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Tourismus in Mecklenburg-Vorpommern:Dieses neue Strandgefühl

Coronavirus - Rostock

Strandkörbe warten Mitte Mai in Warnemünde auf die Rückkehr der Gäste.

(Foto: dpa)

Mecklenburg-Vorpommern empfängt als eines der ersten Bundesländer wieder Urlauber. Eine Erkundungstour an einigen der schönsten Strände des Landes.

"Zum Strand", steht auf dem Schild. Was für eine Verheißung in diesen Zeiten, den Zeiten von Corona. Strand. Meer. Viele Strände dieser Welt und dieses Landes sind ja seit Wochen mehr oder weniger verbotenes Terrain, Sehnsuchtsorte, die nur noch im Kopf besucht werden durften. Einige der schönsten Strände Deutschlands liegen eindeutig hier, in Mecklenburg-Vorpommern. Einer davon liegt gleich hinter diesem gerade vollkommen leeren Großparkplatz, einem noch fast vollkommen leeren Campingpark nebenan und dschungelartigem Küstenwald am Westrand von Kühlungsborn. Es sind nur noch ein paar Schritte.

Man hört das Meer hinter den Bäumen. Man riecht es. Riecht es irgendwie würziger als sonst? Rauscht es lauter und wilder als vorher, obwohl es sich doch nur um die tendenziell sanfte Ostsee handelt und nicht um die launische Nordsee am anderen Ufer der Nation? Man folgt dem Wegweiser, auf dem außerdem ein Aufkleber des Drittligisten Hansa Rostock klebt, und erreicht sogleich den ebenfalls nahezu vollkommen leeren Strand.

Leuchtet die Ostsee noch türkisblauer und der feine Sand noch heller als früher? Wahrscheinlich Einbildung, Effekt der Entzugserscheinung. Die Sonne scheint, grelles Licht, und die Natur hat in dieser Endphase des Reisebanns außerdem termingerecht die Eisheiligen geschickt, der Wind bläst, Wellen brechen. Als sollten Viren weggepustet und weggespült werden, die es in dieser Gegend offenbar sowieso kaum gibt. Aber die kommen könnten, wenn die Touristen zurückkehren.

Seit zwei Monaten ist Mecklenburg-Vorpommern für die meisten Menschen Sperrgebiet, sofern sie nicht zu den 1,6 Millionen Bewohnern von Deutschlands beliebtester Ferienregion zählen. Das erleichtert die Anfahrt derzeit erheblich. "Willkommen im Land zum Leben", heißt es ein Stück hinter Lübeck an der herrlich freien A 20 Richtung Rostock und Stettin. In Rekordzeit rollt man über Autobahn und Landstraßen nach Nordost, vorbei an derzeit wirklich irre gelb leuchtenden Rapsfeldern und am Ende durch Alleen. Das überschaubare Verkehrsaufkommen hat damit zu tun, dass im Land zum Leben plötzlich keine Fremden mehr willkommen waren. "Für touristischen Verkehr im Land gesperrt", ist seit ungefähr Mitte März auf Warnschildern zu lesen. Die alte Zonengrenze wurde 30 Jahre nach dem Mauerfall ein wenig reaktiviert, auch Schleswig-Holstein mit seinen schönen Stränden schloss Gäste aus. Alles wegen Corona. Doch die neue Wiedervereinigung steht unmittelbar bevor.

Schwerins rot-schwarze Regierung wollte die Pandemie fernhalten. Das gelang insoweit, als bis zum 13. Mai in Mecklenburg-Vorpommern nur 736 Fälle gemeldet waren, 45 pro 100 000 Einwohner, der mit Abstand niedrigste Wert in Deutschland. 20 Tote. Zum Vergleich: In Bayern sind es laut Robert-Koch-Institut 44 802 Infizierte mit 2209 Todesopfern.

Für die Tourismusindustrie ist der Lockout dagegen die reinste Katastrophe, daher nun die Wende. Im vergangenen Jahr wurden zwischen Usedom und Schaalsee 34 Millionen Übernachtungen registriert - es ist das bevorzugte Gebiet hierzulande für Urlaubsreisen von mindestens fünf Tagen Dauer. Die Deutschen lieben das flache, über weite Strecken kaum besiedelte Mecklenburg-Vorpommern mit seinen Stränden und Seen, den alten Kaiserbädern mit ihren Villen, von denen die meisten renoviert und einige verfallen sind.

