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St. Martin in den Stubaier Alpen:"Wir fühlten uns wie Entdecker"

St Martin am Schneeberg
(Foto: SZ-Grafik)

Dort, wo jetzt verschwitzte Bergsteiger ihre Suppe löffeln, hatten die Bergwerksleiter ihr Büro. "Hutmänner hießen die Aufseher unter den Österreichern, die Italiener, die ab 1919 im Bergwerk das Sagen hatten, nannten ihre Chefs Capi", erzählt Heinz Widmann, der aus St. Leonhard in Passeier stammt und eine Broschüre über den Schneeberg verfasst hat. Seit 16 Jahren bewirtschaftet er die Schneeberghütte gemeinsam mit seiner Frau Margit, einer Köchin.

An die Decke sind Schlägel und Eisen gemalt, Symbol der Bergleute, auf einer bestickten Decke steht "Glück auf". An vielen Ecken erzählt das Schneeberghaus von seiner Geschichte. Noch bevor in den Stubaier Alpen die ersten Schutzhütten errichtet wurden, diente das "Wirtshaus am Schneeberg" Hirten und Bergwerksbesuchern als primitive Unterkunft. Als dann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein Wettlauf um die Erstbesteigung der höchsten Gipfel einsetzte, war das Schneeberghaus dafür ein geeignetes Basislager.

Das Zuckerhütl, mit 3507 Metern die höchste Erhebung der Stubaier Alpen, aber auch die Gipfel des Wilden Pfaff, des Wilden Freiger und des Botzer, allesamt eisgepanzerte Dreitausender, lassen sich von hier aus in einer Tagestour erreichen.

Noch immer stellen Alpinisten und nicht Bergwerksbesucher den Großteil der Hüttengäste. Das Schutzhaus liegt günstig am Tiroler Höhenweg, auch eine bei Mountainbikern beliebte Route vom Brenner bis zum Gardasee führt hier vorbei. In den Schlafzimmern und rustikalen Lagern können 100 Personen untergebracht werden. "In manchen Nächten, zum Beispiel beim Kirchtag am 15. August, reicht der Platz aber bei weitem nicht aus", erzählt die Hüttenwirtin Margit Widmann stolz.

Sie erinnert sich noch an den schlechten Zustand des Gebäudes, bevor es gründlich renoviert wurde. "Damals war das Dach undicht, sodass die Holzböden und wertvollen Wandmalereien großen Schaden erlitten." Ihren Mann hatte die Aufgabe gereizt, in einem leerstehenden Gebäude neben dem Haupthaus einen Schauraum mit Fundstücken einzurichten.

Jahrhundertealte Ausrüstungsgegenstände und halb vermoderte Aufzeichnungen seien hier damals einfach herumgelegen: "Wir fühlten uns wie Entdecker." Er und einige Helfer sind in kaum bekannte, unter Wasser stehende Stollen vorgedrungen. Die Schmiede der Bergleute mit einer mittelalterlichen Esse konnten sie buchstäblich im letzten Moment vor den anrückenden Baggern retten. Jetzt ist sie Teil des Bergbaumuseums, das über das ganze Gebäudeensemble verteilt ist.

"Am schlimmsten war der Dreck"

Einer der letzten Zeitzeugen, der noch weiß, wie es im Bergwerk vor der Stilllegung war, ist Karl Gufler. Der 88-Jährige wohnt in einem kleinen Haus an der Timmelsjochstraße, am Ausgangspunkt des Wanderweges Nummer 31, der auf den Spuren der Knappen zum Schneeberghaus führt. Von 1959 bis 1965 hat Gufleram Schneeberg gearbeitet.

"Am schlimmsten war der Dreck, er steckte in den Haaren, den Kleidern, unter den Fingernägeln", sagt der alte Mann. "Obwohl es in unseren Wohnungen Bäder gab, lag überall feiner Staub herum." Die Plackerei unter Tage sei im Winter weniger hart gewesen als im Sommer. "Denn in der warmen Jahreszeit war es nass vom Regen und Schmelzwasser und stets zugig." Im Winter hingegen seien die Stollen zugeschneit und relativ warm gewesen.

In den vergangenen Jahren wurde ein eigenes Wasserkraftwerk errichtet und die rostige Wasserleitung durch eine neue ersetzt. "Die Schutzhütte mit der langen Geschichte ist momentan gut in Schuss", sagt Heinz Widmann zufrieden. Eine Herzensangelegenheit sind dem Hüttenwirt noch all die Schätze, die in dem labyrinthischen Gewirr an Stollen und Schächten ringsherum schlummern. In naher Zukunft möchte er den mit Müll verstopften Tunnel zwischen der Schutzhütte und der Knappenkapelle reinigen.

Vielleicht entdeckt er dabei etwas Kostbares. Und wenn nicht, ist zumindest der Stollen freigeräumt. Dann muss sich Heinz Widmann auch keine Jacke mehr überziehen, um ins Gotteshaus hinüber zu gehen.

Anreise: Mit dem Auto über die Timmelsjochstraße bis zur Schneebergbrücke, wo sich ein gebührenfreier Parkplatz befindet. Von dort in knapp zwei Gehstunden zur Schutzhütte (700 Höhenmeter).

Unterkunft: Die Hütte ist von Ende Mai bis Ende Oktober geöffnet. Die Übernachtung kostet ab 30 Euro, mit HP ab 47 Euro. www.schneeberg.org, Tel.: 0039/473647045, Führung inkl. Stollen für Erwachsene neun Euro. Inhaber der Tourist Card zahlen 8 Euro.

Tourenauswahl: Wanderung zu den Nachbarhütten Becherhaus (sechs Gehstunden), Poschhaus (zwei Gehstunden). Gipfeltouren auf den Botzer (fünf Gehstunden, 1000 Höhenmeter); Schwarzseespitze (2,5 Gehstunden, 650 Höhenmeter).

© SZ vom 18.08.2011/afis
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