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Staycation:Im großen Urlaubs-Nichts liegt das Glück

Staycation Urlaub daheim

Umgeben von vertrauten Dingen einfach mal nichts machen. Gar nichts.

(Foto: Illustration Jessy Asmus für SZ.de)

Während die anderen braungebrannt wie Haselnüsse aus dem Urlaub zurückkommen, schwärmt unser Autor von einer irren, einer verbotenen Ferienvariante.

Am Münchner Flughafen grüßt mich die Frau am Kiosk schon von weitem. Sobald sie mich sieht, greift auch die Bäckerin reflexhaft zur Brezntüte. Und wenn mich nicht alles täuscht, dann öffnet sich die Schranke im Bereich "Ankunft" ein bisschen zackiger, sobald ich mit dem am Airport mittlerweile wohlbekannten Familien-Van vorfahre. Übrigens kennt man mich auch am Bahnhof gut. Ich gehöre zum Personal.

Das ist vielleicht der einzige Nachteil des Dableibens zur Ferienzeit. Man wird zum Chauffeur und Kofferträger jener Freunde und Familienmitglieder, die aus dem Urlaub heimkehren: braungebrannt wie Haselnüsse, gut gelaunt, sonnig ermattet, voller Erinnerungen und Erzählungen aus fernsten Fernen. Einigen rieselt der Sand aus den Sandalen, während sie einem die Selfies vor Palme, vor Pool, vor Bucht, vor Schiff, vor Sehenswürdig- oder auch Nichtigkeit präsentieren. "Und", wollen sie dann wissen, "wie war's daheim?"

Also. Hm. Was hat man gemacht zu Hause? Die ehrliche Antwort ist: absolut rein gar nichts. Schlafen, trinken und essen, kurz: leben - das zählt ja nicht. Das Canyoning in Tirol hat man ebenso verpasst wie den West Coast Trail in Kanada; in Havanna, Dubai und Nicht-mal-Rimini war man auch wieder nicht; nicht mal das Digital-Detoxing in einer niederbayerischen Wellnessoase hat man erprobt. Darf man sich also outen als begnadeter Balkonier? Als elender Daheim-Freak? Als Sitzenbleiber im Wortsinn? Die Deutschen sind Reiseweltmeister, heißt es. Die Deutschen mit mindestens einer Ausnahme. Das bin ich. Ich ruiniere die Miles-&-More-Bilanz einer ganzen Nation im Alleingang.

In triumphaler Einsamkeit

Münchens Stadtteil Waldtrudering ist keine Destination, mit der sich ein Partygespräch eröffnen ließe. Die Sumpfgebiete von Dagobah am Rande der Galaxis sind für Außenstehende verlockender als der handtuchgroße Garten hinter dem kleinen Haus, in dem ich Urlaub in triumphaler Einsamkeit mache. Wobei ich es zur Verblüffung der Ferienheimkehrer sogar schaffe, mich nicht einmal um den Garten zu kümmern. Ich tue einfach: nichts.

Das heißt: Ich sehe mir auch München nicht an (man kommt ja sonst nicht dazu, die eigene Stadt zu genießen), ich schreibe kein Buch (endlich mal die Gedanken sortieren), ich kümmere mich nicht um alte Freunde (längst überfällig) oder ertüchtige den Leib (sowieso eine Lebenslüge). Ich urlaube daheim im Nichts, während alle anderen weg sind. Und darin, im großen Nichts von Urlaub, liegt das Glück. Vertrödelte, dahingegangene, versandete Zeit: herrlich. Carpe diem? Bloß nicht.

Früher wäre man ja etwas verlegen gewesen. Man hätte was von "Urlaub auf Balkonien" genuschelt und hätte sich ertappt gefühlt wie einer, der sich das Schild "Trautes Heim, Glück allein" in die Küche nagelt. Direkt neben die Kuckucksuhr. Aber die Reise-Verweigerung heißt ja nun - dem Zeitgeist sei Dank - "Staycation" und ist dabei, sich als angesagtes Ding zu etablieren. Schon wird ein Trend daraus. Und ein Geschäftsmodell sowieso. Schade eigentlich.

Staycation: In diesem Begriff verbinden sich "stay" für bleiben und "vacation" für Urlaub. Ökologie und Ökonomie tun sich zusammen mit der Simplify-Philosophie der Austerität. So wird eine Art Sofa-Slackertum des Nichtreisens daraus. Eine Mode also, die mir, abgesehen davon, dass es eine Mode ist, wie gerufen kommt. Ich leide nämlich üblicherweise am Urlaubsstress im Urlaub.

Urlaub ist: planen, wählen, abwägen und entscheiden (Meer oder Berge? Korsika oder Sardinien? Stadt oder Land? Hotel oder Haus? Und am Buffet erst . . .). Urlaub ist einpacken und auspacken - und was sagt eigentlich das Auswärtige Amt dazu? Urlaub ist: Stau am Brenner und Hörspiele, die man auswendig kennt. Urlaub ist: Termine, Termine, Termine - "wo wir schon mal da sind, sollten wir da nicht auch noch das Dings angucken . . .?" Urlaub ist die große Sorge darüber, ob man sich auch angemessen sorgenfrei erholt. Urlaub ist das Unglück, das darin besteht, glücklich sein zu müssen.

Das Geheimnis des Glücks liegt aber im Nichts. Nichts tun. Nichts vorhaben. Nichts wollen. Nichts müssen. Nur da sein im Daheim. Dort, wo man den Kühlschrank und das Bücherregal kennt und die Aussicht genießt, die die aus dem Küchenfenster ist. Wie irre ist das denn bitte? Und wie verboten obendrein.

In dem Neunzigerjahre-Film "Südsee, eigene Insel" mit Peter Knaup, Ben Becker und Franka Potente verbringt eine ganze Familie hinter runtergelassenen Jalousien die Ferien im eigenen Keller, mit Essen aus der Dose, beleuchtet nur vom Schein der Taschenlampe. Weil man sich nicht traut, die eigene Pleite und daraus folgende Urlaubslosigkeit den Nachbarn einzugestehen. Urlaub ist Status. Je weiter weg, desto besser. Je länger, desto toller. Je öfter, desto beneidenswerter. Daheimbleiben ist was für Loser.

Aber jetzt: Staycation. Das ist die Rettung. Nicht nur meine, sondern auch die der Welt. Schon Blaise Pascal, der französische Philosoph, wusste im 17. Jahrhundert: "Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen." Die Welt retten, während alle anderen Urlaub machen: so ist das, das ist Staycation. Und einer muss es ja tun. Okay, bin ich das halt.