Weltbekanntes Weihnachtslied:Melodie für Milliarden

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  • An Heiligabend 2018 feiert das weltbekannte Weihnachtslied "Stille Nacht, Heilige Nacht" 200. Geburtstag.
  • Die Stille-Nacht-Kapelle in Oberndorf im Salzburger Land steht an dem Ort, wo das Lied 1818 zum ersten Mal erklungen sein soll, und hat sich zu einem Besuchermagneten entwickelt.

Von Peter Münch

Wo alles begann: Die Stille-Nacht-Kapelle in Oberndorf. Jedes Jahr zu Weihnachten strömen bis zu 5000 Menschen hierher. (Foto: TVB Oberndorf)

Der Ort der ewigen Anziehung thront leicht erhöht auf einem kleinen Erdwall: acht Ecken, zwei Fenster, eine Tür, aus der warmes Licht nach draußen strahlt. Die Stille-Nacht-Kapelle steht in Oberndorf im Herzen des Stille-Nacht-Bezirks, umrahmt vom Stille-Nacht-Museum und der Stille-Nacht-Einkehr. Ein geräumiger Busparkplatz ums Eck lässt darauf schließen, dass hier die Stille vor allem bei Tag nicht allzu groß ist. Besonders erfreulich ist das natürlich für die Betreiber des Stille-Nacht-Shops am Eingang des Areals, wo die Besucher sich mit "Original Stille-Nacht-Weihrauch", mit einem "Stille-Nacht-Schokoladenkuss" und bei Bedarf auch mit dem "Stille-Nacht-Bier" eindecken können. Frohes Fest allerseits.

Ein ziemlicher Trubel wird da entfacht um ein kleines, eigentlich doch sehr besinnliches Lied. Doch dieses Lied ist nicht nur weltbekannt, sondern es feiert in diesem Jahr auch seinen 200. Geburtstag, und genau hier hat alles angefangen: "Am Heiligen Abend 1818 ist in Oberndorf das Lied zum ersten Mal erklungen", sagt Michael Neureiter, Präsident der Stille-Nacht-Gesellschaft, die am Stille-Nacht-Platz 2 in einem Wasserturm residiert. Der 68-Jährige ist studierter Historiker und Theologe, er führt den 1972 gegründeten Verein seit elf Jahren, davor betrieb er in Salzburg Politik für die ÖVP. Das Jubiläum mit zahlreichen Ausstellungen in der gesamten Region macht ihm gerade viel Arbeit, aber das ist es ihm wert. Denn der Verein hat eine Mission rund um dieses Lied zu erfüllen, die Neureiter in drei Worten umreißt: "Forschen, vermitteln, vernetzen."

Auch im afrikanischen Dialekt Bambara wird es gesungen: "Su sulamen, su nafama"

Oberndorf im Salzburger Land mit seinen 5815 Einwohnern darf sich tatsächlich als Zentrum und Echokammer einer globalen Bewegung fühlen. Denn von hier aus hat das Weihnachtslied seinen Siegeszug um die Welt angetreten, der mit nichts anderem zu vergleichen ist, selbst wenn heute überall auch "Last Christmas" aus den Lautsprechern dudelt. Mehr als zwei Milliarden Menschen in aller Herren Länder singen oder hören "Stille Nacht" zu Weihnachten. Nach den Forschungen der Stille-Nacht-Gesellschaft ist es in mehr als 300 Sprachen und Dialekte übertragen worden, ins Arabische, ins Chinesische und auch in den westafrikanischen Dialekt Bambara: "Su sulamen, su nafama". Die Unesco hat das Lied zum immateriellen Weltkulturerbe erklärt, und wenn man Michael Neureiter fragt, warum es eine solche Anziehung und Breitenwirkung hat, dann verweist er auf die darin transportierte "Botschaft von der Menschwerdung Christi". Darüber hinaus aber habe "Stille Nacht" auch für Andersgläubige eine Bedeutung als Weltfriedenslied. "Diesen Begriff", sagt Neureiter, "hat mir Placido Domingo mal in einem Brief nahegelegt."

All das hätten sich die Schöpfer des Lieds sicher nicht träumen lassen. Da ist zum einen Joseph Mohr, von dem der Text mit ursprünglich sechs Strophen stammt. Geboren wurde er 1792 in Salzburg als uneheliches Kind eines Soldaten und einer Strickerin. Immerhin ist er im Salzburger Dom im selben Becken getauft worden wie Mozart. Pate soll bei ihm allerdings der örtliche Henker gewesen sein. Nach dem Theologiestudium war er als Koadjutor, vulgo Hilfspfarrer, in verschiedenen Gemeinden der Region im Einsatz. Seine Vorgesetzten waren nicht immer zufrieden.

Überliefert ist ein Schreiben, in dem es heißt: "Sein Wesen ist noch jugendlich unbesonnen, er spielt, trinkt und singt oft nicht erbauliche Lieder."

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Die Aufenthalte im Wirtshaus hatten jedoch den Vorteil, dass er das Ohr direkt am Volk hatte - und das spiegelt sich wider in jenem wirklich erbaulichen Lied, dessen Text er 1816 auf seiner ersten Stelle in der Gemeinde Mariapfarr verfasste. Anregungen hat er sich wohl am spätgotischen Flügelaltar in der örtlichen Kirche geholt, wo das Jesukind als "holder Knabe im lockigen Haar" zu sehen ist. Vor allem aber reflektieren seine Worte die Not jener Zeit unmittelbar nach den Napoleonischen Kriegen. Das Lied gibt den Traumatisierten Stoff zum Träumen. Es gibt Hoffnung.

