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Südafrika: Gardenroute (SZ):Dünen lügen nicht

Der Baz Bus bringt Backpacker entlang der Gardenroute in Südafrika von Tür zu Tür und zum nächsten Abenteuer

Friederike Busch

(SZ vom 27.02.2001) - Es ist morgens in Kapstadt, und der weiße Zweiundzwanzigsitzer hält vor dem Backpackers.www. Passender Name für die Herbergen des 21. Jahrhunderts, in dem das Internet für manche zum einzig möglichen Aufenthaltsort geworden ist. Der Mann, der aus dem Eingang tritt, hat aber gar nichts Virtuelles an sich: blond, Ende 20, mit einem 60-Liter-Rucksack auf den Schultern; dann geht er zurück und holt einen großen ovalen Gegenstand in silberner Hülle. Das handlichere Gepäck verstaut er im Anhänger, das silbern umhüllte Surfboard bindet er oben drauf fest.

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Blick von Kapstadts Hafen auf die City Bowl

(Foto: www.suedafrika.net)

Mark will mit im Baz Bus, Richtung Jeffrey's Bay, dem Surferparadies an der südafrikanischen Küste des Indischen Ozeans. Da ist das Wasser am salzigsten, sind die Wellen am längsten, und die weißen Haie kommen seltener vorbei als am Strand von Mossel Bay - sagen zumindest die Surfer. Das Board hat Mark sich hier günstig gekauft. Irgendwann soll es mit zurück nach Hause, nach Melbourne. Aber wann, "wer weiß das schon", sagt Mark, setzt seine Sonnenbrille auf und versinkt im grauen Sitz. Mark ist Backpacker.

Red Bull, Dosenfutter und Marihuana

Backpacker zählen zur Gattung der Abenteuertouristen, sind meist im Besitz von wenig Geld und einem besorgten Muttertier am Heimatort. Der starke Adrenalintrieb lässt sie zu irrationalem Verhalten neigen (Sprünge von hohen Felsen, Tauchen in Käfigen zwecks Haifütterung). Der Backpacker hält sich für ein freies Individuum, bewegt sich aber stets im Rudel fort. Er ernährt sich von Red Bull, Dosenfutter und Marihuana, und redet gerne viel, abends vor allem dummes Zeug. Von weitem ist der Backpacker an Surfersandalen oder nackten Füßen und einem angewachsenen Rucksack zu erkennen. Sein Verbreitungsgebiet: der ganze Lonely Planet. Und die gleichnamige Lektüre gilt als die Bibel des Traveller-Volkes.

Von dieser Spezies sind viele unterwegs in Südafrika, wo die Rucksackreiseindustrie es verstanden hat, mit Transport- und Abenteuerangeboten alle Wünsche der Backpacker zu erfüllen. "Adventure and risk - but safety", sagt Venny und grinst. "Das ist es, was sie wollen." Venny sieht aus wie der Sänger von Aerosmith, kommt aus London und kennt sich aus in Südafrika. Er ist einer der unzähligen Abenteueranbieter, die hier vor dem Atlantischen und Indischen Ozean hocken wie die Frösche vor dem Teich.

Abenteuer und Risiko - aber eben sicher, genau wie Venny sagt. Auf diesen Kombinationswunsch haben er und andere Veranstalter sich spezialisiert, meistens klappt es auch mit dem Abenteuer, nur manchmal geht es daneben. Neulich etwa, erzählt Venny, beim Blackwater Tubing eines anderen Anbieters ein paar Kilometer weiter, da wurde aus dem sportlichen Nervenkitzel eine Katastrophe. Blackwater Tubing, das bedeutet so viel wie auf einem Gummiring Flüsse runterjagen. Es war die dritte Fahrt an jenem Tag, und es hatte geregnet, viel geregnet: Aber nicht so viel, dass man den Abenteurern den Weg zum Adrenalinkick versperren wollte. Schließlich war es bisher immer gut gegangen.

Warum die Wassermassen plötzlich lebensbedrohlich geworden waren, kann bis heute niemand erklären. 13 Leute wurden weggerissen und gegen eine Felswand geschleudert. Sie kamen nicht zurück von diesem Abenteuer, eine kleine Messingtafel im Tsitsikamma Nationalpark erinnert an ihre Namen. Der Schock saß tief, aber nicht so tief, als dass der tödliche Unfall nicht auch hervorragende Werbung gewesen wäre: Tausende kamen seither mit dem Baz Bus zum Blackwater Tubing nach Stormsriver angereist.

