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Südafrika:Die Sprayer von Kapstadt

Graffiti an einer Wand in Kapstadt

In der Straßenkunst geht es auch um Naturschutz.

(Foto: mauritius images)

Das einstige Industrieviertel Woodstock inspiriert Street-Art-Künstler aus der ganzen Welt - das ist ein kleines Wunder inmitten der Narben der Apartheid.

Noch vor zehn Jahren hätte wohl jeder Taxifahrer in Kapstadt entsetzt abgewinkt: Woodstock? Was könnte Touristen schon an dieser heruntergekommenen Vorstadt interessieren? Und wer würde - in einem für Drogenhandel und Straßenkriminalität berüchtigten Viertel - für ihre Sicherheit bürgen?

Im 19. Jahrhundert als Bade- und Erholungsort Papendorp gegründet, hatte das malerisch am Fuß des Tafelberges gelegene Woodstock später vor allem Glas- und Textilfabriken beherbergt. Als die Industrie Mitte der Siebzigerjahre wegzog, ging es auch mit dem einstigen Arbeiterviertel und seiner Bewohnerschaft bergab. Gangs übernahmen die Straßen. "Wer hier aufwuchs, konnte sich zwischen einer Karriere als Drogendealer, Einbrecher oder Bettler entscheiden." Das erzählt Jason Redman, der durch die mit Graffiti geschmückten Straßen und Gassen seines Viertels führt, des ältesten Vororts von Kapstadt. Jason hat für sich selbst einen anderen Weg gefunden: Er lebt von der Straßenkunst. Wenn der hagere junge Mann mit dem gehetzten Blick nicht gerade Touristen erklärt, was etwa der Mensch in der Zebrahaut auf dem riesigen Wandgemälde hinter ihm bedeutet, dann sprüht er selbst - und inzwischen oft im Auftrag von Geschäften, Hausbesitzern und Cafés.

Zwar sollten Besucher - der nächtlichen Drogenszene wegen - am besten nur tagsüber durch die Gassen von Woodstock streifen. Dennoch hat sich das Image des armen, einst als No-go-Area geltenden Viertels gründlich verändert. Ja, beinahe in sein Gegenteil verkehrt: Vor der hübsch renovierten Backsteinfassade der "Biscuit Mill" buhlen informelle Parkplatzwächter darum, die Autos der Touristen und Wochenendausflügler für ein paar Münzen bewachen zu dürfen. Wer sich an den Bettlern und schwarzen Security Guards vorbei in das alte Fabrikgebäude hineinschiebt, der betritt eine Hipster-Welt, die mit der Realität ein paar Straßenzüge weiter kaum etwas zu tun hat: Kunstgalerien, Antiquitätenläden, Designerboutiquen, Kleinbrauereien und Biomärkte ziehen vor allem ein weißes, reiches Publikum an. In der Nachbarschaft locken pastellfarben gestrichene Coffeeshops und Deli-Restaurants. Und natürlich haben Künstler und Kreative längst die ehemaligen Industriebaracken als idealen Ort für ihre Studios entdeckt - Shabby Chic ist angesagt.

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Das ist der Schlüssel für die Attraktivität des Viertels. Woodstocks größter Anziehungspunkt aber ist die Straßenkunst. Wer nach Kapstadt kommt, um das weltberühmte Zeitz Museum of Contemporary Art Africa zu besuchen, der sollte sich auch einen halben Tag Zeit für die Künstler von Woodstock nehmen. Mindestens.

Zwischen Albert Road und Victoria Road leuchten Wandmalereien von Häusern, Ruinen und Parkplatzmauern. Ein schwimmender Elefant vor der Kulisse des Tafelbergs. Schwarze Kinder mit wütend gereckten Fäusten, Häuser umrankende Pflanzen und ein Löwe, der einen Mann anspringt - zusammen eine große, sozial engagierte Bildergeschichte. Die Stilmittel könnten nicht unterschiedlicher sein: Hier abstrakte Schwarz-Weiß-Muster, dort dreidimensionale Giraffen und Gorillas oder auch ironische, an Banksy erinnernde Vignetten. Gemeinsam sind fast allen Künstlern die Anliegen: Umweltschutz, Menschenrechte, Widerstand gegen Rassismus und Ausgrenzung.