Weiter unten die Mecklenburgische Seenplatte. Oben an der langen Küste mit ihren langen Stränden die Ostseebäder. Boltenhagen, Rerik, Kühlungsborn, Heiligendamm, Warnemünde, der Darß, Hiddensee, Rügen, Usedom. Von Ahlbeck auf der Insel Usedom ganz im Osten konnten Strandgänger vor Corona nach Świnoujście alias Swinemünde in Polen spazieren, ehe die Grenze zuging. Ein europäischer Strandspaziergang auf der Europapromenade, unterbrochen vom Virus und seinen Folgen. Und jetzt also die Neueröffnung von MeckPomm für Besucher?

Zu Ostern 2020 waren es praktisch null Übernachtungen, ein enormer Verlust. Seit dem Wochenende sind nun schon mal die Lokale wieder geöffnet, wobei Kunden reservieren und ihre Telefonnummer hinterlassen sollen und nicht mehr als sechs Leute an einem Tisch sitzen dürfen. Ab 18. Mai sind dann auch auswärtige Zweitwohnungsbesitzer und Dauercamper wieder erwünscht sowie einheimische Hotelgäste. Ab 25. Mai darf auch fremde Klientel wieder in die Hotelbetten Mecklenburg-Vorpommerns, allerdings dürfen nur 60 Prozent davon genützt werden, alles ein bisschen kompliziert. "Unser Ziel ist sicherer Tourismus", sprach kürzlich Manuela Schwesig, SPD, die Ministerpräsidentin.

Coronavirus - Gaststätten öffnen wieder

Gaststätten dürfen in Mecklenburg-Vorpommern wieder öffnen, müssen aber viele Regeln einhalten.

(Foto: Jens Büttner/dpa)

An der Mecklenburger Bucht in Kühlungsborn sitzt man nun an einem Holztisch vor einem Hotel, das anders aussieht als die Häuser der hübsch verwinkelten Bäderarchitektur wie aus der Kaiserzeit, zum Beispiel die Villa Glückspilz um die Ecke. Es ist das bunt gestrichene Beach Club Hotel, Beiname feels, mit feels-Essbar und Wassersport-Center, ein bisschen Südsee an der Ostsee. Ein junger Mann mit Mundschutz bringt den bestellten Espresso auf die Terrasse, ein erhabenes Gefühl nach all den Wochen, in denen man sich den Kaffee daheim selber machen oder irgendwo abholen musste. Es läuft Musik, auf der Speisekarte stehen Thai Soup oder Angus Burger. 60 Prozent Auslastung sollen also erlaubt sein, der Besitzer schüttelt den Kopf, "das ändert sich ja jeden Tag. Das ist eigentlich wirtschaftliches Harakiri".

Kühlungsborn zählt gut 8000 Einwohner, gut 18 000 Urlaubsbetten und gewöhnlich mehr als 450 000 Gäste im Jahr. Das Ostseebad lebt wie alle Ferienorte von den Touristen. Stattdessen zuletzt keine Einnahmen, zweieinhalb Monate lang. Die Stille fand der Betreiber vom Beach Club Hotel nicht sehr idyllisch, "eine Geisterstadt, fürchterlich", so was will er nicht mehr erleben. Corona? "Hier gibt's kein Corona", sagt er, jedenfalls wenig. Aber klar, wenn jetzt aufgemacht werde, dann könne es natürlich Fälle geben, "das lässt sich kaum verhindern, wir können uns nicht einsperren". Er ahnt: "Die Alten haben Angst."

Coronavirus - Gaststätten öffnen wieder

Gewöhnungsbedürftig: Kellner mit Maske bedient in einem Restaurant in Kühlungsborn.

(Foto: Jens Büttner/dpa)

"Ich hab' keine Sorgen, ich bin ganz entspannt", sagt eine ältere Frau auf der weitgehend ausgestorbenen Uferpromenade. Sie fand die strengen Maßnahmen richtig und die Auszeit interessant, "so hatte ich Kühlungsborn noch nie gesehen, eine besondere Atmosphäre". Jetzt freut sie sich, dass das Leben wieder einzieht und die Strandkörbe wieder aufgesperrt werden - und meint trotzdem, dass es nicht mehr so sein werde wie vor Corona, "da ist ja jetzt eine ganz andere Sensibilität". Im übrigen glaubt sie, dass die wenigen Erkrankungen in Mecklenburg-Vorpommern außer mit der Weite auch damit zu tun haben, dass Menschen in der DDR gegen Tbc geimpft worden seien, das ist ihre Theorie.