Der Baz Bus ist ein Vehikel, das bequeme Rucksackreisende in ihre Backpackerlodgen bringt. Üblicherweise ist er in Ländern mit schwunghafter Rucksacktourismusindustrie anzutreffen, in Südafrika nach seinem "Erfinder" Barry (Baz) Zeidel benannt. Der Baz Bus steuert nach festgelegtem, manchmal auch eingehaltenem Zeitplan Lodgen an, holt auf Vorbestellung Wartende ab oder lässt Mitfahrer da und erspart so den Reisenden die wohlmöglich anstrengende Suche nach einer Herberge. Ist das Baz Bus-Ticket bis zum Zielort einmal gekauft, dann bestehen unbegrenzt häufige hop-on hop-off Möglichkeiten auf der Route zwischen Kapstadt, Durban und Johannesburg.

Gewöhnliche Touristen mit spießigen Bussen

Wegen der immer gleich bleibenden Strecke fungiert der Baz Bus auch als mobiler Treffpunkt internationalen Backpackervolkes. Weitere Serviceleistungen sind Tagestouren in und um Kapstadt, die als unglaublich spannende Veranstaltungen verkauft werden, aber doch eher an Schulklassenausflüge oder ganz gewöhnliche Bustouristenrumkutschierereien erinnern: Gewöhnliche Touristen fahren mit spießigen Bussen zum Cape Point, und dann stehen sie da, und neben ihnen stehen Straußenvögel rum, und alle essen Käsebrot. Der Baz Bus bietet seinen Passagieren eine irrsinnig spannende Fahrt zum Cape Point, und dann stehen sie da, die Backpacker, neben ihnen erhaben herumwippendes Straußenfedervieh, und für alle gibt es Käse und Brötchen zum Selbstbelegen.

Mark kriegt davon nichts mit, er träumt von Jeffrey´s Bay, und auch den nächsten Stop verschläft er. Pech für ihn, denn so verpasst er Wellen, höher als alles, was man an der Küste des Indischen Ozeans erleben kann: Sandboarden, das ist Snowboarden bei 30 Grad in Bikini und Wollsocken, mitten in den Dünen, und alles ohne Lift. Sandboarden vor der Kulisse des Tafelbergs. Also alles aussteigen, nur Mark bleibt zurück. Es sind die längsten Dünen am Kap, etwa eine Stunde von der Stadt entfernt, und der Nervenkitzel ist mit inbegriffen, verspricht der Sandboardlehrer Eben, und packt die Bretter in den Wagen. Sein Oberkörper ist mit Striemen und getrockneten Schürfwunden übersät, vom Sturz beim Mountainbiken vor zwei Tagen. Beim Sandboarden könne höchstens der Sand zwischen den Zähnen knirschen, meint Eben, alles völlig ungefährlich.

In den Hügeln von Atlantis

Durch die bunten Straßen des geradezu friedlich scheinenden Backpackerviertels fährt Eben Richtung Atlantis, besagter Dünenlandschaft, lässt Kapstadt hinter sich und bald auch das Kernkraftwerk inmitten vögelbewohnter Strauchlandschaft, stacheldrahtumzäunt auf der linken Seite. Die Dünen scheinen unberührt, kaum vorstellbar, dass jemand sie so je wieder vorfinden wird, nachdem 16 Leute stundenlang die Hügel abfahren und beim Aufstieg zertrampeln. Aber die Natur wird es schon richten. Man ist benebelt von der Mittagshitze und so viel Schönheit, der Tafelberg erhebt sich über alle Furchen, Meer und Dünen, und wenn die Sonne untergeht, kann der Tafelberg nirgends majestätischer dunkel werden als vor dieser Küste.

Auf dem Rückweg von Atlantis hält der Baz Bus in Kapstadt vor dem bonbonfarbenen Eingang des Long Street Backpacker's. Durch eine vergitterte Sicherheitstür hindurch geht es eine Treppe hinauf. Sie führt in einen weißen, mit Blumen dekorierten Innenhof, der an einen Patio in Andalusien erinnert. Auf der rechten Seite dient die weiße Wand als schwarzes Brett. Verschiedene Leute bieten verschiedene Dinge an: Einen VW Kombi Baujahr 1973, vollausgestattet zum Campen "in exzellentem Zustand"; eine Eintageserfahrung mit einem alten Native-American inklusive Prophezeiungen, Zeremonien und Alien-Begegnung; Dreadlocks zum Sonderpreis, und "Zaubernadel"- Tatoos - all die Insignien einer Freiheit eben, die es höchstens im Werbespot gibt. Aber manche glauben dran und bleiben träumend hängen beim Backpacken, machen in Kapstadt ihre Lodge auf oder stehen mit blondem Filzhaar in Goa am Strand rum und halten sich für Siddharta.

