zuckelten ins sogenannte Neunmühlen, um ihr Getreide zu mahlen.

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