Süddeutsche Zeitung

Tourismus:Urlaub dort machen, wohin andere flüchten?

Die Flüchtlingskrise hat auch Badeorte am Mittelmeer verändert. Zur neuen Saison bringt das Touristen wieder in ein Dilemma.

Von Irene Helmes

Es gibt Gegenden, die so schön wie schrecklich sind - die Sonora-Wüste etwa. Und das Mittelmeer. Im Süden Arizonas fotografieren Touristen gerne die Orgelpfeifenkakteen vor der schroffen Kulisse der Ajo Mountains. Was Naturfreunde und Wild-West-Romantiker begeistert, ist zugleich eine Albtraumlandschaft für diejenigen, die aus dem nahen Mexiko zu Fuß einen unbewachten Weg in die USA suchen. Auch das Mittelmeer wird für viele in gnadenlos überfüllten Booten zur Falle, während andere in Kreuzfahrtschiffen komfortabel über die Wellen gleiten oder sich an den Stränden fragen: Lieber Eis oder Cocktails zur Erfrischung?

Im Unesco-geschützten US-Nationalpark kommen jährlich mehr als 100 Menschen auf Verzweiflungswanderungen ums Leben. Vor Europas Küsten sind allein 2015 laut Vereinten Nationen mindestens 3725 Menschen gestorben oder verschwunden, ein Ende ist nicht in Sicht. So sind beide, die Südgrenzen der USA und die der EU, Schauplatz einer tragischen Gleichzeitigkeit von Urlaubsvergnügen und Überlebenskampf.

Vermeintlich Banales bekommt eine andere Bedeutung

Vor gut zehn Jahren machten Tom Holert und Mark Terkessidis in ihrem Buch "Fliehkraft" auf einen Bewusstseinsmangel unserer Gesellschaft aufmerksam: "Die Räume, in denen sich Migranten bewegen, und die Räume, in denen Touristen reisen, sie sollen, sie dürfen sich nicht verschränken." Spätestens seit dem vergangenen Jahr geht genau das nicht mehr: das Schicksal der anderen ausblenden, weil das Mitbedenken ein Stimmungskiller wäre. Zwar haben besonders Mitteleuropäer Ausdauer dabei bewiesen, Nachrichten aus Lampedusa und anderen Unglücksorten im Süden zu verdrängen. 2015 aber wurde das Thema so allgegenwärtig, dass Urlauber kaum mehr umhinkönnen, sich die Frage zu stellen: Will ich und soll ich dort Ferien machen, wo unter Umständen zugleich Flüchtlinge landen?

Und es geht ja nicht nur um den Jahresurlaub am Strand. Beim Reisen im weiteren Sinn bekam vermeintlich Banales auf einmal eine andere Bedeutung. Bahnfahren etwa: Für die meisten Deutschen ist es bestenfalls schnell und bequem, schlimmstenfalls umständlich und teuer. Dann wurden Zugstrecken quer über den Kontinent Teil des Flüchtlingsdramas. Die Verbindung von Ungarn über Wien und Salzburg nach Bayern verwandelte sich zum Endpunkt der Balkanroute. Auch in Richtung Skandinavien wurden Züge, Autos und Fähren kontrolliert und aufgehalten. Am Eingang zum Eurotunnel versuchen Flüchtende weiterhin, sich nach England durchzuschlagen - parallel zur wohlgeordneten Welt der Pendler und Städtereisenden, der Rollköfferchen und Sparpreise. Extreme Bilder haben sich eingebrannt: von Nordafrikanern, die über den Zaun der spanischen Exklave Melilla zu klettern versuchen, während im Vordergrund Golfspieler die Schläger schwingen; von Sonnenanbetern, die in Sizilien oder der östlichen Ägäis an Bootswracks vorbeiflanieren oder selbst Schiffbrüchige aus dem Wasser ziehen.

So begegnen sich auf absurde Weise Menschen, deren Glück und Unglück ganz maßgeblich von ihrem Pass abhängt. Diejenigen, die sich nun bewachte Grenzen zurückwünschen, um wieder ihre Ruhe zu haben, tun dies in der Gewissheit, dass ihnen selbst die Welt offen bleibt. Allen voran die Deutschen müssen keine Kontrolle, keinen Checkpoint fürchten. In ihren Taschen steckt das mächtigste Reisedokument, keine Staatsbürgerschaft ermöglicht den visafreien Eintritt in mehr Länder, derzeit 177. Im besten Fall könnte das Drama der Flüchtlinge dazu beitragen, dass die Europäer ihre Reisefreiheit wieder mehr als das schätzen, was sie ist: ein Privileg.

