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Skiurlaub in Österreich:Mehr ist mehr am Arlberg

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Auf knapp 1500 Metern Höhe fallen in Warth im Schnitt pro Winter zehn Meter Schnee.

(Foto: Skigebiet Warth-Schröcken)

Vor vier Jahren wurde das beschauliche Warth-Schröcken an den Skizirkus am Arlberg angeschlossen. Andere mögen das Wettrüsten im Schnee kritisieren - hier freut man sich über einen neuen Aufbruch.

Sechs Kinder sind vergangenes Jahr in Warth geboren worden, so viele wie schon lange nicht mehr. Im alten Walserdorf am Hochtannbergpass zwischen Tiroler Lechtal und Bregenzerwald ist man stolz. Schließlich hat Warth insgesamt nur 160 Bewohner. Bürgermeister Stefan Strolz muss nun sogar wieder eine Kindergärtnerin bezahlen. Es herrscht Aufbruchstimmung, aber nicht nur wegen des außergewöhnlichen Kindersegens.

Eher, weil man seit vier Jahren zu einem der bekanntesten Skigebiete der Welt gehört, zu Ski Arlberg. Ski Arlberg vermarktet sich als größtes Skigebiet Österreichs, mit 88 Bahnen und 305 Kilometern Piste. Es ist auch ein Gebiet der Gegensätze: Das beschauliche Warth und sein Nachbarort Schröcken haben eine direkte Liftverbindung zu den teuren, exklusiven Orten Lech und Zürs und seit einem Jahr auch zur Ski-Partymetropole St. Anton. Andere mögen das Wettrüsten hin zu immer mehr Liften und Pistenkilometern kritisieren, die Warther und Schröckener tun es nicht. Das Geschäft mit dem Schnee ist ihr Leben.

"Der Anschluss war wichtig für uns", sagt Angela Schwarzmann, Chefin des Tourismusbüros von Warth-Schröcken. "Es war ein Impuls für Investitionen." Vier Jahre ist es her, seit der sogenannte Auenfeldjet eröffnet worden ist. Die zwei Kilometer lange Gondelbahn über das Hochplateau Auenfeld verbindet die 14 Lifte von Warth-Schröcken mit den Pisten von Lech und Zürs - und diese wiederum sind seit einem Jahr auch noch an St. Anton und St. Christoph angeschlossen. Es sind nach wie vor zwei Welten, die hier verbunden worden sind. In Lech gibt es auf den Hütten Champagner in Magnumflaschen. Das Schnitzel kostet dort 25 Euro, hier, auf der Warth-Schröckener Seite, sind es 15 Euro. Dieses Gefälle wird der Auenfeldjet wohl nicht so schnell überwinden.

Aber das Erkunden der anderen Seite kostet ja nichts, wenn man einmal den Skipass hat. Das Interesse der Skifahrer ist da: 15 Prozent mehr Gäste als vorher zählen die Warth-Schröckener, und die Befürchtung, dass niemand mehr auf der ruhigeren Seite am Hochtannbergpass würde bleiben wollen, hat sich nicht bewahrheitet. "Der Austausch ist gleichmäßig", sagt Thomas Übelher, Prokurist der Skilifte Warth. Was die Warther noch viel besser finden: Es ist ein Ruck durch die Gemeinde gegangen. "Viele aus der jungen Generation haben die Hotels ihrer Eltern übernommen", sagt Übelher. Das hätten sie wohl nicht gemacht, hätte es nicht diese Verbindung gegeben, meint er. Und ob sie Geld von der Bank bekommen hätten, wer weiß.

Es sind nach wie vor zwei sehr unterschiedliche Welten, die da mit Liften verbunden wurden

Die Skilifte Warth haben auch investiert: Seit dieser Wintersaison gibt es die nur 500 Meter lange Dorfbahn, eine recycelte Bahn übrigens, die in Pettneu auf der anderen Seite des Arlbergs abgebaut worden ist. Die Skifahrer gelangen damit direkt aus dem Zentrum des Ortes hinauf ins Skigebiet, ein Kinderskiland wurde gleich noch angefügt. Statt 15 gibt es jetzt 104 Schneekanonen und -lanzen, dazu ein ausgeklügeltes Leitungsnetz samt Speicherteich. Insgesamt haben sie für die Schneesicherheit 14 Millionen Euro ausgegeben.

