Sudan Bereit zum Aufstieg

Am Shaab-Rumi-Riff vor der Stadt Port Sudan kann man Seidenhaien sehr nahe kommen.

(Foto: Angelo Giampiccolo/mauritius)

Bislang kommen fast nur Taucher als Touristen in den Sudan. Dort ist das Rote Meer noch intakt. Nun sollen sie an Land gelockt werden.

Von Anja Martin

Menschen sind nicht dafür gemacht, unter Wasser zu sein - sagt der Kopf. Renato Marchesan sagt: Na los, worauf wartest du! So nah ist das sichere Schlauchboot. So schwarz all das da unten. Okay. Luft aus der Tarierweste lassen. Der Bleigurt zieht hinab. Kein Gedanke mehr an Aufgeben, denn rundum ist jetzt alles hell und bunt: Fische, Korallen, selbst das Wasser. Als hätte einen jemand in ein dicht bevölkertes Aquarium plumpsen lassen. Langflossen-Fledermausfische, Blaustreifen-Schnapper, Pfauen-Kaiserfische, Büffelkopf-Papageifische, Rotmeer-Clownfische - Namen, die später Bestimmungsbücher ausspucken. Jetzt will man nur eintauchen in einen verrückten, namenlosen Traum. Und nicht an Haie denken, die man vor der Küste des Sudan früher oder später sicher trifft.

Zehn Meter tiefer dann das Riffplateau, eine Art unterirdischer Sandstrand - genauso fein, sonnenbeschienen und warm bei 29 Grad Wassertemperatur. Nebenan fällt die Riffwand ab, überbordend besetzt mit Hirn-, Finger- und Steinkorallen, Tentakeln, Polypen, Anemonen und expressiven Fächern. Ein paar Flossenschläge weiter ein seltsamer Fremdkörper: ein mutiertes Seeigelskelett in Garagengröße? Eine abgestürzte Mondlandefähre? Man kann sich zwischen die Teleskopbeine treiben lassen und im Inneren in einer Luftblase auftauchen. Wie Jacques-Yves Cousteau, der hier vor mehr als 50 Jahren mit seiner schwimmenden Untertasse anlegte, in der Andockstation von "Précontinent II", einem Unterwasserdorf. Analog zu den Astronauten nannten sie sich Aquanauten und wollten statt des Weltalls die Unterwasserwelt besiedeln. Vier Wochen lang blieben fünf Forscher unten und experimentierten mit einem Leben unter Wasser: Sie sammelten Proben, Fische, Pflanzen. Sie glitten mit silbernen Tauchanzügen und silbernen Flossen spacig wie die Raumfahrer durchs Wasser. Aßen Sardinen aus der Dose, tippten auf Schreibmaschinen, rauchten, lasen, unterhielten sich mit ihrem Papagei. Bis heute kann man das verfolgen, in der Filmdokumentation "Welt ohne Sonne", die im Sudan spielt und die Zukunft meint.

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Man kann Cousteau verstehen. Einerseits. Aber so ohne Sonne - wollen wir das wirklich? Zumal sich nun die Druckluftflaschen leeren. Daher: Daumen nach oben, das Handzeichen fürs Auftauchen. Dann doch lieber die Nacht auf dem Katamaran von Renato verbringen, bei Barrakuda-Carpaccio und Dosenbier statt Dosensardinen. Als einziges Boot ankert die Uhuru heute beim Riff Shaab Rumi, weltberühmt etwa für seine Hammerhaie. Der Tauchspot liegt 48 Kilometer nordöstlich der Hafenstadt Port Sudan, von wo aus auch das Unesco-geschützte Sanganeb-Atoll mit seinem Leuchtturm und die Umbria zu erreichen sind, ein mit Munition beladenes Wrack aus Weltkriegszeiten. Renato Marchesan, gebürtiger Italiener, lebt seit 40 Jahren auf dem Wasser. Er war einer der Ersten, der Interessierte dorthin brachte, wo das Tauchen im Roten Meer begann. Und er ging als einer der Letzten noch einmal mit dem schon fast blinden Pionier Hans Hass auf Tauchgang. Der hatte sich vor der Küste des Sudan schon in den Vierzigerjahren unter Haie gemischt. Was fasziniert Marchesan hier? "Wenn Ägypten ein Unterwassergarten ist, dann ist der Sudan ein Dschungel." Noch gibt es die großen Fische: Haie, Makrelen, Mantarochen, Riesenzackenbarsche, Napoleon-Lippfische und Schulen von Barrakudas. Die Korallenwelt ist intakt, im Gegensatz zu vielen Tauchgebieten an der ägyptischen Küste des Roten Meeres.

Tauchgang Nummer zwei am Südplateau von Shaab Rumi. Komm runter, deutet Renato von unten. Und wir sinken ihm hinterher. Dann: ein Hai! Nein, drei. Wie die Geier kreisen die Riffhaie über uns. Die kleinen Fische, ganze Schwärme, ducken sich weg, wenn sie kommen. Im Nu ist das Meer leer. Als wäre jemand mit einem Kescher durchgegangen. Später am Tag wird der geübtere Rest der Gruppe auch noch Hammerhaie sehen. Der Sudan hält jedenfalls unter Wasser, was er verspricht.

Wer nicht taucht, denkt beim Sudan an Wüste, wehende Gewänder, Ziegen und Stammesfehden. Man kennt das Land aus den Nachrichten, nie aus Urlaubserzählungen. Dabei gibt es hier entlang des Nils Pyramiden - in Meroe, beim Jebel Barkal oder in Nuri. Sie wurden erbaut von den nubischen Herrschern des Reiches von Kusch. Präsent sind bei uns Darfur, der Südsudan und ein Präsident, der per internationalem Haftbefehl gesucht wird. Außerdem mehr als ein halbes Jahrhundert Bürgerkrieg. Seit zehn Jahren allerdings herrscht offiziell Frieden, der christliche Südsudan wurde 2011 in die Unabhängigkeit entlassen, die Wirtschaftssanktionen der USA wurden 2017 aufgehoben. Unruhen gibt es weiterhin, allerdings weit weg von der Küste und damit vom Red Sea State, wie sich die Provinz nennt, die sich momentan nach Touristen reckt. 5600 kommen jährlich in Port Sudan an. Fast alle mit Taucherbrillen, Tauchcomputern und Atemreglern im Gepäck. Sie wollen die alte Pracht des Roten Meeres sehen, abseits der Massen. Der Gouverneur ist voller Stolz - schließlich waren es vor drei Jahren erst 3000 bis 4000 Gäste. Er weiß, dass er keinen leichten Job hat. "Leider ist der Ruf des Sudan in der Welt schlecht", gibt Ali Ahmed Hamid zu. "Wir wollen ihn, wenn nicht attraktiv, dann zumindest akzeptabel machen."