Wie werden sie dieses unter dem Eindruck des vergangenen Jahres nutzen? Für viele ist diese Frage ja ein ethisches Dilemma: Ist es dekadent und zynisch, wenn ich meinen Urlaub dort - gar in Sichtweite - verbringe, wo andere ihr Leben zu retten versuchen? Und auf der anderen Seite sind da die Einheimischen, die von den Touristen leben. Deren große Angst es war und ist, dass sich ihre zahlenden Gäste von den Flüchtlingen gestört, gar abgeschreckt fühlen.

Mindestens zwei Fragen sollten gestellt werden

Bei Fernreisen nehmen Touristen die Konfrontation mit Not und Ungleichheit meist in Kauf. Dass nun auch Europas Ränder als emotionale Herausforderung gelten können, ist für die Branche ein schlimmes Szenario, zumal es hier um die Masse der Kunden geht. Urlauber meiden Regionen weiträumig, die sie mit Problemen in Verbindung bringen, das ist ein bekannter Effekt. Er kann verheerende Folgen haben, zuletzt war das in Afrika zu beobachten. Als in einigen Ländern Ebola grassierte, wurde für viele der ganze Kontinent zur gefühlten No-go-Area.

Dass das Thema Flucht hoch politisiert ist, macht die Sache noch komplexer. Viele haben sich zu Hause klar positioniert, ob als Helfer oder als Hetzer. Ihre Einstellungen werden sie auf Reisen mitnehmen. Andererseits sind Touristen bekannt für ihr kurzes Gedächtnis. Und Angst vor Terror in anderen Baderegionen relativiert einiges. Griechenland wie auch Italien rechnen mit einem guten Sommergeschäft. Nur wenige Orte haben einen drastischen Einbruch bei den Gästezahlen zu verzeichnen, im Wesentlichen die Inseln der östlichen Ägäis. Sie werben massiv. Das Chaos sei erledigt, die Routen verliefen nun anders: "Keep calm and love Greece", so formulierte es der Lobbyist George Drakopoulos auf der Touristikmesse ITB.

Niemand muss sich rechtfertigen

Doch egal, wo die nächsten Brennpunkte sein werden: Wer einige Dutzend oder auch Hunderte Kilometer zwischen sich und die Not anderer bringt, lässt sie höchstens aus dem eigenen Blickfeld verschwinden. Zwar muss sich niemand dafür rechtfertigen, das vermeintlich unkomplizierteste Ziel für sehnlich erwartete Ferien auszuwählen.

Mindestens zwei Fragen sollte sich jedoch stellen, wer ein Ziel meiden möchte, weil er dort einen Schauplatz der Flüchtlingskrise vermutet. Zum einen, ob diese Annahme überhaupt der augenblicklichen Realität entspricht. Und zum anderen: Wer ausdrücklich aus Gewissensgründen seine Pläne ändern möchte, muss überlegen, wem damit geholfen ist. Wenn Einheimische durch das Ausbleiben von Gästen um ihre Existenzgrundlage fürchten, werden Menschen auf der Flucht umso eher zu Sündenböcken. Ein Fernbleiben der Urlauber würdigt sie leicht zu bloßen Störfaktoren herab. Wer sich moralisch verhalten will, hat andere Möglichkeiten, als den Urlaub zu verlegen. Zum Beispiel, sich zu Hause gegen Radikale zu stellen.

Bis auf Weiteres werden auch tragikomische Situationen zur europäischen Wirklichkeit gehören. Eine Reporterin der Zeit beobachtete im August auf Kos, wie ein griechischer Ticketverkäufer einen Passanten für einen Tagesausflug ins türkische Bodrum zu begeistern versuchte. Doch der war nicht Urlauber, sondern Syrer. Seine Antwort fiel höflich aus: "Vielen Dank, aber da komme ich gerade her."

Gute Reise - Wie wir Urlaub machen wollen

Jedes Jahr sind etwa eine Milliarde Touristen unterwegs. Das bietet riesige Chancen für die besuchten Länder. Und einige Probleme.

Alle bisherigen Folgen der Serie gibt es unter sz.de/gutereise

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SZ vom 02.06.2016
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