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Serie: Deutsche Straßen:Mehr Licht im Schillerhaus

Mehr Licht!, da fällt Hellmut Seemann noch etwas ein, also weiter, zum Schillerhaus. Während Goethe vom Licht wenn überhaupt nur fiebrig fantasierte, erreichte Schiller noch zu Lebzeiten einen echten Durchbruch, und zwar an der Ostseite seines Arbeitszimmers. Das Fenster gibt es heute noch, wie es im Schillerhaus überhaupt vieles noch wie damals irgendwie gibt, nur der Blick nach draußen ist mit Sicherheit ein anderer geworden. Lebte Schiller noch, er könnte auf das Schiller-Kaufhaus schauen und auf die Werbetafel eines gewissen Divan, der zwar keine Gedichte, wohl aber einen west-östlichen Vorspeisenteller im Angebot hat.

Spätestens mit diesem Blick muss einem klar werden, dass es an Ort und Stelle verschiedene Weimars gibt. Es gibt das Weimar von Hellmut Seemann, der mit fast beschämender Leichtigkeit von Harry Graf Kessler erzählt, von Nietzsche und van de Velde, der Geschichte und Geschichten Weimars kennt wie Teile einer Partitur, deren Komposition ihm auch als Ganzes vertraut in den Ohren liegt. Seemann sagt, es sei der Hauptaspekt von Weimar, dass immer alles mit allem zusammenhängt, alle Biografien und Begebenheiten. Es gibt das Weimar der Touristen, denen die kleine Filmvorführung im Schiller-Museum und ein paar ausgegebene Euros im integrierten Tante-Tinnef-Laden im Grunde genügen. Es gibt, schließlich, das Weimar von Thomas Lüttich, es liegt ein wenig versteckt, lohnt aber jede Sekunde der Suche.

Das ehemalige Wohnhaus von Friedrich Schiller in der Schillerstraße.

(Foto: imago)

Buchbinder in sechster Generation

Wer das Schlimmste annimmt, den kann es irgendwie beruhigen, dass die Läden in der Schillerstraße großenteils zu einer eingetragenen Genossenschaft gehören, keinem Invest-Ungeheuer. Wer auf das Traditionelle hofft, der kann sein Herz wärmen an dem kleinen Reich von Thomas Lüttich, das sich weit hinter einer Schillerstraßenfassade auftut. Lüttich ist Buchbinder in sechster Generation, er kommt beim Zählen der vielen "Ur"s kurz durcheinander, als er seine Verbindung zu August Lüttich benennen möchte, der einst den Großherzoglichen Prinzen das Buchbinderhandwerk lehrte. Thomas Lüttich hat den Betrieb 1990 übernommen. Er erinnert sich auch an die Zeit davor, an die DDR und den Mangel, "da haben wir ins Blaue produziert, und uns wurde alles aus den Händen gerissen." Heute? Produziert Lüttich nur noch bei konkreten Aufträgen.

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Es gibt in der Schillerstraße auch für Thomas Lüttich noch ganz gute Laufkundschaft, Studenten meist, solche der freien Künste, der Architektur oder Gestaltung. Irgendwie ist sein Betrieb auch in den Baedeker gekommen, Lüttich weiß selbst nicht, auf welchen Wegen. Mit anderen Worten: Es geht schon alles, irgendwie. Bereut er es dennoch, nach dem Mauerfall und nach dem Tod des Vaters die Buchbinderei übernommen zu haben? "Ja und nein", sagt Lüttich. Einerseits sei sein Handwerk abwechslungsreich und bereite ihm Freude. Andererseits: zwei Wochen Urlaub im Jahr. Der letzte größere ist zehn Jahr her.

Thomas Lüttich führt nun durch seine Werkstatt. Der Tisch da, die Papierkiste dort, der Hocker daneben - alles aus dem 19. Jahrhundert. Ein unbezahlbarer Manufakturgeruch liegt in der Luft, womöglich ist es der "Buchbinder-Leim", den Lüttich in leeren Frühstücksgläsern verkauft wie Honig aus eigener Herstellung. Lüttich ist in einem Durchgang zum Stehen kommen, an der Wand neben ihm hängen kleine Bilderrahmen akkurat übereinander. Das Bild in der untersten Reihe zeigt Thomas Lüttich. Frage: Kommt da irgendwann ein neues Bild hin, unter Ihres? Lüttich sagt: "Ich bin der Letzte. Nach mir ist Schluss." Lüttich sagt das ohne Groll. Mit leichter Freude, mindestens aber mit Neugier erzählt er auch, dass er bald verstärkt im Internet nach Kunden suchen wolle, über das Netz könne er auch gar nicht klagen. Wer weiß, im Internet wird die Buchbinderei von Thomas Lüttich womöglich besser zu finden sein als in der Peripherie der Schillerstraße. Auch das wäre Weimar, auch das wäre deutsche Gegenwart.

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