Viele, die in den Backpackerlodgen landen, hätten freilich gar nicht das Geld, um nach Goa oder an einen anderen angesagten Backpackerort zu fahren: Dedré sitzt auf einem weißen Gartenstuhl im Achterzimmer, wackelt in kleinen schnellen Bewegungen mit den schwarzen Füßen hin und her und wartet, bis ein hellblondes Mädchen wieder aus dem Zimmer verschwunden ist. "Bye" erwidert sie deren Gruß, verzieht die Lippen kurz zu einem Lächeln, bevor sie die Mundwinkel wieder fallen lässt. "Fuck off!" würde sie denen am liebsten ins Gesicht brüllen, sagt sie.

Dedré ist Südafrikanerin, dunkelhäutig, und, seit sie von ihren Adoptiveltern abgehauen ist, ohne Zuhause. Doch, sagt sie, sie habe eins, aber das liege in Irland, wo sie die letzten drei Jahre bei ihrer Brieffreundin wohnte. Und da will sie unbedingt wieder hin. Allerdings braucht sie dringend Geld für das Flugticket, mindestens aber etwa 15 Mark für die nächste Nacht im Long Street Backpacker's. Einen Job will Dedré keiner geben, den kriegen ihre Mitbewohnerinnen, die weißen Mädchen aus England. Die ihr Geld zuhause verdienen könnten und hier nur ihr Taschengeld aufbessern für den nächsten bungeejump in ein paar Tagen.

In der Backpackerlodge zuhause

Ein Zimmer weiter wohnt ein älterer weißer Mann, der in der low-budget-Bettenburg auch nicht aus purer Reiselust übernachtet. Damals, vor 20 Jahren, ging der Kroate als Reisender weg aus Titos Jugoslawien, und lebt nun seit 1993 in Südafrika. Wegen der als affirmative action bekannten Maßnahmen der Regierung Mbheki, nach welcher ein dunkelhäutiger Bewerber auf einen Arbeitsplatz dem Weißen selbst bei geringerer Qualifikation vorgezogen werden soll, findet der 53jährige Bauzeichner keine Arbeit mehr. Seine Familie in Europa wohnt auf inzwischen serbischem Gebiet, und ohne serbischen Pass kann der Kroate nicht zurück. Jetzt ist die Backpackerlodge auch für ihn zum letzten Homeland geworden.

Von solchen Leuten kriegen die meisten Backpacker allerdings nichts mit: Sie bleiben im klimatisierten Bus unter sich, lesen Siddharta und finden Südafrika sehr schön. Billy, der Baz Bus-Fahrer, kündigt durch sein Mikrofon an, dass er keine Videos einlegen wird. "Schaut zum Fenster raus, deshalb seid ihr ja hier. Filme gibt's zu Hause in der Videothek". Langsam dunkel wird es vor den Scheiben des kleinen Busses, zwischen gelbem Fahrbahnstreifen, Bergen und nächtlicher Heidelandschaft.

Die Hitze vom Tag ist gewichen, und die zackige Silhouette der baumbewachsenen Bergrücken gleicht einem schlafenden Drachen. Später, es ist längst dunkel, hält der Bus an einem asphaltierten, raststättenähnlichen Platz. Einige holen Kaffee, andere stieren in einen dieser münzenfressenden Automaten voll mit schrillen Kuscheltierrucksäcken, an denen die metallene Greifhand nach Münzeinwurf doch vorbeigrabscht.

Und auf einmal steht er wieder da, blond und mit dem Surfboard unterm Arm. Mark, der sein Baz Bus-Ticket für den Rückweg eigentlich verkaufen wollte, aber dann zog es ihn doch noch mal an den Strand von Jeffrey's Bay. Mark ist aber nicht nur Surfer, er ist auch Informatiker. Hauptberuflich. Er will sich nur noch nicht endgültig niederlassen, denn wenn er mit seinem gepackten Rucksack die Haustür zuzieht, dann ist Mark wieder ein freier Mann. Im Baz Bus fährt er nur, weil der sein Surfboard gut transportiert. "Richtige Backpacker fahren nicht mit dem Baz Bus", sagt er und steigt aus.

Informationen: Anreise: Die South African Airways fliegen von Frankfurt nach Kapstadt zum Jugendtarif ab 1200 Mark, sonst ab 1399 Mark, Telefon 01803/2112 00, http://www.saa.co.za Informationen zum Bazbus gibt es unter http://www.bazbus.com Weitere Auskünfte: SATOUR South African Tourism Board, Telefon 069/9291290, Fax 069/280950

© sde

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