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Reisebuch zu Street Art:Kunst für alle

Michael Harker fotografiert Street Art. Die Wandgemälde auf Hausfassaden sind die neuen Sehenswürdigkeiten vieler Städte.

Nie ist in diesem Buch von Graffiti die Rede. Immer nur von Street Art. Von Kunst also im öffentlichen Raum - die "wohl demokratischste Kunst unserer Zeit", wie die Kunsthistorikerin und Ausstellungsmacherin Suzanne Bäumler im Vorwort des Bandes "Icons of Street Art" schreibt. Denn: "Sie ist für die Menschen gemacht, entsteht oft aus Ideen, die mit den Anwohnern gemeinsam wachsen, und verändert deren Alltag. Der Kontakt zum Betrachter ist unmittelbar." Street Art wird automatisch zu einem Teil der Lebensrealität jener Menschen, die die gestalteten Fassaden täglich passieren oder gar in diesen Gebäuden leben.

Der Fotograf Michael Harker hat sich spezialisiert auf Porträts sogenannter "Big Murals", großer Wandgemälde, die es inzwischen in sehr vielen Städten gibt. Ausgehend von New York und Paris in den 1980ern, sind sie heute ein weltweites Phänomen, sie prägen Stadtviertel, werten sie nicht selten auf - und haben in der Regel einen Bezug zu dem Ort, an dem sie entstehen. Diesen Ort fängt Harker stets mit ein. Seine Fotografien beschränken sich nicht auf die Wandgemälde. Und wenn die Street Art doch einmal formatfüllend ist oder Harker sogar nur einen Ausschnitt, ein Detail aufnimmt, stellt er gewöhnlich noch eine zweite Fotografie daneben, die den Kontext andeutet, die Straßenflucht, das Gebäudeensemble. Michael Harker ist kein Freund von Totalen, die Street Art steht bei ihm klar im Fokus - aber er bildet so viel von der Umgebung mit ab, dass man als Betrachter einen Eindruck bekommt von den Szenerien und Milieus.

Den Schwerpunkt des Buches bilden Wandgemälde aus Europa. London und Paris sind vertreten, überraschend viele Beispiele gibt es aus Portugal, etliches aus Wien und manches aus Berlin. Die Sortierung ist nicht stringent, gleichwohl versuchen Harker und Bäumler, verschiedene Stile und Ästhetiken zu bündeln, einzelne Künstler - unter denen erfreulich viele Frauen sind - zu porträtieren und durch eine geschickte Anordnung diverse politische und gesellschaftskritische Strömungen in den Arbeiten kenntlich zu machen. Auch die Street Art spielt längst mit Zitaten und Referenzen. So spielt PBoy in Paris mit seinem Werk "Liberté guidant le peuple" auf Delacroix' ikonografisches Gemälde "Die Freiheit für das Volk" an. Bei PBoy sind es Gelbwesten, die der Tricolore-schwingenden Marianne hinterherstürmen. Auch das ist Street Art: extrem aktuell.

Michael Harker: Icons of Street Art. Big Murals. Kunth Verlag, München 2020. 288 Seiten, 68 Euro.

© SZ vom 18.06.2020/edi
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