Sudan Eine vergessene Stadt aus Korallen

Freitagabends auf der Corniche von Port Sudan. Familien, junge Paare, alte Leute, Kinder - alle treffen sich an ihrem freien Tag nach Sonnenuntergang. Überall lange Kleidung, Kopftücher, Plastiktische und bunte Stühle. Man trinkt Limonade oder Kaffee mit Kardamom und Ingwer, der an kleinen Wagen zubereitet und in der Kanne serviert wird. Alkohol ist verboten. Im Sudan gilt die Scharia. Eine Treppe höher spielen junge Männer Billard. Dazwischen sind Mädchen kichernd in Gruppen unterwegs. In vorderster Reihe haben Männerrunden ihre Stühle Richtung Wasser gedreht, mit Blick auf Tauchsafariboote, die hier vor Anker liegen. Sie sind vermutlich die einzigen, die im Sudan Geld mit Touristen machen. Auch der Staat kassiert fast 200 Dollar Steuern von jedem Taucher für eine Woche - plus 60 Dollar für das Visum. Bis auf wenige Ausnahmen kommen die Boote samt Besatzung, Tauchlehrern und Equipment aus Ägypten herüber, um diesen noch gut erhaltenen Teil des Roten Meeres mitzunehmen. Den Sudanesen bringt das keine Jobs.

Tauchen im Sudan funktioniert nach dem Prinzip Liveaboard, also nur vom Schiff aus. Es gibt keine einzige landbasierte Tauchbasis. Nur eine, die es werden will. Zum Sudan Red Sea Resort fährt man von Port Sudan aus 30 Kilometer auf der Fernstraße stur nach Norden - vorbei an kleinen Läden und Bretterbuden, Wohnhütten ohne Dach, gezimmert aus allem, was sich findet, von Wellblech bis zu ausrangierten Türblättern. Dazwischen Ziegenherden, Plastikmüll, Männer auf Kamelen, Zeltsiedlungen. Auf der einen Seite der Straße das Meer, auf der anderen die Wüste, die Sand in großen Wehen über die Fahrbahn pustet, bis kleine Dünen entstehen, um die herum der Verkehr fließen muss. Mitten im Nichts ein Wegweiser zum Resort. Weiter zum Meer, das hier seine triste Seite zeigt: flaches, bewegungsloses Wasser, kaum Tiere, leere Landschaft, Salzkrusten.

Viele denken beim Sudan nur an Bürgerkrieg und Wüste.

(Foto: Anja Martin)

Theo Van Groesen, 34 Jahre alt, Holländer, sichtet gerade das Equipment. Der neue Manager will gemeinsam mit seiner Freundin eine von der Tauchvereinigung Padi lizenzierte Station im Hotel einrichten. Sie wissen, dass sie viel zu tun haben: Es mangelt im Sudan an guter Technik, an geschulten lokalen Tauchlehrern. Aber es lohnt sich, finden sie: "In vielen Ländern ist die Unterwasserwelt schon kaputt. Hier nicht", sagt Lisa Marlin. Das einzige andere Tauchresort, das es im Sudan bisher gab, war nur Fassade. In den Achtzigern tarnte der Mossad so eine Operation, die äthiopische Juden nach Israel brachte. Die Agenten mimten Hotelmanager und Tauchlehrer. Sogar Werbung wurde dafür gemacht. Dass Sudanesen die Unterwasserwelt suspekt ist, mag zum Gelingen der Geheimhaltung beigetragen haben.

Das Land ist arm und will durch den Tourismus mehr Devisen erwirtschaften.

(Foto: Anja Martin)

Wie kommt ein Land zu Touristen, die die Nase auch mal aus dem Wasser strecken? Zumindest ist da die No-Fly-Time, ein bis zwei Tage, in denen Urlauber nach dem letzten Tauchgang zur Sicherheit erst einmal am Boden bleiben müssen. Wofür könnte man sie denn interessieren? Die Pyramiden sind weit weg, den Leuchtturm Sanganeb haben sie schon auf dem Wasser mitgenommen. Einzig Sawakin bietet sich an. Eine vergessene Stadt - errichtet von osmanischen Händlern, und zwar aus Korallen. Wenn das nicht verbindet.