Auf der Piste, in der Loipe

Die aktuellen Schneehöhen in den Alpen bei Schneehoehen.de.

Wobei die Investition in die Beschneiungsanlage in diesem niederschlagsreichen Winter manchen Warthern fragwürdig erscheint. Das sei die größte Fehlinvestition gewesen, soll ein Aufsichtsrat am Telefon halb im Spaß geschimpft haben, an einem Tag mit kräftigem Schneefall, erzählt Übelher. Schnee hat es hier in der Tat meistens genug: Die Messungen oben am Körbersee, der auf der Schröckener Seite des Skigebiets liegt, ergaben, dass es seit 1980 im Durchschnitt etwa zehn Meter pro Jahr geschneit hat, sagt Ulrike Schlierenzauer, Juniorchefin des Hotels Körbersee und zugleich Mitarbeiterin des Lawinenwarndienstes. Ihr Vater Fritz misst schon seit Jahrzehnten jeden Morgen die Schneehöhe, die Temperatur und die Neuschneemenge. "Das ist sein Frühsport." Das Fazit: Warth-Schröcken ist das schneereichste Skigebiet der Alpen. Schnee ist das Kapital, das den beiden Walserdörfern bis heute das Überleben gesichert hat.

Schon im 19. Jahrhundert sanken die Einwohnerzahlen von Warth und Schröcken, das harte Bergbauernleben warf nicht genügend Einkommen ab. Der Pfarrer Johann Müller soll in den 1890er-Jahren das erste Paar Skier nach Warth gebracht und heimlich nachts im Pfarrgarten geübt haben. Seine erste Tour führte ihn - fast 120 Jahre vor der Eröffnung des Auenfeldjets - hinüber nach Lech. Bald lachte man nicht mehr über ihn. Es kamen immer mehr Menschen mit Skiern in den Ort.

Aber die Liftverbindung nach Lech wagte man lange nicht. "40 Jahre hat es gedauert", sagt der Skilehrer und Bergführer Gebhard Fritz. Das weiß er ziemlich genau, war er doch 20 Jahre lang, bis 2012, Bürgermeister von Warth und hat lange für die Teilhabe am großen Skizirkus geworben. "Eine meiner Hauptaufgaben war der Anschluss nach Lech", sagt er. Der Naturschutz sei in diesem Fall gar nicht so das Problem gewesen, sagt er, weil der Auenfeldjet nur eine Verbindungsbahn sei, für die keine neue Piste gebaut wurde. Nein, es waren die Verkehrsflüsse. Würden die Zufahrtsstraßen zum Hochtannbergpass überlastet werden? Wie würde sich das auf den Bregenzerwald auswirken? Drei Studien, sagt Fritz, habe es gebraucht. Und dann mussten auch noch Bedenken von Lecher Hoteliers ausgeräumt werden, die befürchteten, dass eine zu wenig zahlungskräftige Klientel kommen würde.

Jetzt, vier Jahre später, haben sich die Befürchtungen als unberechtigt erwiesen. Die Skifahrer verteilen sich gleichmäßig, testen mal die eine, mal die andere Seite. Wer das ganze Arlberggebiet an einem Tag durchqueren will, der braucht ohnehin gute Orientierung und trainierte Oberschenkel. "Run of Fame" heißt die 85 Kilometer lange Rundtour von Warth nach St. Anton und zurück. Früher sei er im Winter nie nach Lech gekommen, sagt Markus Lorenz, Betriebsleiter der Skilifte Warth. Jetzt öfter. Dabei macht er auch mal eine interessante Entdeckung. "In der Bergstation der Schlegelkopfbahn gibt es ein ganz neues Restaurant", sagt er, "drinnen ist alles schwarz. Und da gibt es Sushi und so was." Nicht nach Warther Geschmack, so viel hört man heraus.