Im Restaurant beim Spielplatz Molli unweit des Ostsee-Grenzturm Museums gibt's auch "Softeis wie in der DDR - alles war nicht schlecht". In der Einkaufsstraße sind Masken für 2,99 Euro im Angebot. Alles ist in Erwartung, das Comeback des Tourismus im Tourismusland MV naht. Wie wird es werden an Himmelfahrt, Pfingsten und im Sommer? Vielleicht, wahrscheinlich sogar, wird der eine oder andere Deutsche ja fürs Erste eher in Deutschland Ferien machen als in Italien oder Spanien. "Deshalb lohnt es sich, schnell zu sein!", raten Werber für Mecklenburg-Vorpommern auf einer PR-Seite und empfehlen, zügig zu reservieren.

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Ein paar Kilometer weiter östlich. Heiligendamm, genannt "Weiße Stadt am Meer", erstes deutsches Seebad, gegründet bereits 1793, in jüngerer Vergangenheit unter anderem Schauplatz des Weltgipfels G 8 im Jahr 2007. Ein Investor griff nach der Wende zu und erwarb den historischen Ortskern, der Umbau dauert an. Die Polizei kontrolliert Reisende nicht mehr, zumindest nicht an diesem Tag. Niemand hält einen mit fremdem Nummernschild auf, obwohl fremde Nummernschilder noch auffallen. Vor allem zur Osterzeit waren Menschen ohne Zutrittsberechtigung noch aus Mecklenburg-Vorpommern abgewiesen worden. Noch wird auch in Heiligendamm kaum Kurtaxe gelöst, doch das wird sich schnell ändern, wenn es in Kürze wieder richtig losgeht.

"Wir hoffen, dass es wieder losgeht", sagt die Eisverkäuferin im Eiscafé. Vorläufig habe man zu wenig Kunden - und zu wenig Mitarbeiter, um wieder mehr Kunden zu bedienen. Das Eis ist vorerst im Abstand von 50 Metern zu verzehren, so steht es da. Fischbox und Wurstbraterei einige Schritte entfernt haben noch zu. Sicher ist auch dort bald wieder Betrieb, wenn der Wind abflaut, es wärmer wird und die Urlauber wieder kommen dürfen.

Noch eine Station. Auch in diese Richtung geht die Fahrt flotter als vom Navi errechnet, weil unterwegs einfach niemand stört. Vorbei an Rostock, hoch auf den Darß, diese grandiose Halbinsel. "Gespenstisch schön", schrieb die Sächsische Zeitung nach einem Ortstermin im April, so ist es immer noch. Man war selbst mal in einem etwas windigen und kühlen Sommer da oben, in anderen Zeiten mit Menschen und ohne Masken. Ahrenshoop, das Kleinod, die Künstlerkolonie, genau zwischen Mecklenburg und Vorpommern.

Am frühen Abend sind da nun kaum Menschen zu sehen, ein paar Strandkörbe stehen einsam hinter den Dünen, ein Stück Strandzufahrt ist von Sand überweht. Die Sonne senkt sich, die Brandung wird sanfter, eine Brise beugt das Gras. Grenzweg, Paul-Müller-Kaempff-Weg, der Maler zog einst in das damalige Fischerdorf. Am Hochufer steht eine Bank, auf einer Lichtung zwischen Sträuchern mit Hagebutten und vermutlich auch Sanddorn, mit Blick auf den Strand, das Meer, die Schiffe. Es gibt ja viele Traumstrände, ein kurzer Nostalgiegedanke schweift ab zu Lopes Mendes auf der Ilha Grande in Brasilien. Aber in diesem Moment ist dies, dieser Strand in Ahrenshoop in Mecklenburg-Vorpommern, einer der schönsten Plätze der Welt.

© SZ vom 14.05.2020/ihe
Haus hinter Dünen der Ostsee bei Ahrenshoop auf der Halbinsel Fischland/Darß

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