Drei Familien wohnen noch auf Sawakin. Bald müssen sie wegziehen, denn die verfallenen Häuser sollen für Touristen originalgetreu wiederaufgebaut werden

Knapp eine Autostunde südlich von Port Sudan liegt Sawakin auf einer kleinen, kreisrunden Insel, zugänglich über einen Damm. Allerdings sind die alten Gebäude nicht mal mehr Ruinen, nur noch Schutthaufen, so sehr hat das Salz an ihnen genagt. Viel zu sehen gibt es nicht. Zwei Frauen und ein Mädchen mit einem in Tücher gewickelten Baby stellen ihre Flipflop-Füße ins Wasser, um sich abzukühlen. Dahinter die ehemalige Bank von Sawakin, von der noch ein paar Mauern stehen, genutzt von Seeadlern und Falken. Die Frauen gehören zu einer der letzten drei Familien, die noch auf der Insel wohnen. Nicht mehr lange. Bald werden sie umgesiedelt, in Häuser in der Neustadt. Seit eineinhalb Jahren restauriert die staatliche türkische Entwicklungsagentur Tika die Insel, die einst zum Osmanischen Reich gehörte, später zu Ägypten, dann zu Großbritannien. Sawakin war lange Zeit der größte Hafen auf der afrikanischen Seite des Roten Meeres und ein wichtiger Handelsposten. Von hier aus wurden Sklaven auf die Arabische Halbinsel gebracht, Pilger setzten nach Mekka über. Doch 1910 verlegten die Briten ihr Provinzhauptquartier nach Port Sudan, die öffentlichen Einrichtungen folgten, die Insel verfiel.

Nun soll Sawakin wieder komplett und originalgetreu aufgebaut werden, als Sehenswürdigkeit für Touristen, so heißt es. Das Vorhaben wird sowohl von Ägypten als auch von Saudi-Arabien misstrauisch beäugt; beide Staaten unterstellen der Türkei politische Interessen. Mit den zwei Moscheen haben die Planer aus der Türkei angefangen. Ein Hotel ist quasi fertig. Es ist ein ehrgeiziges Unterfangen. Einen Zeitplan gibt es keinen. Aber der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan war da, im Dezember 2017. Die Türken haben die vergessene Stadt für 99 Jahre zur Pacht bekommen. Die arabisch sprechenden Kinder von Sawakin begrüßen Gäste inzwischen mit einem "We love Turkey."

Wie Sawakin einmal aussah, die Häuser eng an eng, mit Fenstergittern aus Teak und verzierten hölzernen Erkern, das kann man sich bei "Vater Sawakin" anschauen. Auf Schwarz-Weiß-Fotos, ausgestellt in seinem Privatmuseum. Mohamed Nur Hadab, 83, steht, auf einen Bambusstock gestützt, mit Dschallabija und Turban gekleidet, vor einer Wand mit gerahmten Dokumenten. Sein Leben lang hat er alles gesammelt, was mit Sawakin zu tun hat: Verträge, Möbel, Kleidung, Geschirr und Geschichten. Er hat in der Altstadt gelebt, wie auch seine Vorfahren. Bis alle wegzogen. Sein früherer Arbeitgeber, ein internationales Bauunternehmen, schenkte ihm ein Stück Land, um seinen Traum zu verwirklichen und ein Museum zu bauen. Seit zehn Jahren steht es nun - in Hadab, einem nach ihm benannten Dorf am Stadtrand. Freut er sich, dass die Türken Sawakin wieder aufbauen wollen? "Ja, schon, aber noch mehr würde ich mich freuen, wenn die Deutschen nun Hadab aufbauten." Tatsächlich mutet es seltsam an, wenn eine ganze Stadt zum Sightseeing errichtet wird, während viele Sudanesen kein Geld für ein Dach auf ihrer Hütte haben. Wäre es nach den Aquanauten gegangen, würden inzwischen ohnehin alle unter Wasser leben - ohne Staub, ohne Hitze, ohne Sonne.

Reiseinformationen

Anreise: Mit Emirates bis Dubai, weiter mit Fly Dubai nach Port Sudan, ab 750 Euro, www.emirates.com

Unterkunft: Coral Port Sudan, DZ mit Frühstück ab 111 Euro, hmhhotelgroup.com; Sudan Red Sea Resort, 60 Euro für einfache Bungalows mit Halbpension, komfortable ab 111 Euro, sudanredsearesort.com

Tauchtrips: Charter: Katamaran Uhuru mit Renato Marchesan als Skipper, marchesanrenato@yahoo.com. Tauchsafari: Don Questo, umgebaute Trawler, ganzjährig von Port Sudan, donquesto.com

Sicherheit: Das Auswärtige Amt rät von Reisen in bestimmte Grenzgebiete, etwa zu Ägypten, ab, Tauchen im Roten Meer gilt als unproblematisch, es gibt ein Krisenvorsorgeregister, www.auswaertiges-amt.de

Weitere Auskünfte: www.visitsudan.de

Hinweis

Die Recherchereise für diesen Beitrag wurde zum Teil unterstützt von Veranstaltern, Hotels, Fluglinien und/oder Tourismus-Agenturen.

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