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Tourismus:Mindestens zwei Fragen sollten gestellt werden

Bei Fernreisen nehmen Touristen die Konfrontation mit Not und Ungleichheit meist in Kauf. Dass nun auch Europas Ränder als emotionale Herausforderung gelten können, ist für die Branche ein schlimmes Szenario, zumal es hier um die Masse der Kunden geht. Urlauber meiden Regionen weiträumig, die sie mit Problemen in Verbindung bringen, das ist ein bekannter Effekt. Er kann verheerende Folgen haben, zuletzt war das in Afrika zu beobachten. Als in einigen Ländern Ebola grassierte, wurde für viele der ganze Kontinent zur gefühlten No-go-Area.

Dass das Thema Flucht hoch politisiert ist, macht die Sache noch komplexer. Viele haben sich zu Hause klar positioniert, ob als Helfer oder als Hetzer. Ihre Einstellungen werden sie auf Reisen mitnehmen. Andererseits sind Touristen bekannt für ihr kurzes Gedächtnis. Und Angst vor Terror in anderen Baderegionen relativiert einiges. Griechenland wie auch Italien rechnen mit einem guten Sommergeschäft. Nur wenige Orte haben einen drastischen Einbruch bei den Gästezahlen zu verzeichnen, im Wesentlichen die Inseln der östlichen Ägäis. Sie werben massiv. Das Chaos sei erledigt, die Routen verliefen nun anders: "Keep calm and love Greece", so formulierte es der Lobbyist George Drakopoulos auf der Touristikmesse ITB.

Niemand muss sich rechtfertigen

Doch egal, wo die nächsten Brennpunkte sein werden: Wer einige Dutzend oder auch Hunderte Kilometer zwischen sich und die Not anderer bringt, lässt sie höchstens aus dem eigenen Blickfeld verschwinden. Zwar muss sich niemand dafür rechtfertigen, das vermeintlich unkomplizierteste Ziel für sehnlich erwartete Ferien auszuwählen.

Mindestens zwei Fragen sollte sich jedoch stellen, wer ein Ziel meiden möchte, weil er dort einen Schauplatz der Flüchtlingskrise vermutet. Zum einen, ob diese Annahme überhaupt der augenblicklichen Realität entspricht. Und zum anderen: Wer ausdrücklich aus Gewissensgründen seine Pläne ändern möchte, muss überlegen, wem damit geholfen ist. Wenn Einheimische durch das Ausbleiben von Gästen um ihre Existenzgrundlage fürchten, werden Menschen auf der Flucht umso eher zu Sündenböcken. Ein Fernbleiben der Urlauber würdigt sie leicht zu bloßen Störfaktoren herab. Wer sich moralisch verhalten will, hat andere Möglichkeiten, als den Urlaub zu verlegen. Zum Beispiel, sich zu Hause gegen Radikale zu stellen.

Bis auf Weiteres werden auch tragikomische Situationen zur europäischen Wirklichkeit gehören. Eine Reporterin der Zeit beobachtete im August auf Kos, wie ein griechischer Ticketverkäufer einen Passanten für einen Tagesausflug ins türkische Bodrum zu begeistern versuchte. Doch der war nicht Urlauber, sondern Syrer. Seine Antwort fiel höflich aus: "Vielen Dank, aber da komme ich gerade her."

Gute Reise - Wie wir Urlaub machen wollen

Jedes Jahr sind etwa eine Milliarde Touristen unterwegs. Das bietet riesige Chancen für die besuchten Länder. Und einige Probleme.

Alle bisherigen Folgen der Serie gibt es unter sz.de/gutereise

© SZ vom 02.06.2016

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