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Sport:Endlich wieder erste Liga

Tipp-Off ¦ Bogdan Radoslavljevic (Towers), Aaron Jones (HAKRO) 29.02.20, Hamburg, Hamburg Towers vs. HAKRO Merlins Crail

Stehen für Spitzensport und Integration: die Hamburg Towers aus Wilhelmsburg südlich der Elbe.

(Foto: Thorsten Baering/imago)

Die Basketballer retten Hamburgs ramponierten Ruf als Sportstadt.

Von Peter Burghardt

Es gab einen Abend im Sommer 2020, da war der HSV plötzlich fast wieder auf dem Niveau des FC Barcelona. Die Messi-Mannschaft aus Katalonien hatte im Halbfinale der Champions League 2:8 gegen den FC Bayern verloren, als der frühere Hamburger Torwart René Adler freudig eine Erinnerung an den 9:2-Sieg der Münchner 2013 gegen den HSV postete. "Wir waren nur 1 Tor schlechter als Barcelona", schrieb Adler mathematisch vollkommen korrekt. Bei den beiden 0:8-Klatschen 2015 und 2017 waren sie nur zwei Tore schlechter als Barça, ließe sich anfügen.

In jedem Fall ist der Hamburger Sportverein seit einiger Zeit eine unerschöpfliche Quelle für Witze aller Art. Sinn für Humor kann man dem Rautenklub nach wie vor nicht absprechen, aber sportlich war der HSV halt sogar mal besser als selbst der heutige Seriensieger FC Bayern. Die Trophäen und Trikots von Meisterschaften und Europapokalen sind im HSV-Museum im Volksparkstadion zu besichtigen, ein fast so lohnender Besuch wie der im Miniaturwunderland im Weltkulturerbe Speicherstadt. Vor der Arena steht ungerührt ein mächtiger Bronzefuß von Uwe Seeler.

Vielleicht - alles ist möglich beim HSV - geht es 2021 heim in die Bundesliga, die der Hamburger SV bis zu seinem Abstieg 2018 seit Steinzeiten bevölkert hatte. Länger als die Bayern. Der HSV, das weiß jedes Kind, war der Dino, sein Maskottchen heißt nach wie vor Dino Hermann, benannt nach dem ehemaligen Masseur Hermann Rieger aus Mittenwald in Bayern, der schon Kevin Keegan die Muskeln geknetet hatte. Aber jetzt ist der HSV schon im dritten Jahr in der zweiten Liga. Die Bundesliga-Uhr an der Tribüne - abmontiert. Der Gassenhauer "Hamburg meine Perle" vor Spielbeginn - abgeschafft. Sänger und Sprecher Lotto King Karl - abgelöst; nicht zu fassen eigentlich. Die vergangene Saison endete mit Niederlagen in Heidenheim und 1:5 gegen Sandhausen, zwei für Hamburger vormals unbekannte Orte. Noch dazu schoss Sandhausens Diekmeier das letzte Tor gegen den HSV, welch grausame Pointe. Dennis Diekmeier, der in seinen Jahren beim HSV nie ein Tor geschossen hatte. Erfolge gegen Madrid oder Turin verschwimmen im Dunst der Erinnerung. Die Perle Hamburg mit ihrer Weltklasse-Elbphilharmonie ist im Fußball Zweitligastadt.

Dem Stadtteil St. Pauli macht das nicht so viel aus, Totenkopf und Hells Bells funktionieren auch zweitklassig. Ein Match des FC St. Pauli am Millerntor bleibt für Touristen ein Ereignis, selbst wenn es gegen Sandhausen geht. Außerdem ist der FC St. Pauli nach zwei Siegen gegen den HSV aktuell Stadtmeister, braun-weißes Hamburg, der Kiez im Glück. Aber Hamburg ist auch im Handball zweitklassig und im Eishockey drittklassig, dabei waren da bis zu ihren Pleiten Bundesligateams im Einsatz. Volleyball-Bundesliga? Ja, in Lüneburg.

Doch es gibt Hoffnung. Erstklassig ist die Hansestadt wie gehabt unter anderem im Hockey, bei Beachvolleyballerinnen und anderen Olympioniken, auch ohne Olympia an Alster und Elbe - und im Basketball. Dort kam die Rettung aus einer Gegend, die gerne übersehen wird: aus Wilhelmsburg südlich der Elbe. Da sind die Hamburg Towers beheimatet, in der Halle im Inselpark. Es ist mehr als Spitzensport, die Towers stehen für Integration in einem nicht immer einfachen Viertel, weit weg von Harvestehude oder Eppendorf. Ihr Konzept wird angeführt von ihrem Chef Marvin Willoughby, der in Wilhelmsburg geboren wurde und es in anderen Vereinen zum Nationalspieler brachte; in Würzburg spielte er einst mit Dirk Nowitzki.

2013 wurden die Towers gegründet, 2019 stiegen die Basketballer in Liga eins auf. In ihrer ersten Saison in der ersten Liga wurden sie Letzter, das erste Bundesligaspiel ging ausgerechnet gegen den FC Bayern recht deutlich verloren, aber wegen Corona gibt es diesmal keinen Abstieg. Den wollen die Towers nun wieder verhindern, wie der HSV mit neuem Trainer. Der HSV will aufsteigen. Die HSV-Bilanz gegen den FC Barcelona ist übrigens ausgeglichen. Zwei Siege, zwei Unentschieden, zwei Niederlagen. Das war aber alles zu Seelers Zeiten.

© SZ vom 10.09.2020
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