Städtetipps Leben statt Gaudì

An einem meiner ersten Nachmittage im Park an der Villa Amèlia sah ich im Sonnenlicht zwischen turmhohen Palmen zwei Schwestern streiten. Als sie am Teich mit den ausgesetzten Schildkröten vorbeikamen, stieß die ältere die jüngere ins Wasser. Danach ging sie so selbstverständlich weiter, als passiere dies jeden Tag. Die Mädchen waren acht und sechs. Ich wusste: Hierher würde ich zurückkehren. Besucher, die sich all die Pracht Barcelonas ansehen, die Bauten Gaudís, das Picasso-Museum, den Fußball Barças, laufen Gefahr, vor lauter Sehenswürdigkeiten das Schönste zu übersehen: den Alltag. In einer Stadt aus Stein, die sich, eingequetscht zwischen Meer und Berg, keinen Platz für Natur ließ, lässt sich nirgendwo besser dem Leben zusehen als im Amèlia-Park.

Der Park ist nicht größer als ein ausschweifender Garten. Werktags um zehn kann man noch fast alleine im Parkcafé sitzen. Nachmittags um fünf sind sie dann alle da, die Jungs, die auf dem winzigen Pinienhügel Krieg der Sterne spielen, die südamerikanischen Kindermädchen, die unter den jahrhundertealten Kastanienbäumen über das Leben philosophieren ("In Barcelona gibt es einen Reichtum an schönen Männern, da wirst du doch einen finden!"), Mari Carmen mit dem dreibeinigen Hund, die Vier aus dem Altersheim, immer auf derselben Bank. Die Sonne fällt durch die Palmenblätter, und man merkt, so viel besser unsere Wirtschaftsbilanzen auch sein mögen, wir in Nordeuropa werden immer ärmer als Spanien bleiben, ohne diese Lieblichkeit des Alltags.

Städtetipps von Insidern: Barcelona

Viva Barcelona!

Ronald Reng, Barcelona