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Südamerika: Chile:Segeln im größten Pool der Welt

Egal, ob eine Küste zu felsig zum Baden ist, das Wasser zu kalt oder verschmutzt ist. Egal, ob überhaupt ein Meer in der Nähe ist: Eine chilenische Firma baut Riesenpools in aller Welt.

Strände mit kristallklarem, türkisblauen Wasser bis zum Horizont - der Traum vieler Touristen scheint wahr zu werden, und zwar an fast jedem beliebigen Ort der Welt. Planschen und tauchen mitten in der Wüste? Offensichtlich kein Problem: Künstliche Seen können seit neuestem selbst dürre Grundstücke in ausgedehnte Wasserwelten verwandeln, und das angeblich auch noch günstig und umweltverträglich.

Schöpfer der künstlichen Paradiese ist die chilenische Firma Crystal Lagoons Corporation. Sie behauptet, mit ihren Becken den Immobilienmarkt revolutioniert zu haben: Derzeit 160 Projekte weltweit, von Panama über Ägypten bis Indonesien, zeigen ein rasant wachsendes Interesse an der neuen Technologie.

Diese war aus purer Frustration entstanden. "Ursprünglich entwickelten wir nur Immobilienprojekte", sagt Geschäftsführer Joaquín Konow. Als man jedoch 1997 im chilenischen Badeort Algarrobo die Ferienanlage San Alfonso del Mar plante, gab es ein Problem: "Der Pazifik ist dort so eisig, dass man nicht baden kann." Also baute man einen großen See gleich daneben, füllte ihn mit Wasser und musste nach zwei Wochen entsetzt feststellen, dass das Wasser vor Algen "so grün war wie eine Erbsensuppe".

Spezielle Filter und Impuls-Spülverfahren

Eine Lösung war nicht in Sicht, weltweit gab es keine Technologie, um einen überdimensionierten Swimmingpool sauber zu halten. Weshalb der Immobilien-Experte und Biochemiker Fernando Fischmann im eigenen Labor forschte und nach einigen Jahren die Lösung fand: ein geschlossenes System, das angeblich mit bis zu 99 Prozent weniger Chemikalien auskommt als herkömmliche Pool-Reinigungsmethoden.

Spezielle Filter und ein Impuls-Spülverfahren zur Desinfektion machen es möglich, sowohl Salz- als auch Süßwasser aufzubereiten. "Wir verwenden ein telemetrisches System, das über Sensoren jede Abweichung der Qualität an ein Kontrollcenter meldet", sagt Konow, "wir warten nicht ab, bis das Wasser schlecht wird, sondern arbeiten präventiv."

Im chilenischen San Alfonso del Mar bei Algarrobo bewährte sich diese Technik so gut, dass der Pool 2007 als größtes Schwimmbecken der Welt ins Guinnessbuch der Rekorde aufgenommen wurde: Acht Hektar groß ist das Becken, einen Kilometer lang und bis zu 3,5 Meter tief; es fasst 250.000 Kubikmeter Wasser, und der Boden besteht aus einer eigens angefertigten Spezialfolie.

"Je größer, desto besser!"

Bald schon wird der nächste Rekord diesen ersten vergessen lassen: Ein künstlicher See im ägyptischen Badeort Scharm el-Scheich mit zwölf Hektar Wasserfläche ist gerade im Bau und wird im Mai befüllt werden; auf der Insel Bintan in Indonesien ist bereits ein Pool mit 50 Hektar in Planung, und Konow spricht von einem weiteren ägyptischen Projekt mit 65 Hektar: "Je größer, desto besser - das macht mehr Spaß!"

Je größer, desto mehr Umsatz - so könnte man es auch formulieren. Schließlich geht es bei dieser Art von Landschafts- und Immobilienprojekten, die an die futuristischen Welten der künstlichen Inseln von "The Palm Dubai" denken lassen, um nicht geringe Investitionssummen. Doch kann man großflächig neue Landschaften formen, riesige künstliche Seen bauen, ohne die Natur zu belasten?

