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Hippe kleine Städteschwestern:Cork - alles in Butter

Die lässigen Cousinen: Dublin (links) und Cork (mindestens genauso schön)

(Foto: Imago / Fotolia)

Den eingebildeten englischen Cousinen London und Oxford laufen die irischen Städte schon lange den Rang ab. Noch lässiger als Dublin ist jedoch Cork.

Von Sarah K. Schmidt

Mit Tausenden anderen vor Museen die Füße platt stehen, an völlig überhöhten Hotelpreisen verzweifeln und das klassische Sightseeing-Programm abspulen? Das muss nicht sein, denn es gibt lohnende Alternativen zu den überlaufenen Tourismus-Hotspots Europas. Kleine Städte-Schwestern bieten viel, zu günstigeren Preisen und ohne Anstehen. Für ein entspanntes verlängertes Wochenende sind sie nicht die zweite, sondern die erste Wahl. Wir stellen die schönsten vor.

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Cork statt Dublin

Diesmal stammt die hippe kleine Städte-Schwester aus einer ganz besonders liebenswerten Familie. Wenn England der adlige Verwandtschaftszweig ist, der geschniegelt im Burberry-Pullunder nach dem Polo-Turnier am Five o'Clock Tea nippt, dann ist Irland der erfrischend bodenständige Teil der Sippschaft, der fröhlich lärmend Familienfeste sprengt und lieber Bier als Earl Grey trinkt.

Dublin und Cork sind in dieser Analogie die lässigen Cousinen, die von London und Oxford hochnäsig belächelt werden. Dabei sind die britischen Städte-Schwestern nur neidisch: auf den lockeren Lebenswandel ohne biedere Etikette. Das gemeinste ist jedoch, dass Dublin und Cork auch noch so richtig nett sind. "Big Sis" Dublin läuft den britischen Upperclass-Ladies jedenfalls so langsam den Rang ab als Mittelpunkt der Touristenszene. Vergangenes Jahr sind eine halbe Million Deutsche nach Irland gereist. Viele davon für einen entspannten Städtetrip nach Dublin.

Während Irlands Hauptstadt damit nun selbst quasi zum Establishment gehört, kennen die kleine Schwester Cork bislang nur Irland-Insider. Dabei ist die zweitgrößte Stadt des Landes alles andere als zweite Wahl. Die Iren selbst (zumindest die außerhalb Dublins) sprechen von Corcaigh, so der irische Name, als "the real capital", also der wahren Hauptstadt.

Ansehen: Glockenläuten für Anfänger und Knast für Profis

Der Start war friedlich, dann wurde es wild in Corks bewegter Geschichte. Gegründet wurde die Stadt am River Lee etwa 600 nach Christus vom Heiligen Finbarr - als Kloster. Wann immer es in den folgenden Jahrhunderten auf der grünen Insel Ärger gab, Cork war mit dabei. Kein Wunder also, dass die "Rebel City" das Herz des irischen Unabhängigkeitskampfes war, woraufhin britische Hilfstruppen 1920 Teile von Corks Innenstadt niederbrannten.

Eine Erkundungstour durch die Stadt lässt sich chronologisch beginnen: Die Saint Fin Barre's Cathedral soll genau dort stehen, wo der namensgebende Stadtgründer einst Corks Grundstein legte. Die heutige Kathedrale mit ihren Türmchen und Wasserspeiern, den farbenprächtigen Fenstern und detailreichen Marmormosaiken ist allerdings das Ergebnis eines Architektur-Wettbewerbs, der 1863 veranstaltet wurde. Ein gewisser William Burges gewann die Ausschreibung, um dann prompt seine Pläne ein wenig auszuweiten. Statt der veranschlagten 15 000 £ wurden es schließlich 100 000 £ - man kennt das ja heute. Dank der großzügigen Unterstützung durch den Bischof konnte das Kunstwerk im Stil der französischen Gotik immerhin pünktlich 1870 eröffnet werden.

Auch die St. Anne's Church im Stadtteil Shandon ist einen Besuch wert. Vor allem der Kirchturm hat ein paar Finessen zu bieten. Zwei Seiten sind in rotem Sandstein gehalten, zwei Seiten bestehen aus weißem Kalkstein - und sind damit ganz in den Farben von Corks Sportteams gehalten. "Four-faced-liar" wird der Turm auch liebevoll genannt; zeigen die vier Uhren bisweilen nicht die selbe Uhrzeit an. Der Wetterhahn ist in diesem Fall ein Wetterfisch. "De goldie fish" nennen die Einheimischen den goldenen Lachs, der die Flossen nach dem Wind richtet. Besonderes Highlight: Die Kirchenglocken dürfen von Besuchern selbst gespielt werden. Stecken Sie daher noch die Noten vom Lieblingslied ein - dann müssen Ihre ersten Glöckner-Versuche nicht mit "Alle meine Entchen" enden.

