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Spanien:"Wenige bereichern sich, die Mehrheit hat Nachteile"

Bekannt dazu hat sich die linksradikale Jugendgruppe "Arran". Sie stellte auch ein Manifest ins Internet, darin heißt es: "Der Massentourismus führt zu prekären Arbeitsverträgen, zur Vertreibung der alteingesessenen Bewohner, der Verdrängung traditioneller Läden durch Geschäfte und Bars für Touristen." Die Gruppe lehne entschieden das derzeitige Tourismusmodell ab, "in dem sich wenige bereichern, während es für die Mehrheit Nachteile bringt". Der unter Ada Colaus Ägide ausgearbeitete Stadtentwicklungsplan sieht viele Maßnahmen gegen den Massentourismus vor.

Ziel ist es, den Gesamtumsatz der Branche nicht einbrechen zu lassen, die Parole lautet also: Weg vom Massen-, hin zum Qualitätstourismus. Im Rathaus weiß man, dass der Weg dahin lang und beschwerlich sein wird. Das Programm konzentriert sich auf drei Bereiche: Verringerung der Bettenzahl, Beschränkung für die Kreuzfahrtschiffe, Lärmschutz und Nachtruhe.

Wie in keiner anderen europäischen Stadt sind in Barcelona die Touristenzahlen explodiert: 1990 meldeten 118 Hotels und Pensionen insgesamt 1,7 Millionen Übernachtungen. Mittlerweile sind 860 Beherbergungsbetriebe lizenziert, die Zahl der Übernachtungen hat sich verzehnfacht: 17 Millionen waren es im Spitzenjahr 2016. Der Löwenanteil davon, nämlich knapp 60 Prozent, entfällt allerdings auf privat vermietete Wohnungen.

Marktführer ist hier, wie auch in anderen Metropolen, mit großem Abstand Airbnb. Die Hotels können nur noch 37 Prozent der Übernachtungen für sich verbuchen; der Rest schläft auf Kreuzfahrtschiffen.

Es fehlt an Personal, die neuen Regeln zur Vermietung übers Internet durchzusetzen

Die Stadtverwaltung fährt eine Doppelstrategie, um die Zahl der Touristen zu senken: Zu den ersten Amtshandlungen Ada Colaus gehörte die Annullierung der Genehmigung für 30 neue große Hotelprojekte. Einige der Investoren haben dagegen geklagt. Gleichzeitig wird die Vermietung von Privatquartieren reglementiert: Wohnungsbesitzer brauchen eine Lizenz und dürfen nur noch jeweils ein Quartier anbieten. Dadurch soll verhindert werden, dass in ganzen Straßenzügen die bisherigen Einwohner verdrängt werden, weil die Besitzer durch die kurzfristige Vermietung an Touristen viel höhere Einnahmen erzielen können. Als das Management von Airbnb die neuen Regelungen unterlaufen wollte, verhängte das Rathaus medienwirksam eine Konventionalstrafe von 600 000 Euro.

Allerdings verfügt die Stadt, ähnlich wie Berlin, nicht über das Personal, im Internet oder durch Hausbesuche die Einhaltung der neuen Regeln flächendeckend zu überprüfen. Experten schätzen, dass die Dunkelziffer bei der Umgehung der Vorschriften sehr hoch ist. Ebenso mühsam ist es, eine Nachtruhe durchzusetzen.

Zwar werden die Vorschriften von fast allen Restaurants und Bars eingehalten, die keine Genehmigung für den Nachtbetrieb haben, wie es bei den meisten Diskotheken der Fall ist. Doch das Problem sind lärmende Touristenhorden in den Straßen und wilde Feste in Wohnungen, die der Stadt den Ruf eingetragen haben, eine der besten Partymetropolen Europas zu sein.

Hingegen scheint das Problem der Kreuzfahrtschiffe leichter lösbar zu sein, zumindest auf den ersten Blick. Keinen anderen europäischen Hafen laufen mehr dieser Ozeanriesen an. Sie verpesten die Luft, machen Lärm. Zwar werden mehrere Tausend Passagiere der großen Schiffe vom Hafen für ein paar Stunden zu den Touristenmeilen gekarrt. Doch davon profitieren nur die Besitzer von Andenkenläden, während die Gastronomie allenfalls geringe Gewinne verbuchen kann. Denn auf den Schiffen haben die meisten Passagiere All-inclusive-Versorgung - wenig Grund, Geld in den teuren Restaurants auszugeben.

Auch in der Geschäftswelt der Stadt gibt es also wenig Widerstand gegen die Pläne, die Zahl der Kreuzfahrtschiffe, die den Hafen anlaufen, drastisch zu senken. Allerdings ist die Stadt dafür nicht zuständig. Die nationale Infrastruktur ist Sache der Zentralregierung - und dort sieht man die Dinge anders.

© SZ vom 08.03.2018/edi

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