Stadtporträt Rovereto:Stadt der Löwen

Viele Italienreisende lassen Rovereto links liegen. Dabei gibt es hier viel Historisches zu entdecken - und die Geschäftsleute haben Zeit für die Kunden.

Von Stephanie Schmidt

Stadtporträt Rovereto: Zur Burg am Rande der Altstadt, die schöne Ausblicke auf Rovereto und Umgebung bietet, führen verschiedene Fußwege. Einer der beliebtesten ist die Via della Terra mit ihrem um 1300 errichteten Stadtturm.

Zur Burg am Rande der Altstadt, die schöne Ausblicke auf Rovereto und Umgebung bietet, führen verschiedene Fußwege. Einer der beliebtesten ist die Via della Terra mit ihrem um 1300 errichteten Stadtturm.

(Foto: Luca Babboni)

Sieh da, wieder ein Löwe. Von 1416 bis 1509 hatten die Venezianer in Rovereto das Sagen. Ihre Herrschaft ist längst Geschichte, doch von ihren Gaben profitiert die Stadt noch heute: Wer durch Roveretos verwinkelte Altstadt schlendert, entdeckt prächtige Bauten aus verschiedenen Epochen, manche von ihnen zieren Löwen-Fresken. Der Löwe - Symbol der Venezianischen Republik im 15. Jahrhundert - blickt stolz vom Rundbogen des San-Marco-Tors herab. Und auch hoch oben an der apricotfarbenen Fassade der Kirche San Marco prangt das Relief eines geflügelten Löwen.

Die meisten Touristen, die von Norden auf der Autobahn A 22 Richtung Süden unterwegs sind, lassen das Städtchen links liegen. Denn in seiner Nähe befinden sich andere verlockende Ziele wie Verona oder der Gardasee - von Rovereto aus sind es nur wenige Kilometer bis zu seiner Nordspitze. So begnügen sich viele mit einem Zwischenstopp für ein paar Stunden, um das von Architekt Mario Botta entworfene Museum Mart zu besuchen, das außerhalb des Stadtkerns liegt und sich moderner und zeitgenössischer Kunst widmet. Schade, denn die Altstadt hat viel zu bieten.

Vielleicht nimmt man erst mal einen Espresso in einem der Cafés an der Piazza Erbe oder der Piazza Malfatti und spaziert dann zu den Palästen der Stadt. Einer der schönsten ist das Rathaus, der im 15. Jahrhundert errichtete Palazzo Pretorio mit seiner zweigeteilten Fassade: Der mit Schachbrettmuster und allegorischen sowie biblischen Szenen verzierte rechte Teil würdigt die einstige Republik Venetien; die andere Seite der Fassade mit Balkon und Marmorpfeilern stammt aus dem 18. Jahrhundert, damals erlebte die Stadt eine wirtschaftliche und kulturelle Blütezeit - es ist kein Zufall, dass Mozart sein erstes Konzert in Italien gerade in Rovereto gab, im Jahr 1769.

Die Dauerausstellung in der Burg beleuchtet die düstere Zeit des Ersten Weltkriegs

Eine Besonderheit Roveretos sind die kleinen historischen Geschäfte und Werkstätten. Knapp 20 Botteghe Storiche verschiedener Branchen gibt es hier. Manche existieren seit Jahrhunderten oder werden seit Generationen von derselben Familie geführt - Mode- und Kurzwarengeschäfte ebenso wie Lokale und Apotheken. Das Geschäft der Familie Venturini zum Beispiel suchen die Einheimischen bereits seit 1921 auf, wenn sie einen individuellen, handgefertigten Rahmen für ein Bild oder ein Foto brauchen. "Wir haben ungefähr 1000 verschiedene Rahmen zur Auswahl", sagt Inhaber Enrico Venturini. Die verschiedenen Holzleisten kann man im ersten Stock miteinander vergleichen, im Erdgeschoss werden Porzellan und Haushaltswaren angeboten. Dort hängt auch ein großes Schwarzweiß-Foto an der Wand, das ein Motorradgespann mit zwei lachenden Männern zeigt: "Auf dem Motorrad sitzt mein Großvater", erklärt der 63 Jahre alte Rahmenmacher, "im Beiwagen sehen Sie meinen Urgroßvater." Auf Delikatessen hat sich hingegen die Drogheria Giuseppe Micheli spezialisiert. Aus historischen Holzschubladen kann man sich im Laden Gewürze abfüllen lassen oder Seifen, Honig und Likör kaufen.

In der Altstadt gibt es eine ganze Reihe von Buchhandlungen. Am Eingang eines der Literaturläden steht auf einem weißen Plakat in schwarzen Lettern geschrieben: "I libri ed io siamo qui!" Was hier so zu deuten ist: "Hereinspaziert, die Bücher und ich heißen euch willkommen." Wer sich beraten lassen will, profitiert von der beschaulichen Atmosphäre in der Altstadt - die Geschäftsleute haben Zeit für die Kunden. In Rovereto eilt man nicht durch die Gassen, man schlendert von Piazza zu Piazza, von Brunnen zu Brunnen.