Von außen sieht der Cork City Gaol ein bisschen wie ein Schloss aus - doch der erste Eindruck trügt. Wie schon der englische Name "Gaol" verrät, handelt es sich um ein ehemaliges Gefängnis. Heute gibt ein Museum Einblicke in das Leben von Häftlingen im 19. Jahrhundert. Das war durchaus kläglich, auch wenn das Corker Gefängnis einst als Vorzeigeprojekt gefeiert wurde. Wer aufmüpfig war, musste zur Strafe ein Tretrad antreiben, Frauen dazu noch stricken (so viel zum weiblichen Multitasking). Die meisten der armen Hunde, die in den georgianisch-gotischen Hallen einsaßen, hatten sich übrigens nicht mehr zu Schulden kommen lassen, als Essen oder Kleidung zu klauen. Selbst Neunjährige mussten hier ihre Strafe absitzen (vielleicht eine interessante Information, falls Sie mit eigenem, aufmüpfigem Nachwuchs unterwegs sind). Nach Besuchsschluss um 16, beziehungsweise um 17 Uhr im Sommer, wird noch eine abendliche Führung um 17:45 Uhr angeboten.

Butter, Kunst und der Stein der Quasselstrippen

Die kleine feine Crawford Art Gallery zeigt die Arbeit irischer und internationaler Künstler vom 17. Jahrhundert bis in die Gegenwart. In wechselnden Ausstellungen werden zeitgenössische Kunstwerke präsentiert. Hervorzuheben ist die Sammlung von Bildern irischer Künstlerinnen seit 1886.

Moderner präsentiert sich die Lewis Glucksman Gallery, benannt nach einem Banker und Philanthropen, der die Einrichtung mit seiner Frau gegründet hat. Kunst trifft auf Wissenschaft und Technik. Eine aktuelle Ausstellung widmet sich den ästhetischen Seiten der Mathematik. Auch das Gebäude auf dem ebenfalls sehenswerten Gelände des University Colleges Cork ist eindrucksvoll.

Mehr noch als Whiskey ist Butter das irischste aller Lebensmittel. Sie war der Schmierstoff für Corks wirtschaftliche Entwicklung. Von hier aus wurde im 19. und 20. Jahrhundert die gesalzene irische Markenbutter tonnenweise in die ganze Welt, bis nach Australien und in die Karibik verschifft. Teil des Erfolgs waren die Gründung des irischen Molkereiausschusses und vor allem die Kampagne einer amerikanischen Werbeagentur, die die Marke Kerrygold geschaffen und vermarktet hat. Molkereigeschichte, aber auch Dosenbutter und eine Einwickelpapier-Sammlung zeigt das Butter-Museum von Cork.

Wer von Cork aus noch einen Ausflug ins Umland machen möchte, kann sich bei einem Spaziergang an der etwa eine Autostunde entfernten Steilküste des Ballycotton Cliff die irische Seeluft um die Nase wehen lassen. Vor den Toren der Stadt befindet sich Blarney Castle. Außer verwitterten Burgruinen ist der sagenumwobene "Blarney Stone" in greifbarer Nähe. Wer sich rücklings über den Abgrund robbt und an einer Stahlkonstruktion festklammert, kann den Stein mit den Lippen berühren - um sodann von der Muse der Beredsamkeit geküsst zu werden. Wer bereits als Plappertasche durchs Leben läuft, hat vielleicht Spaß am Giftpflanzen-Garten.

Vom Hafenvorort Cobh aus startete die Titanic ihre unglückliche Reise. Tausende Iren verließen über den größten Hafen Irlands Europa, um ihre Reise in die große, neue Welt Amerika zu beginnen. Heutige Touristen können sich mit einem Tagesausflug begnügen, um auf den Spuren der Auswanderer zu wandeln.

Anbeißen: Fisch mit und ohne Chips

An der Schnittstelle von Sehenswürdigkeit zu kulinarischem Erlebnis liegt in Cork The Englisch Market. Der überdachte Markt beherbergt schon seit 1788 zahlreiche kleine Händler und Lädchen. Zum Teil werden diese bereits seit Generationen als Familienbetrieb geführt. Hier gibt es Lebensmittel und Kunsthandwerk zu kaufen. Regionale Küche, internationaler Mix - und viel auch zum Probieren. Wer es sich in einem der Cafés und Restaurants gemütlich macht, kann bei einem Lamb Stew oder Kaffee und Kuchen das Treiben beobachten. Zum Beispiel im "Farmgate", das auf der Galerie einen guten Überblick bietet. Eine andere Alternative: Sich auf dem Markt mit Snacks eindecken und dann im Bishop Lucey Park um die Ecke picknicken.

