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Mallorca:"Als die Insel noch eine Insel war"

Wirtschaftlich ist die Mandel schon lange kein wichtiger Posten mehr in der Bilanz der Ferieninsel. Die Weltpreise waren bis vor Kurzem im Keller, denn die kalifornischen Mandelbauern, die produktivere Sorten in riesigen, bewässerten Plantagen anbauen, arbeiten viel effizienter. Sie beherrschen seit Jahren den Markt und kontrollieren die Preise. Viele Insulaner ließen deshalb ihre Bäume verkommen, die Ernte lohnte sich nicht. Doch nun geht Kalifornien das Wasser aus, und die Preise ziehen an. Zudem wächst die Nachfrage: Mandeln gelten als gesund, Mandelmilch ersetzt in vielen Haushalten die Kuhmilch, dazu kommen Süßspeisen wie Marzipan oder das spanische Weihnachtsgebäck Turrón.

Vielleicht wohnt dem Ende der alten, schwachen Bäume ein neuer Anfang inne. Die Bauern, so hofft zumindest Francisca Parets, könnten jetzt resistente Sorten pflanzen und endlich effizient produzieren. Der Verband experimentiert derzeit mit neuen Sorten, idealerweise sollten es heimische sein, denn von den kalifornischen wollen die Mallorquiner nichts wissen. Schließlich soll der Erreger in den 1990er-Jahren mit Bäumen aus den USA auf die Insel gelangt sein. Andere geben infizierten Zierpflanzen aus der Karibik die Schuld, die in Gartencentern verkauft wurden.

Inzwischen hat auch das Feuerbakterium, auf der Baleareninsel meist durch die Wiesenschaumzikade übertragen, viele Pflanzen zerstört.

(Foto: Helmut Corneli/mauritius images)

Rund 100 heimische Mandelarten gibt es. Sie haben schöne Namen: Bertina, Madre de Déu (Gottesmutter), Caragola (Schnecke) oder Corona (Krone). Nicht alle Früchte schmecken gut, viele Bäume wurden nur als Holzlieferanten gepflanzt, und die meisten sind gegen Xylella fastidiosa nicht resistent. Doch sie gehören zum Kollektivbewusstsein der Insulaner, wegen der Blüten im Winter, wegen der mühsamen Ernte und Verarbeitung im Herbst, wegen der handgerührten Mandeleiscreme im Sommer und wegen des fluffigen Mandelkuchens Gató, der ohne Mehl und mit viel Eischnee zubereitet wird. Deshalb legt die Behörde für Pflanzengesundheit gerade eine Saatgutbibliothek an, für die Ära nach dem Feuerbakterium.

Mandelbäume gelten auf der Insel als Relikte aus den guten alten Zeiten, als die Landwirtschaft noch etwas einbrachte, die Einheimischen unter sich lebten und "die Insel noch eine Insel war", wie Mallorcas einziger Parfümeur Miguel Ángel Benito sagt. Er produziert seit 40 Jahren das Parfüm "Flor d'Ametler", "Mandelblüte". Entwickelt wurde es vor 80 Jahren von einem "vom Blütenduft berauschten Chemiker", wie Benito erzählt. Vorbild waren die Großmütter des Chemikers, die sich ihr Rosen- und Lavendelwasser selbst destillierten.

Der Flakon hat einen etwas gestrigen Charme, das Parfüm riecht leicht süßlich. In jedem Fläschchen schwimmt eine echte, fünfblättrige Mandelblüte. "Ein handverlesener Liebesgruß", sagt Benito. Er macht sich Sorgen um seine Bäume, einige sind schon abgestorben. Nun hofft er auf neue, duftende Sorten, die eine Biologin an der Balearen-Universität gerade erforscht, und die "um Gottes willen nicht alle auf einmal blühen sollen". Denn dann würden er und seine Mitarbeiter mit dem Einlegen der Blüten in Alkohol nicht nachkommen.

Das mit den guten alten Zeiten ist natürlich Verklärung. Die Bäume stehen erst seit rund 120 Jahren auf der Insel. Sie ersetzten die Weinstöcke, die Ende des 19. Jahrhunderts von der Reblaus zerstört wurden. Eduardo Moralejo betont diese Parallele. Für ihn ist der Kampf gegen das Feuerbakterium verloren. "Landschaft ist etwas Lebendiges, sie verändert sich", sagt der Biologe und Experte für Pflanzenkrankheiten. Er geht durch den Mandelhain, den seine Frau von ihrem Vater geerbt hat. "Das hier wird alles verschwinden, sagt er mit ausladender Armbewegung. Er greift sich irgendeinen Ast eines der kahlen Bäume, bricht ihn ab. "Sehen Sie. Tot."

Bei Miguel Ángel Benito dagegen beginnt die Blüte gerade. Jeden Morgen besucht der Parfümeur sein Grundstück am Stadtrand von Palma, um nicht den richtigen Moment zu verpassen. Die frisch gezupften Blüten kommen direkt in große, bauchige Glasflaschen, in denen sie bis zu fünf Jahre lang in einem Alkoholgemisch schwimmen. Er lagert sie in einem Bunker am Rand der Plantage. Benito sperrt eine rostige Eisentür auf, betritt den kühlen, unterirdischen Raum, in dem es intensiv süßlich riecht. Und leicht bitter zugleich. Aus einem Regal greift er eine Flasche, nimmt den Plastikdeckel ab und schwenkt sie. Tausende Blüten geraten in Bewegung. "Jetzt", sagt er und nähert seine Nase dem Flaschenhals. Er schließt die Augen und atmet tief ein. Es ist der Geruch seiner Insel.

Reiseinformationen

Mandelblüte sehen: Besonders viele Bäume stehen in den Gegenden um Caimari und Montuïri, im Gemeindegebiet von Calvià und rund um Galilea bei Puigpunyent. Die beste Zeit ist im Februar.

Mandelblüten-Messe in Son Servera: Dieses Jahr am 5. Februar von 9.30 bis 14.30 Uhr. Landgut Cases de Ca s'Hereu, Carrer Elisa Servera 1, www.sonservera.es

Mandelprodukte kaufen: Parfüm, Naturkosmetik, Öle: Flor d'Ametler, Tot Herba: Fabrikbesichtigung und Shop. Cami de Can Frontera, 73, Es Pont d'Inca, Marratxi (bei Palma), www.flordametler.com, http://tot-herba.com

Mandeln roh und geröstet: Kooperative Camp Mallorqui, www.campmallorqui.es

Mandeleis und Mandelkuchen: Café Ca'n Joan de s'Aigo, Carrer Can Sanç 10 und Carrer del Baró de Santa Maria del Sepulcre 5, Palma, www.canjoandesaigo.com; Konditorei Fornet de la Soca, Carrer Sant Jaume, 23, Palma, www.fornetdelasoca.com

© SZ vom 01.02.2018/ihe
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