Süddeutsche Zeitung

Steiermark:Österreichs lustigstes Fotomodel

Fast jeder kennt das Bild. Aber wie kam die alte Frau mit der komischen Grimasse auf die Postkarte?

Von Stefan Wagner

Es ist ein Foto, ikonisch wie das von Che Guevara mit der Baskenmütze oder jenes von Albert Einstein mit herausgestreckter Zunge: die alte Frau mit dem zerknautscht-fröhlichen Gesicht vor grünem Hintergrund. Sie sieht lustig aus, ein bisschen exzentrisch, auf jeden Fall liebenswert. Eine schräge Oma zum Pferdestehlen, wie man sie sich nur wünschen kann. Doch wer ist die Frau, deren Gesicht wohl jeder schon einmal an einem Postkartenstand gesehen hat? Wie alt ist sie? Und warum zieht sie diese Grimasse?

Mehrere Verlage in Mitteleuropa haben die Witzkarte im Programm, sie sei "auf jeden Fall eine der am besten verkauften Karten der vergangenen 40 Jahre", sind sich die Verleger auf Nachfrage einig. Mehrere Millionen - vielleicht sogar mehr als zehn Millionen - Exemplare des gedruckten Konterfeis hätten Käufer gefunden. Hinten auf den Karten steht "Büchsenmacher Rosl", der Rufname der alten Frau. Als Fotograf ist ein Peter Cermak vermerkt.

Cermark lebt in Österreich, in der Nordsteiermark, im Wallfahrtsort Mariazell. Er ist 76 Jahre alt. Jetzt, im Ruhestand, widmet er sich seinen Oldtimern. Richtig gern redet Peter Cermak nicht über seinen größten Coup, tut es dann aber doch. "Ja", sagt er, und ein bisschen Stolz schwingt mit, "ich habe die Rosl entdeckt." 1966 habe er den Fotografenladen eines Herrn Machnitsch übernommen. Unter all den Glasnegativen einer alten hölzernen Plattenkamera habe er das Schwarz-Weiß-Foto der lustigen Frau entdeckt. Versehen war das Bild mit einer Jahreszahl: 1928.

"Ich wusste gleich, dass das etwas Besonderes ist", sagt Cermak. Er habe einen "akademischen Maler" gefunden und ihn gebeten, einen Abzug des Porträts zu kolorieren. Das so veränderte Bild habe er zunächst Tabakläden, Kiosken und Cafés angeboten. Zunächst lief der Verkauf schleppend. "Aber dann rief ein Verleger aus Kärnten an und wollte 12 000 Stück. Ich bin fast vom Stuhl gefallen." Spätestens ab 1972 sei es dann "richtig gelaufen" mit der Karte. Eigentlich müsste die Rosl Peter Cermak zum Millionär gemacht haben. "Wohlhabend bin ich schon", sagt der schmunzelnd. "Aber der Flick bin ich nicht."

Fritz Holzer ist der stellvertretende Obmann des Hochschwabmuseums im nahegelegenen St. Ilgen. Er hat sich mit der Geschichte der Büchsenmacher Rosl beschäftigt, schließlich, so sagt der 59-Jährige, "ist die Rosl unsere Top-Attraktion".

Das Grimassenschneiden brachte ein paar Groschen

Nach allem, was man weiß, wurde Rosina Maria Friedrich 1858 ganz in der Nähe von St. Ilgen, im Örtchen Aflenz, als Tochter eines Büchsenmachers, eines Schusswaffenherstellers also, geboren. Sie schlug sich durch als Kellnerin, Kindermädchen, Wäscherin und Hebamme, als Kartenlegerin und Wahrsagerin. Sie soll mehrere Kinder von mehreren Männern gehabt haben - geheiratet hat sie nie. Die Kinder gab sie alle in Obhut. Im Alter lebte Rosina Maria Friedrich in einer winzigen Köhlerhütte und verdiente sich durch Grimassenschneiden ein paar Groschen hinzu. Das berühmte Foto zeigt sie also wohl im Alter von 70 Jahren. 1933 starb Rosina Friedrich mittellos in einem Altersheim. Wo sie beerdigt wurde, ist unbekannt.

Die vermutlich letzte Enkelin der Rosl, Josefine Kammerhofer, starb 2013. In einem 2005 im Bayerischen Fernsehen ausgestrahlten Interview beschreibt sie, wie ihre Mutter einst ein Bild von der Rosl auf einer Almhütte entdeckte: "Wo ist die Frau?", habe sie erregt gerufen und dann gesagt, dass die Frau auf dem Bild ihre Mutter sei. Das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter war, wie man sich denken kann, kein gutes. "Sie hätt' die Kinder nicht weggeben müssen", wird die Enkelin zitiert. Und die Tochter war wohl alles andere als stolz auf ihre Herkunft: "Ich bin die Tochter von einem Kasperl", soll sie gesagt haben.

Auch die Gemeinde St. Ilgen erinnert erst seit ein paar Jahren an die berühmte Bürgerin. Seit 2007 steht am Panoramaweg eine Bronzestatue der Büchsenmacher Rosl samt einer nachgebauten Köhlerhütte - direkt neben einem Ameisenlehrpfad, neben Holzskulpturen von Adlern und Bären und einem "bio-sensorisch vermessenen Entspannungsplatz". Im Museum findet sich die alte Plattenkamera, mit der Österreichs berühmtestes Foto aufgenommen wurde. An der Wand hängt Rosls Geburtsurkunde.

Andrea Schneeberger, die das Hotel Post Karlon in Aflenz betreibt, hat dort eine "Rosl-Ecke" eingerichtet, in der sich ein paar Lebensdaten der Frau und ein Foto von ihr finden. Schneeberger unterhält auch die Facebook-Seite "Büchsenmacher Rosl": "Fast alle Gäste fragen nach der Rosl. Jeder kennt ihr Gesicht. Schließlich ist sie Österreichs lustigstes Fotomodel", sagt die 33-Jährige. Und alle hätten auch eine besondere Beziehung zur Grimassen-Oma: "Einer sagt, seine Oma sei mit der Rosl in die Schule gegangen, der andere schwört hoch und heilig, dass er der Enkel der Großtante von Rosl ist. Andere wollen wissen, dass sie schon mal mit einem gesprochen hätten, der gesagt habe, er sei ein Nachkomme von Rosl." Eine Rosl-World wollen die Österreicher trotzdem nicht aus Aflenz machen. Ein bisschen mehr Vermarktung aber sei schon möglich, sagt Fritz Holzer vom Hochschwabmuseum: "Vielleicht sollten wir mal ein Grimassenschneid-Festival organisieren."

Reiseinformationen

Anreise: Mit dem Auto über Salzburg, ca. 4,5 Stunden nach Aflenz/Steiermark. Mit der Bahn von München in ca. 5,5 Stunden nach Bruck/Mur, von dort mit dem Postbus nach Aflenz

Unterkunft: Aflenzer Wanderhotel Post Karlon, Doppelzimmer mit Frühstück ab ca. 100 Euro, www.hotel-post-karlon.at; Alpengasthof Bodenbauer, Doppelzimmer mit Frühstück ab 80 Euro, www.der-bodenbauer.at

Weitere Auskünfte: Das Hochschwabmuseum ist geöffnet vom 9. Juni bis 10. Oktober an Samstagen, Sonn- und Feiertagen, 13 bis 18 Uhr, Eintritt drei Euro, www.hochschwabmuseum.at. Infos zur Region über den Tourismusverband Hochschwab, www.regionhochschwab.at

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SZ vom 30.03.2017/edi/
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