Wer Fisch mag, ist in Cork gut aufgehoben. Das "Electric Cork" besticht nicht nur mit abendlicher Fisch-Bar, sondern auch mit formidabler Lage direkt am Fluss - und auch von innen ist das Art-Deco-Gebäude sehenswert. Zum Essen ist vor allem das "Early-Bird-Menü" interessant: Wer vor 18:30 Uhr bestellt, kann für 25 Euro Vor-, Haupt- und Nachspeise wählen.

Fastfood, aber mit langer Tradition, gibt es bei "Jackie Lennox". Es soll sich um das erste irische Fish & Chips-Restaurant überhaupt handeln. Seit 1951 wird das Lokal von der Familie Lennox geführt. Es wird von den besten Fritten der Stadt gemunkelt.

Urig, klein und sehr beliebt ist das "Elbow Lane Brew & Smoke House". Gegrillt und geräuchert kommen traditionelle Gerichte auf den Tisch. Dazu gibt es selbstgebrautes Bier. Und für die Daheimgebliebenen eine der hauseigenen Saucen als Mitbringsel.

Vegetarisch, süß und koffeinhaltig

Doch auch die fisch- und fleischlose Küche hat eine lange Tradition in Cork. Seit mehr als 20 Jahren wird im "Cafe Paradiso" vegetarische Kochkunst zelebriert. Wer braucht schon Steak und Rippchen, wenn er frittierte Kürbisblüten mit Erbsen-Ricotta-Füllung oder Rotebeete-Wasserkresse-Risotto haben kann? Menü-Kombinationen kosten zwischen 23 und 40 Euro.

Cork ist außerdem mit schönen Cafés und Coffee Shops gesegnet. Koffein-Junkies können ihrer Sucht in der "Espresso and Brew Bar" namens "Filter" frönen. Wer noch Kuchen oder Gebäck dazu nimmt, kann mit Glück auf den Hockern vor der Fensterfront speisen.

Für längeres Verweilen ist das "Idaho Café" ausgelegt - im Ernstfall lässt sich dort auch der gesamte Tag verbringen. Frühstück gibt es bis 12, Lunch bis 16:30 Uhr, Sandwiches, Waffeln, Kuchen und Eiscreme retten über den Rest der Zeit - alles aus regionalen Produkten.

In "Tara's Tea Room" kommt Kaffeekränzchen- beziehungsweise Tea-Time-Atmosphäre auf. Auf dem Tresen reihen sich Torten, Kuchen, Muffins und Brownies. Dazu ein heimeliger Retro-Look .

Ausgehen: Ist doch klar, in den Pub

Der naheliegendste Tipp für eine gelungene Abendgestaltung in Cork ist gleichzeitig der beste: Gehen Sie in einen Pub! Zu finden in den kleinen Gässchen rund um die St Patrick's Street, einer uriger als der andere, viele mit Live-Musik. (Wer sich partout nicht darauf verlassen will, nach Lust und Laune seinen persönlichen Lieblingspub zu entdecken, findet hier eine touristengerechte Übersicht). Wichtigste Hintergrundinfo: Es gibt in Cork zwei konkurrierende Bierbrauereien, Beamish und Murphy's. Wer kein Bier mag, findet in der "Suas Bar" eine Dachterrasse und eine gut sortierte Cocktail-Karte.

Auch über die Pub-Szene hinaus hat Cork einiges an Musik- und Kulturangebot zu bieten. Es lohnt sich ein Blick ins Programm des "Cork Opera House". Seit mehr als 150 Jahren bietet die Oper auch Ballett, Theater, Tanz und Comedy auf der kleineren Bühne des "Half Moon Theatre".

Festivals und Clubkultur

Schauen Sie auch, ob gerade eines der vielen Festivals stattfindet (oder planen Sie Ihre Reise gleich entsprechend). Im Herbst gibt es erst das Folk Festival mit traditioneller irischer Musik. Hochkarätig und international besetzt ist das Jazz Festival im Oktober.

Auch ein eigenes Filmfest hat die Stadt: Diesen November geht das Event in die 60. Runde. Im Mai gibt es ein Chor-Festival. Und natürlich eine ordentliche Party zum St. Patrick's Day.

Der "Pavilion", von Einheimischen "the Pav" genannt, bezeichnet sich selbst als "grand old home of entertainment". Seit fast 100 Jahren wird in dem ehemaligen Kino gefeiert mit Singer-Songwritern, Rockern, Alternative-Bands und DJs.

Wer auf der Suche nach Party ist, ist im "Savoy" richtig. In dem Club legen internationale DJs auf.

Oder man geht einfach doch in den nächsten Pub.

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© Süddeutsche.de/harl/rus
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