Die Mitarbeiter von Crystal Lagoons sind davon überzeugt, und die vielen Investoren in aller Welt glauben ihnen gerne. Wie im ägyptischen Badeort Scharm el-Scheich: "Das Grundstück dort war ein Stück Wüste ohne jeden Wert", sagt Konow, denn es liegt nicht in der ersten Reihe am Roten Meer, wo bereits alles bebaut ist, sondern dahinter.

Wasser soll dem auf mehr als fünf Milliarden Dollar veranschlagten Immobilienprojekt "City of Stars Lagoons" einen höheren Wert verleihen: 30.000 Wohneinheiten, sechs Fünf-Sterne-Hotels, ein Museum, Golfplätze und ein Shoppingcenter werden sich um zehn Riesenseen gruppieren, von denen der größte zwölf Hektar hat. "Man kann dann Wassersport in einer sicheren Umgebung treiben", schwärmt Konow, "sauber und ohne Haie - das hat großes Potential."

Planschen in gesäubertem Brackwasser

Und angeblich keine negativen Auswirkungen auf das Ökosystem. Das Wasser für die Seen kommt laut Konow nicht aus dem Roten Meer, sondern aus Brunnen, die Brackwasser zutage fördern, das man sonst nicht gebrauchen kann. Wenn der See einmal gefüllt sei, was in Ägypten wohl zwei Wochen dauern wird, müsse nur das verdunstete Wasser ersetzt werden. Man biete eine Alternative zum Baden im Roten Meer, sagt Konow, "billig und mit geringem Wasser- und Energieverbrauch". Der Bau einer Anlage koste 350.000 Dollar pro Hektar, die Wartung im Monat 3500 Dollar. Die Firma wirbt damit, dass dies nur ein Sechstel der Kosten eines Golfplatzes sei.

"Anlagen sind überall möglich"

Ließe sich eine solche technische Entwicklung nicht für andere Zwecke gebrauchen, etwa zur Trinkwassergewinnung? Darüber will Konow nicht sprechen, er raunt nur allgemein: "Wir melden gerade das fünfte Patent an." Crystal Lagoons entwickle ständig Neues, die erst vor vier Jahren gegründete Firma sei mit Google und Facebook zu vergleichen, die meisten Mitarbeiter seien unter 30. Sein eigenes Alter will Konow nicht nennen, auch die Zahl der Mitarbeiter nicht, nur soviel: "Wir stellen derzeit drei Leute im Monat ein."

Großprojekte in mehreren Ländern

Die werden dringend nötig sein, um die vielen Projekte weltweit gleichzeitig zu stemmen. Gerade wurde zum Beispiel das erste karibische Projekt der Firma fertiggestellt, das "Playa Blanca Resort, Residences & Hotel" in Panama: 2000 Ferienappartements und ein Fünf-Sterne-Hotel an einem vier Hektar großen Pool; das Investitionsvolumen betrug 800 Millionen Dollar.

In der Nähe von Singapur wiederum plant man auf der Insel Bintan gerade für zwei Milliarden Dollar 3000 Luxus-Zweitwohnungen und mehrere Hotels rund um einen 50-Hektar-See. Andere Großprojekte werden gerade in Mexiko entwickelt, in Chile, Argentinien, Dubai und vielen anderen Ländern.

Die Mega-Pools kann man laut Crystal Lagoons fast überall anlegen. Egal, ob eine Küste zu felsig zum Baden ist oder das Wasser verschmutzt. Egal, ob überhaupt ein Meer in der Nähe ist. Egal auch, ob die Weltgegend warm ist oder kalt: "In China planen wir gerade einen 45 Hektar großen See", sagt Geschäftsführer Konow, "im Winter wird er zufrieren, und man kann darauf Schlittschuh laufen, im Sommer wird es ein Badeort sein." Der Trend zu künstlichen Welten, er hat gerade erst begonnen.

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Quelle:
SZ vom 17.03.2011
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