Einer der belesensten Männer seiner Zeit war gewiss der Philosoph Antonio Rosmini, der 1797 im Palazzo der Rosminis an der Via Stoppani - einer einflussreichen Familie von Gelehrten und Sammlern - geboren wurde. Der Priester starb 1855 in Stresa am Lago Maggiore. Im Laufe seines Lebens hielt er sich aber immer wieder in dem Palast in Rovereto auf. Antonio Rosminis Sammelleidenschaft galt den Büchern: Zu einer Führung durch das Wohnhaus der Familie gehört auch der Besuch der Biblioteca Rosminiana. 15 000 Bücher umfasst die von Rosmini gegründete Bibliothek, vier Fünftel von ihnen trug er im Laufe seines Lebens selbst zusammen. Der Parkettboden in seinem Geburtshaus knarzt, und muffiger Geruch steigt einem hier und da in die Nase - in einigen Räumen ist die Einrichtung, zu der antike Möbel, Lüster und historische Kachelöfen gehören, seit dem 18. Jahrhundert unverändert geblieben.

In eine ganz andere, farbenfrohere Welt gelangen Besucher der Casa d'Arte Futurista Depero, einer Außenstelle des Mart. Zu dessen Beständen gehören auch an die 3000 Arbeiten, die der Futurist Fortunato Depero (1892-1960) der Stadt geschenkt hat. Diese Sammlung kann man in einem Gebäude mittelalterlichen Ursprungs an der Via Portici besichtigen - zu den ausgestellten Werken gehören unter anderem Gemälde, Zeichnungen, Collagen, Wandteppiche, Möbel und Spielzeug.

Nach wenigen Minuten zu Fuß begegnet einem der nächste Löwe - auf dem Castello di Rovereto hält das Symbol der Republik Venetien gleich neben dem Adler der Habsburger Wache. Sie eroberten die Burg nach den Venezianern. Das Kastell wurde im 14. Jahrhundert von der Adelsfamilie Castelbarco errichtet, doch aus Urkunden geht hervor, dass es auf dem Burghügel schon früher eine Befestigungsanlage gab. Bereits seit 1921 ist das Historische Italienische Kriegsmuseum in der Burg untergebracht. Den Schwerpunkt der Dauerausstellung bildet der Erste Weltkrieg. Ein düsteres Kapitel insbesondere für Rovereto. Die Stadt und ihre Umgebung waren Schauplatz von Kämpfen, bei denen es Tausende Tote gab. Jeden Abend erklingt die mehr als 22 Tonnen schwere Friedensglocke auf dem Hügel Miravalle nahe der Altstadt und erinnert mit hundert Glockenschlägen an die Gefallenen aller Kriege.

Der Ausstellungsrundgang führt auch zur umfangreichen Sammlung von Fotografien, Flugblättern, Tagebuchauszügen oder anderen Dokumenten, die persönliche Erfahrungen von Soldaten und Zivilisten widerspiegeln. 70 000 Fotos zum Ersten Weltkrieg umfasst das Archiv des Museums. "Wir haben hier eine Datenbank mit Informationen über die Gefallenen des Ersten Weltkriegs. Interessenten können zu mehr als 12 000 Personen nachforschen", sagt Museumspädagogin Anna Pisetti. Vorbei an bis zu neun Meter dicken Mauern gelangt man auch zur Waffensammlung des Museums. Allesamt Exponate, die traurig stimmen, zumindest nachdenklich. Oder einen erschaudern lassen. In Kontrast dazu: das freundliche Interieur der Ausstellungsräume mit viel Holz und ausgeklügeltem Lichtkonzept. "In den vergangenen 20 Jahren ist das Kastell komplett restauriert worden", berichtet Pisetti, die am Ort didaktische Konzepte für Schüler und Familien entwickelt. Nach Weihnachten werde man zwei neue Ausstellungssäle eröffnen: "Einer befasst sich mit der Frage, wie Menschen für den Krieg rekrutiert wurden. In dem anderen geht es um Flüchtlinge", verrät sie.

Pisetti weist während des Rundgangs wiederholt auf die Aussichtspunkte der Burg hin. Von zahlreichen Luken, schmalen hohen oder besonders breiten Fenstern der Burgtürme hat man verschiedene Perspektiven auf die Altstadt oder auf den Berg, den die Trentiner liebevoll Monte Cornetto getauft haben, weil dessen Gipfel die Form eines kleinen Horns besitzt. Außerdem bieten sich Ausblicke auf den Fluss Leno, der sich an die Burganlage schmiegt. Um die Eindrücke des Museumsbesuchs zu verarbeiten, kann man an seinem Ufer einen Spaziergang unternehmen.

Anreise: Der Eurocity fährt mehrmals täglich ohne Umsteigen von München nach Rovereto. www.bahn.de Übernachtung: Im Hotel Rovereto der Familie Zani sieht jeder Raum anders aus. Die Inhaberin ist Künstlerin und hat die Zimmer mit ihren Gemälden und von ihr bemalten Möbeln bestückt. Doppelzimmer ab 90 Euro mit Frühstück. Im Restaurant Novecento werden hausgemachte Spezialitäten der Trentiner und der mantovesischen Küche serviert. Roveretos Umgebung lässt sich gut mit dem Rad erkunden. Das Hotel hat Pakete für Radurlauber geschnürt, hotelrovereto.it Ausflüge: Der 90 Kilometer lange Radweg Via Claudia Augusta verbindet den Norden und den Süden des Trentino. Auf einer Tour entlang der Etsch kann man sieben mittelalterliche Burgen besuchen. Weitere Auskünfte: www.visitrovereto.it

Hinweis der Redaktion

Die Recherchereisen für diese Ausgabe wurden zum Teil unterstützt von Veranstaltern, Hotels, Fluglinien und/oder Tourismus-Agenturen.

© SZ vom 26.09.2019
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