Zwei Jahre lag der Text wohl in Mohrs Schublade. 1818 schließlich, da war er versetzt worden an die Pfarre nach Oberndorf, gab er ihn am Morgen des Heiligen Abends zum Vertonen an einen Lehrer namens Franz Xaver Gruber. Der unterrichtete im nahe gelegenen Arnsdorf und war nebenher in den umliegenden Gemeinden als Organist tätig. Grubers frühere Wohnung im ersten Stock des heute noch betriebenen Schulhauses dient nun als Museum. "Zu 99 Prozent ist hier in diesen Räumen die Melodie zu ,Stille Nacht' entstanden", sagt der Museumsmitarbeiter Rudi Pronold bei einer kurzen Führung durch die geduckten Räume. Gepflegt wird hier der Genius loci, doch für Gruber, geboren 1787 und gestorben 1863, war dieses Lied wohl kein großes Ding. Eher eine Gelegenheitskomposition in D-Dur für zwei Solostimmen, Chor und Gitarre, die noch am selben Abend in der Oberndorfer St.-Nikola-Kirche zur Aufführung kam. Mohr sang die Tenorstimme und spielte Gitarre, Gruber sang den Bass.

Die Nikola-Kirche gibt es nicht mehr, sie musste nach Hochwasserschäden 1906 abgerissen werden. An ihrer Stelle steht seit 1937 die Stille-Nacht-Gedächtniskapelle als Wallfahrtsort, um den sich nun die Mythen ranken. Zum Beispiel jene nette Geschichte, dass Gruber und Mohr zur Gitarre greifen mussten, weil eine hungrige Kirchenmaus den Blasebalg der Orgel angenagt habe, sodass kein Ton mehr herauskam. "Wahrheitsgehalt: 0 Prozent", steht dazu im Faktencheck auf der Webseite der Stille-Nacht-Gesellschaft, wo auch noch mit anderen abenteuerlichen Auslegungen aufgeräumt wird. "Wir wollen Tiefgang", sagt dazu Michael Neureiter.

Steuern jedoch lässt sich das nicht immer, das Lied führt rund um den Globus oft ein Eigenleben. Natürlich glauben zum Beispiel viele Amerikaner, dass "Silent Night" auf ihrem von Gott verwöhnten Kontinent entstanden ist. Nicht umsonst hat Bing Crosby von seiner Version 30 Millionen Singles verkauft, und später haben sich noch viele andere von Elvis bis Jimi Hendrix daran versucht. In Michigan gibt es ein "Christmas Wonderland" mit einer Kopie der Oberndorfer Stille-Nacht-Kapelle. "Die ist größer als bei uns", sagt Neureiter. Auch filmisch wurde dem Lied manches Denkmal gesetzt, oft kitschig, aber es geht auch anders: "Stille Nacht. Leise rieselt das Blut" heißt ein amerikanischer Horrorstreifen aus dem Jahr 2012.

In der Nazizeit wird das traute, hochheilige Paar durch Adolf Hitler ersetzt

Gegenwehr war wohl von Anfang an zwecklos, auch gegen allfällige politische Vereinnahmungen. Schon 1892 wurde in einem Arbeiterlied gedichtet: "Stille Nacht, traurige Nacht / ringsumher herrscht Geldsackmacht." Zum Ersten Weltkrieg hieß es: "Stille Nacht, heilige Nacht / Deutschland hat mobil gemacht." In einer Umdichtung aus der Nazizeit schließlich wird das traute, hochheilige Paar durch Adolf Hitler ersetzt, der einsam wacht, wo alles schläft.

Über solche Verbreitungs- und Abwege informiert aktuell eine noch bis Anfang Februar zu sehende Ausstellung im Salzburg Museum. Sie wird ergänzt durch Stille-Nacht-Schauen in insgesamt acht weiteren österreichischen "Stille-Nacht-Gemeinden", die sich im Jubiläumsjahr 2018 zu einem Ausstellungsverbund zusammengeschlossen haben. Das teilt sich dann bisweilen in "Mohr-Land", wo der Texter besonders hervorgehoben wird, und in "Gruber-Land", wo man zuvörderst die Erinnerung an den Komponisten pflegt. "Wir sind hier Mohr-Gruber-Land", sagt Neureiter mit Blick auf die Kapelle in Oberndorf.

Je eines der Fenster ist dort Mohr und Gruber gewidmet. Auf ein paar kleine "Schönheitsfehler" weist Neureiter noch hin - zum Beispiel auf die dort gezeigte Gitarre in der Hand von Gruber, obwohl die Stille-Nacht-Forschung heute klar davon ausgeht, dass Mohr die Klampfe spielte. Aber all dies wird ganz bestimmt keine Rolle spielen, wenn am 24. Dezember wie in jedem Jahr die Stille-Nacht-Fans zur Kapelle strömen. "Normalerweise kommen 4000 bis 5000", sagt Neureiter, "doch heuer kommen sicher mehr."

Pünktlich um 17 Uhr geht es los. Mit Rummel ist zu rechnen. Doch wenn dann das Lied erklingt an jenem Ort, an dem alles begonnen hat vor 200 Jahren, dann wird es gewiss trotzdem ganz still werden vor der Stille-Nacht-Kapelle in Oberndorf.

© SZ vom 30.11.2018 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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