Tourismus:"Wir wollen die Welt sauberer machen"

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Mindestlohn in Hotels.

Viel Dreck, wenig Geld: Die Arbeit von Menschen, die in Hotels Betten machen und Bäder putzen, ist für viele Gäste unsichtbar.

(Foto: dpa)

Seit Jahren kämpfen Spaniens Zimmermädchen gegen Ausbeutung. Nun gründen sie ihr eigenes Buchungsportal. Über ein Erfolgsmodell, das selbst die Gründerinnen überrascht.

Von Karin Janker, Madrid

Wer im Urlaub ist, möchte am Abend, nach all den Erlebnissen und Drinks, vor allem eines: seinen Kopf auf ein makellos sauberes Kissen legen. Daran, dass jemand dieses Kissen frisch bezogen, aufgeschüttelt und glatt gestrichen hat, denkt man in diesem Moment üblicherweise nicht. Wenn überhaupt, fällt einem erst kurz vor der Abreise ein, für die Unsichtbare einen Geldschein auf dem Nachtkästchen zu hinterlassen. Wahrscheinlicher aber ist, dass man in dem Moment stöhnt, dass alles schon wieder so stressig ist, nur noch fünf Minuten bis zum Check-out, und der Koffer geht noch immer nicht zu.

Unsichtbar wollen sie nicht länger sein: Spaniens Zimmermädchen haben sich organisiert. Ihre Gewerkschaft heißt schlicht Las Kellys, eine Abkürzung für las que limpian, die, die sauber machen. "Wir glauben an einen Tourismus, der fair ist - zum Planeten und zu den Beschäftigten", sagt Vania Arana, Sprecherin von Las Kellys in Barcelona. "Wir Zimmermädchen erledigen das Kerngeschäft jedes Hotels, und gleichzeitig behandelt man uns wie Dreck." Seit fast 30 Jahren arbeitet die 54-jährige Peruanerin in Spanien als Zimmermädchen. Inzwischen hat sie fast jeden Tag Schmerzen. 70 Prozent der Zimmermädchen nehmen laut einer Studie Medikamente, um ihre Arbeit verrichten zu können. Arana hat erlebt, wie der Druck zunahm: "Früher mussten wir zwölf Zimmer pro Tag schaffen, heute sind es 30."

Ein Fairtrade-Siegel für den Urlaub

Gegen die Ausbeutung demonstrieren Spaniens Zimmermädchen seit Jahren. Jetzt wollen sie sich mit denen zusammentun, die in der Branche das Sagen haben: den Touristen. Las Kellys wollen ein eigenes Buchungsportal gründen, in dem nur Hotels zugelassen sind, die Mindeststandards bei der Behandlung ihres Personals einhalten. Ein Fairtrade-Siegel für den Urlaub sozusagen. Vor sechs Wochen starteten sie ein Crowdfunding, 60 000 Euro Startkapital wollten sie einwerben. Der Erfolg überrascht sie selbst: Mehr als 78 000 Euro wurden bereits gespendet. Die Webseite und die App, die damit finanziert werden, soll es bald auch auf Englisch und Deutsch geben. Die Zimmermädchen denken groß: "Wir wollen die Welt sauberer machen."

Von Spaniens mächtigen Gewerkschaften können sie indes keine Unterstützung erwarten. "Zunächst einmal, weil es sehr kompliziert ist. Das Ganze hat eine enorme Spannweite, und das Geld, das sie da sammeln, reicht hinten und vorne nicht", sagt Gonzalo Fuentes von der Gewerkschaft CCOO. Doch von solcher Kritik lassen sich Las Kellys nicht entmutigen. "Wir Frauen haben lange auf Hilfe von den Gewerkschaften gewartet, und wir warteten vergeblich", sagt Arana.

Seit Jahren gibt es Pläne für ein ähnliches Buchungsportal: Fairhotels.es bekam sogar staatliche Unterstützung. Doch Bürokratie und die Pandemie haben das Projekt lahmgelegt. Den Kellys wären die Regeln dort ohnehin zu lasch, sie wollen auch Hotels ausschließen, die ihre Zimmermädchen über Subunternehmer beschäftigen und damit den Tarifvertrag umgehen. Vania Arana zufolge landet oft ein bestimmter Typ in solchen "Müllverträgen": alleinerziehende Frauen mit mehreren Kindern, Ausländerinnen, die sich nicht wehren können. Es ist noch nicht lange her, da war Arana eine von ihnen.

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