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Streit um englischen Garten:Der Baron liebt Dreck

Britanniens Oberklasse freilich hat ein eher gespaltenes Verhältnis zum National Trust, seitdem die Organisation vor 50 Jahren damit begann, zahlreiche Adelsanwesen zu übernehmen, die von ihren Besitzern wegen horrend hoher Erbschaftssteuern nicht an die Nachkommen vermacht werden konnten. Denn mit dem neuen Besitzer erhielt erstmals der Pöbel Zutritt zu palisandergetäfelten Salons, marmornen Freitreppen oder nach Juchten duftenden Stallungen.

"Der National Trust hasst Dreck"

Nicht dass Adam Nicolson etwas gegen die bürgerlichen Besucher hätte, und seien sie auch noch so spießig. Aber er würde ihnen gerne ein anderes Sissinghurst-Erlebnis vermitteln als der Trust. "Ich will wieder an unsere landwirtschaftliche Vergangenheit anschließen", formuliert es der Adelige in unverkennbar quengelndem Oberklassenakzent.

Das heißt, dass nach seinen Vorstellungen auf den 150 Hektar Land wieder Vieh gehalten, Obst gezogen und Gemüse angebaut werden sollte. "Als ich als Junge hier gespielt habe, war alles herrlich dreckig", erinnert sich der 41-Jährige. "Heute ist alles schrecklich eintönig und steril." Sein furchtbarer Verdacht: "Der National Trust hasst Dreck."

Unterstützt wird Nicolson von seiner Frau, der bekannten Koch- und Gartenbuchautorin Sarah Raven. Sie hat sich vorgenommen, das "Granary Restaurant" von Sissinghurst umzukrempeln - mit Tischdecken und Blumenvasen, Lebensmitteln aus eigener Produktion und italienischen Gerichten - zur Erinnerung an Vita Sackvilles Liebe zu Italien.

"Merkwürdige Zutaten sind schön und gut für London"

Fremdländische Kost aber kommt beim Trust nicht auf den Tisch. Man verwalte englisches Kulturerbe, verlautet dazu, nicht italienisches oder französisches. "Merkwürdige und wunderbare Zutaten sind schön und gut für London", urteilt der Chefkoch des "Granary Restaurant", in dem alljährlich 100.000 Gäste verköstigt werden. "Bei uns hier gibt es so etwas nicht."

Grundsätzlich ist der National Trust nicht abgeneigt, den ehemaligen Besitzern von Sissinghurst entgegenzukommen. "Es dauert nur etwas länger", wie Sue Saville von der gemeinnützigen Organisation einräumt. "Unsere Aufgabe ist es, uns für alle Zeiten um das uns anvertraute Erbe zu kümmern. Wir brauchen daher mehr Zeit für Entscheidungen."

Vielleicht könnte Adam Nicolson Trost aus einem Roman der Geliebten seiner Großmutter schöpfen. In "Mrs. Dalloway" schreibt Virginia Woolf über eine Heldin: "Wenn sie an menschlichen Beziehungen verzweifelte (Leute sind so schwierig), ging sie oft in ihren Garten und bekam von ihren Blumen einen Frieden, den ihr Männer und Frauen nie gaben." Vorausgesetzt natürlich, dass man Nicolson nicht wieder eine Statue ersetzt.