Die Hoteliers von Lech sorgten sich, ob die Klientel aus Warth zahlungskräftig genug ist

Nicht nach Warther Geschmack wäre auch eine unkontrollierte Entwicklung. Die Kirche, ein paar größere Häuser, Pensionen, Gasthöfe, Skilifte, so sieht das Dorf jetzt aus. Doch es tut sich was. Zwei Vier-sternehotels sollen demnächst gebaut werden. Ein Block mit hochwertigen Ferienwohnungen namens "Warths!Ap" hat zu Beginn des Winters eröffnet. Im Rohbau befinden sich, angeschlossen an den Lechtaler Hof, 13 Wohnungen, die als "Lux Alp Apart Chalets" zum Verkauf stehen. Auf der Schröckener Seite gibt es seit dem vergangenen Jahr ein Chalet-Dorf in der gehobenen Preisklasse. Es ist gut gebucht.

Und was soll noch kommen? Gern noch mehr als die bisherigen 1300 Betten, aber möglichst ohne Immobilienentwickler, wie der Warther Bürgermeister Strolz betont. "Es soll ruhig bleiben." Es sollen "warme Betten" sein, also keine Zweitwohnungen. Leicht wird es nicht, dies zu verhindern, das ist Strolz bewusst. Im benachbarten Schröcken, das 220 Einwohner zählt, setzt man auf Überschaubarkeit. 900 Gästebetten gibt es, meist in Gasthäusern und Pensionen. "Unser Ziel sind maximal 1500 Betten", sagt der Schröckener Bürgermeister Herbert Schwarzmann. In Schröcken befindet sich auch die Grundschule. Und die beiden Kindergartengruppen aus Warth und Schröcken besuchen sich gegenseitig. Man will die Schule und die Kindergärten halten. Auch der Lebensmittelladen soll bleiben, weshalb ihn die Gemeinde betreibt. "Sonst müsste man für alle Einkäufe mit dem Auto fahren", sagt Schwarzmann.

Den vielen Schnee liebt man in Warth-Schröcken, ein paar Tage gesperrte Straßen wegen Lawinengefahr, das macht den Bewohnern nichts aus. Die erste Frage, die Skilehrer Gebhard Fritz an einem trüben, verschneiten Tag stellt, ist nicht, ob man lieber drinnen im Whirlpool bleiben möchte. Nein, sie lautet: "Es hat geschneit. Piste oder Gelände?" Und weil die Lawinenlage es zulässt - ab in den richtigen Schnee.

Reiseinformationen

Anreise: Mit dem Auto sind es via Garmisch-Partenkirchen etwa 180 Kilometer von München aus. Per Zug gelangt man bis Dornbirn oder Reutte, von dort aus jeweils weiter per Bus. Der Skibus in Warth-Schröcken ist zwischen Schröcken-Unterboden und Warth-Lechleiten kostenlos.

Unterkunft: Z.B. im Sporthotel Steffisalp, Warth, Halbpension im Doppelzimmer ab 104 Euro pro Person (www.steffisalp.at). Nur per Ski oder zu Fuß erreichbar ist das Hotel Körbersee, Übernachtung mit Halbpension ab 71 Euro, www.koerbersee.at

Skifahren: Die Lifte in Warth und Schröcken bieten Zugang zu Ski Arlberg. Der Tagespass dafür kostet 53 Euro, für das Skigebiet Warth-Schröcken alleine zahlt man 51 Euro; www.warth-schroecken.at. Weitere Auskünfte: www.warth-schroecken.com

Hinweis

Die Recherchereise für diesen Beitrag wurde zum Teil unterstützt von Veranstaltern, Hotels, Fluglinien und/oder Tourismus-Agenturen.

© SZ vom 22.03.2018/ihe
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